Vendée Globe: Jean-Pierre Dick segelt weiter ohne Kiel – Gabart vergrößert Vorsprung

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Day 74 highlights von VendeeGlobeTV

Jean-Pierre Dick setzt seinen Weg bei der Vendée Globe vorerst auch ohne Kiel fort und hält sich auf Platz drei. Golding kritisiert den Einsatz von geschmiedeten Stahlfinnen. Francois Gabart vergrößert seinen Vorsprung zu Armel le Cleac’h wieder auf 112 Meilen.

Jean-Pierre Dick 2000 Meilen ohne Kiel

Jean-Pierre Dick überlegt noch, ob er 2000 Meilen ohne Kiel zum Ziel segeln soll. © Jean-Marie Liot / DPPI

Unglücksrabe Jean-Pierre Dick wägt seine Chancen ab, ob er auch ohne Kiel das regelkonforme Beenden der Vendée Globe erwägen sollte. In den vergangenen 24 Stunden hat er immerhin einen Durchschnitt von 11,3 Knoten erreicht und ist nur unwesentlich langsamer als Alex Thomson mit seiner “Hugo Boss”, der 13,7 Knoten schnell war. Der Brite segelte im gleichen Zeitraum 60 Meilen mehr, liegt aber immer noch 165 Meilen zurück.

Dick sagt: “Es ist eine Schande, dass ich zu diesem Zeitpunkt des Rennens den Kiel verloren habe. Über den Ausgang bin ich mir noch nicht sicher. Ich bin noch in der Regatta und habe nicht aufgegeben. Der Mast steht noch, die Segel ziehen und das Schiff schwmmt.”

Tipps von Bruchpilot Guillemot

Er habe sich per Telefon ein paar Tipps von Marc Guillemot geholt, der zu Beginn der Vendée Globe auf seiner “Safran” den Kiel verlor und viele Meilen zum nächsten Hafen segeln musste. 2008 segelte er 1000 Meilen unten ohne bis zum Ziel. “Das Boot segelt zurzeit sicher und sollte auch in einer Böe nicht kentern. Es ist wirklich beeindruckend, dass ich 12 Knoten segeln kann. Aber wir werden erst einmal Richtung Azoren segeln.”

Vendée Globe Karte am 23.1.

Vendée Globe Karte am 23.1. Gabart hat das Azoren-Hoch passiert und die Führung ausgebaut. Jean-Pierre Dick hält sich auf Rang drei ohne Kiel.

Dick stabilisiert seinen breiten, formstabilen Open 60 mit Wasserballast gegen den Winddruck und kann jeweils das Leeschwert benutzen, um die Abdrift zu verhindern. Aber es ist klar, dass er ständig aufpassen muss, um bei plötzlich auffrischendem Wind eine Kenterung zu vermeiden. Der Autopilot dürfte mit dem deutlich veränderten Lateralpan auch nicht mehr so zuverlässig sein, wie bisher.

Wird es der Franzose versuchen, die verbleibenden 2000 Meilen zum Ziel ohne Kiel zurückzulegen? 2004 beendete Mike Golding die Vendée Globe ohne Kiel, musste aber nur 50 Meilen bewältigen.

Golding ärgert sich über lasche Kiel-Regel

Mit dem Kielbruch melden sich auch die nach der ersten Ausfall-Serie verstummten Stimmen wieder, die die Sicherheit der aktuellen Open 60 Flotte kritisieren. So ärgert sich selbst Teilnehmer Mike Golding über den Vorfall. Denn er habe zuvor einen einsamen Kampf gegen die geschweißten Stahlfinnen gekämpft. Als Klassenpräsident sei er viele Jahre für eine Regeländerung zu geschmiedeten Finnen eingetreten, habe aber jeweils bei den Abstimmungen verloren.

Er selbst vertraue inzwischen auf eine Karbonfinne. Die Schweiß-Kiele halten seiner Meinung nach maximal für die Periode einer Vendée Globe. Problematisch sei es, dass die Kiele ohne Warnung brechen. “Man sieht nichts, hört nichts und fühlt auch nichts.” Die Finne verbiege erst extrem und breche dann ab.

Deshalb glaube er auch, dass die starke Krängung, die Dick auf eine plötzliche Böe zurückführt, eher von dem Verbiegen der Flosse hergerührt habe. “Es hört sich genau so an, wie es bei mir damals passiert ist.”

