Vendée Globe: Bernard Stamm disqualifiziert

Das Lachen ist vergangen

Bernard Stamm ist bei der Vendée Globe disqualifiziert worden. Die Internationale Jury bemängelte verbotene Hilfestellung durch die Crew eines russischen Forschungsschiffes bei seinem Pannen-Stopp.

Bernard Stamm im Mast auf seinem Ankerplatz vor Neuseeland

Bernard Stamm im Mast auf seinem Ankerplatz vor Neuseeland. © Stamm

Was muss dieser Mann noch alles ertragen? Der Schweizer Bernard Stamm droht bei der Vendée Globe an einer banalen Jury-Entscheidung zu scheitern, nachdem er erfolgreich einen Reparatur-Marathon hinter sich gebracht und die Sieg-Hoffnungen längst begraben hatte.

Zweimal scheiterte der Schweizer Bernard Stamm schon bei der Vendée Globe. Zuletzt strandete er 2009 spektakulär auf den Kerguelen Inseln im südlichen Indischen Ozean, als er sein zerschmettertes Ruder reparieren wollte.

Es schien damals auch das Aus für den Profisegler Bernard Stamm zu sein. Er trat später mangels konkurrenzfähigem 60 Fußer 2010 bei der Route du Rhum in der kleineren Class 40 an. Der Abstieg schien vorprogrammiert. Aber dann finanzierte Sponsor Cheminées Poujoulat doch noch einen Neubau für die aktuelle Vendée Globe, der den Schweizer sogar zum Mitfavoriten machte.

Die Seelöwen sind Zeuge. "Cheminées Poujoulat" vor den Auckland Islands

Die Seelöwen sind Zeuge. “Cheminées Poujoulat” vor den Auckland Islands. © Stamm

Der argentinische Star-Designer Juan Kouyoumdjian, der mit seinen Konstruktionen das Volvo Ocean Race beherrscht hatte, durfte sich an der Open 60 Klasse versuchen. Und Stamm enttäuschte keineswegs. Direkt nach dem Start übernahm er kurz die Führung und gehörte dann acht Tage lang zum Führungs-Trio. Danach schwächelte er etwas, als in den schwachwindigen Doldrums am Äqutor eine Genua zerriss. Er fiel auf Rang sechs zurück. Aber am Ende der ersten Dezemberwoche übernahm er am zweiten Eistor sogar die Führung.

Anschluss verloren

Alles schien möglich. Schiff und Skipper konnten den unglaublich stark segelnden französischen Konstruktionen von Designer Verdier Paroli bieten. Aber dann verlor der zähe Schweizer doch den Anschluss. Spät gab er bekannt, dass er Probleme mit der Energieversorgung hat. Die Hydrogeneratoren, die auch Alex Thomson Probleme bereiten, funktionierten nicht.

Bernhard Stamm auf seinem Ankerplatz vor Neuseeland. Wenig Wind, viel Schwell.

Bernhard Stamm auf seinem Ankerplatz vor Neuseeland. Wenig Wind, viel Schwell.

Ein scheinbar banales Problem, das aber Auswirkungen auf die gesamte Bedienbarkeit des Schiffes hat. Abgesehen von der Kommunikation und Wetterinformationen, funktionieren Autopilot oder Kielramme nicht mehr. Stamm steuerte die Auckland Islands an, um Schutz für die Reparatur zu suchen. Die Entscheidung muss ein frustrierender Moment gewesen sein. Von da an konnte er die Vendée Globe nicht mehr gewinnen. Es ging nur noch um das Ankommen.

Das russische Forschungsschiff "Professor Khromov", das Bernhard Stamm half.

Das russische Forschungsschiff “Professor Khromov”, das Bernhard Stamm aus der Patsche half. © Aleksey Ostrovskiy

Aber auch das seemannschaftlich anspruchsvolle Ankermanöver vor den Augen von Robben und Seelöwen ging in die Hose. Der Anker slippte über den mit Seegras bewachsenen Untergrund. Dabei kam Stamm die Besatzung eines russischen Forschungsschiffes in der Bucht zur Hilfe.

In einem Nebensatz berichtete er, dass die Russen ihm zur Hand gingen, bevor er endgültig zum geschützteren Neuseeland abbog und dort seine Reparaturen offenbar erfolgreich ausführen konnte. Der Schweizer, dem der erneute Abbruch drohte, konnte wieder einmal lachen. Aber das verging ihm jetzt ganz schnell.

Wettfahrtleitung protestiert gegen Stamm

Der Vorfall bei Neuseeland genügte der Wettfarhrtleitung, einen Protest einzureichen. Und die Jury entschied sich nun zur Disqualifikation der schweizer Yacht “Cheminées Poujoulat”. Sie gibt dem Skipper aber eine Frist von 24 Stunden (bis Donnerstag Morgen), um neue Fakten für ein Reopening des Falles herbeizuführen.

In der Begründung des Entscheidung heißt es, dass die Jury den Protest von der Rennleitung um 12:13 an Heiligabend erhalten habe und der Skipper um eine Stellungnahme gebeten wurde. Stamm kam diesem Wunsch am 29.12. nach als er das Rennen wieder aufgenommen hatte.

Bernard Stamm wünscht ein Frohes Neues Jahr.

Bernard Stamm wünscht ein Frohes Neues Jahr. Für den Schweizer beginnt es mit Ärger. © Stamm

Demnach brach der Schweizer die Plomben an der Maschine und am schweren Anker am 23.12. um 4:35 auf und vollzog das Ankermanöver in der Sandy Bay vor den Auckland Islands. Am Abend stellte er fest, dass “Cheminées Poujoulat” in Richtung des russischen Forschungsschiffes “Professeur Khoromov” abdriftete, das nebenan ankerte.

Stamm kontaktete per Funk die Crew, die vorschlug, den Open60 am Motorschiff festzumachen. Der Skipper stimmte zu, da es sich nach seiner Meinung um eine Notsituation handelte. Aber als er die Segel setzte, und die Maschine startete, um das Andockmanöver zu vollziehen, bemerkte er, dass ein Russe per Gummiboot zu seinem Schiff übergesetzt und begonnen hatte, am Bug den Anker aufzuholen.

Bernard Stamm berichtete der Jury: “Ich entschied, diese Person nicht aufzufordern, das Boot zu verlassen, weil ich keinen Grund dafür sah.” Der Russe warf schließlich auch die Bugleine zu seinen Kollegen auf der “Professeur Khoromov” und kehrte dann zu seinem Gummiboot zurück.

Zwei weitere Cremitglieder wollten helfen, aber Stamm erklärte, dass das nicht erlaubt sei, weil er sich in einem Rennen befinde. Die Hilfe des einen Mannes bezeichnet der  Schweizer aber als absolute Notwendigkeit, um sein Boot zu sichern.

Dieser Meinung ist die Jury nicht. Bernard Bonneau (FRA), Ana Sanchez (ESP), Trevor Lewis (GBR), Jack Lloyd (NZL) und Georges Priol (FRA) sehen den Fall so, dass Stamm den Russen sofort hätte bitten müssen, sein Schiff zu verlassen und disqualifizieren ihn deshalb von dieser Vendée Globe.

Fingerspitzengefühl hätte gut getan

Die Entscheidung klingt hart bei einem Rennen, das zwei Monate dauert. Und sie wurde nur dadurch möglich, dass Stamm erstaunlich offen über das Manöver mit den Russen berichtet hat. Er hatte kein Unrechtbewusstsein. Wohl niemand hätte von der erstaunlichen Begegnung am Ende der Welt erfahren.

Aber lassen die Regeln keinen Spielraum zu? Soll ein Exempel an dem Schweizer statuiert werden? Der Fan wünscht sich, dass jemand, der so hart dafür gearbeitet hat, seinen Traum von der Beendigung der Weltumsegelung fortzuführen, nicht an einer Regel-Formalie scheitern sollte.

Die Bestrafung scheint so überzogen wie die rote Karte plus Elfmeter für ein Strafraum-Foul beim Fußball. Oder wie rotgelb beim Trikot-Ausziehen. Denn anders als im Falle der Vendée Globe Teilnehmer, die das Verkehrstrennungsgebiet unerlaubt gequert hatten gab es keinen Wettbewerbsvorteil für Stamm. Er war einfach nur ehrlich. Ein wenig Fingerspitzengefühl würde diesem Fall gut tun.

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Carsten Kemmling

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10 Kommentare zu „Vendée Globe: Bernard Stamm disqualifiziert“

  1. avatar manfred sagt:

    Sitzen auch nur ISAF sackärsche und pömpelmöhren in der Jury. Bin gespannt wie stamm jetzt reagiert. . Nach les sables zurück kehren und noch ein paar leute auf dem weg überholen wäre mal eine Ansage

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  2. avatar NAMBAWAN sagt:

    Schade, nachdem was Bernard bei der Vendee Globe schon alles mitgemacht hatte…
    Ich hätte ihm ein Finish vergönnt!

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  3. avatar Christian1968 sagt:

    Klar, Regeln sind Regeln, aber es gibt immer Spielraum und wenn sich das so abgespielt hat, wie hier geschildert, dann ist Stamm in meinen Augen schuldlos.
    Gebietet nicht die Seemannschaft, dem anderen zu helfen ? Es ist doch vollkommen nachvollziehbar, dass die Russen so gut wie möglich helfen möchten und sein Deck betreten.
    Aber die Herren am grünen Tisch hätten sicher alle ganz anders gehandelt….
    Bernhard Stamm, halte durch !

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  4. avatar chenninge sagt:

    Bei einem Vorfall, der sich komplett abseits des Rennens ereignet hat (keine Wettbewerbsvorteil, wenn überhaupt dann die Vermeidung eines Totalverlustst) einen Skipper rauszuschmeißen find ich hart. Noch härter ist es, dass ja nur die (offenen und ehrlichen) Aussagen von Stamm zu Rate gezogen werden. Vom anderen Ende der Welt da mit Interpretationen zu beginnen und den Skipper in seiner Schilderung der Vorfälle zurecht zu weisen…..
    Moralisch ist es hart, ich finds aber auch rein formell eine fragwürdige Entscheidung!

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  5. blöd gelaufen, würde ich sagen. trotzdem hätte eine pönale von “X” völlig ausgereicht. segeltechnisch ist bei diesem vorfall in keinster hinsicht eine assistance zu erkennen. die maschinen sind verplombt und ein stundenzähler ist auch drauf, das wäre spätestens in les sables zu überprüfen, ob übermäßiges motoren stattgefunden hat. die ehrlichkeit bernard’s hat leider dazu beigetragen, dass die judges so entschieden haben. warten wir ab, was der gegenprotest bringt. ich gehe von einer zeitstrafe aus.
    bon vent bernard!

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  6. avatar penner sagt:

    Aus emotionaler Sicht, aus eigenen Erfahrungen (natürlich nicht da unten), aus sportlicher Sicht und aus meinem Verständnis von Fairness war das Verhalten von B.Stamm absolut ok.
    Da lag halt nur ne besonders große Mooringtonne rum, die mit Sicherheit nicht dran dachte sich in Luft aufzulösen.
    Vermutlich ist es auch ein Problem der Besatzung des russischen Schiffes klarzumachen, dass man nicht zum Essen rüberkommen kann und auch ansonsten nichts darf/will ohne für extrem unhöflich gehalten zu werden.
    Aber erzählt das mal einem Juristen.

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  7. avatar doubletrouble sagt:

    “…Und sie wurde nur dadurch möglich, dass Stamm erstaunlich offen über das Manöver mit den Russen berichtet hat. Er hatte kein Unrechtbewusstsein. Wohl niemand hätte von der erstaunlichen Begegnung am Ende der Welt erfahren…”

    Schummeln ist sowieso nicht möglich gewesen, da gab es ja noch die Besatzung der Professor K. als Zeugen … und u.U. einige Passagiere: http://www.northpolevoyages.com/ships/professor-khromov/

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  8. avatar janpet007 sagt:

    Es ist wohl klar, was die anderen Skipper aus diesem Vorfall lernen…Ehrlichkeit und Offenheit werden bestraft.

    Wahrscheinlich werden demnächst – wie nach AC-Manier – Anwälte auf den Booten mitfahren, welche die Aussagen Ihrer Segler kontrollieren 😉

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    • avatar mika sagt:

      na das geht ja schlecht bei einer soloregatta also werden demnach anwälte als skipper die nächste vg segeln… Sird sicherlich spannend obs einer bis finisterre schafft…

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      • …also ich kenne da anwälte … die würden nicht zögern die metereologen zu verklagen, wenns ned bis cap finisterre kommen, weil in der biscaya grad ein bissl seeganung und lüfterl vorherrscht!

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