Auch Alex Thomson äußert sich geschockt über Dicks Unglück. “Ich habe gedacht, dass nach den vielen Bruch-Geschichten früherer Vendée Globes die Kielprobleme behoben sind.” Er sei aber schon überrascht gewesen, dass er 2003 neu in der Klasse ein Boot übernommen habe, dessen Kiel hätte getauschte werden müssen, weil es die maximale Meilen-Leistung von 80.000 überschritten habe. Seitdem seien aus Gründen der Gewicht-Ersparnis Kiele gebaut worden, die nur noch ein um-die-Welt-Rennen überleben.

Ein Kiel sollte so lange halten wie die Yacht

“Ich komme aus einer Welt, wo ein Kiel so lange hält wie das Boot. Und dahin müssen wir auch wieder zurück kommen.”  2009 habe die IMOCA Klasse zwar einige Regeln eingebracht, die Kiele sicherer machen, aber offensichtlich reiche das nicht aus. “Genug ist genug. Kiele müssen wieder aus solidem Stahl gemacht werden, bevor noch jemand ernsthaft verletzt wird.”

Laut Klassen-Neuling Jörg Riechers ist genau das der Plan. Die Klasse habe schon so gut wie beschlossen, dass die Kielkonstruktionen stärker reglementiert werden. Auch eine One-Design Kiel Lösung für Neubauten ist im Gespräch. Ob das auch die alten Open 60s betreffe ist noch nicht klar.

An der Spitze der Vendée Globe hat Francois Gabart bei der Umfahrung des Azoren Hochs den Abstand zu Armel le Cleac’h von 85 Meilen wieder auf 112 Meilen vergrößert und direkten Kurs auf das Ziel eingeschlagen. Seine Ankunft wird zurzeit um 22 Uhr am Samstag Abend erwartet. Er kann sich seines Sieges aber immer noch nicht sicher sein. Am Kap Finisterre tut sich noch einmal ein Flauten-Hindernis auf, das le Cleac’h noch eine letzte Sieg-Chance bieten könnte.

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Carsten Kemmling

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11 Kommentare zu „Vendée Globe: Jean-Pierre Dick segelt weiter ohne Kiel – Gabart vergrößert Vorsprung“

  1. avatar Stumpf sagt:

    wie kann der alleine und ohne kiel auf so einem großen boot noch über 11 kn machen???

    wasserbalast hin schwert her, das finde ich abartig!

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    • avatar Heini sagt:

      Abartig?
      Was machen denn die Jollen – ohne Kiel – anders?

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 7 Daumen runter 4

      • avatar Seven sagt:

        Naja , der vergleich mit der Jolle hingt etwas…..aber die Holländer machen es seit Jahrhunderten!
        Auch wenn wir (ich bezeichne mich mal als den teil des “gemeinen Segler”) das nicht wahr haben wollen aber die Plattbodenschiffe sind im Grunde nichts anderes als das was Jean-Pierre Dick gerade unter seinem hintern hat. Und auch sie können am Wind Fahren…..ohne Kiel aber mit Balast und Seitenschwetern.

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      • avatar Stumpf sagt:

        Jolle, Schwert, Segeltragzahl, Verhältnis Besatzung zu Gewicht, 11 Knoten, …

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        • avatar Olperer sagt:

          Du hast aber schon mitbekommen, dass der Dick mit Schwert faehrt?

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          • avatar Stumpf sagt:

            Leeschwert.

            Dank Jean-Pierre wissen ja jetzt auch alle, dass es funktioniert. Trotzdem erstaunlich.

            Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 1

  2. avatar Marsha sagt:

    Carsten, Sie haben “geschweißen” und “geschmieden” verwechselt in der Unter-Überschrift. Im Artikel ist es dann richtig.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  3. avatar louie sagt:

    Ui ui ui. Spannend. Auch die Schilderung von Guillemot (auf der Vendee-Website), der seinen 1000-Meilen-ohne-Kiel-Trip sicherheitshalber im Überlebensanzug verbracht hat, falls die Kiste dann doch über Kopf geht… Aber mal abgesehen von der unglaublichen Spannung in dieser Ausgabe, die auch mich völlig gefangen nimmt, so ein klein wenig unvernünftig ist das Vorhaben, die 2000 Meilen inklusive Biskaya ohne Kiel zurückzulegen, doch schon, oder? Wenn er heil ankommt in Les Sable d’Olonne ist er der große Held. Aber ist das Risiko und der Preis, den er zahlen könnte, sollte etwas passieren, nicht doch zu hoch? Ich drücke ihm die Daumen, er hat es mehr als jeder andere verdient, diese Regatta zu Ende zu bringen. Aber ich bin ihm auch nicht böse, sollte er auf den Azoren Stopp machen. Uns muss er nichts mehr beweisen. Sich selbst doch eigentlich auch nicht.

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    • ‘…ein klein wenig unvernünftig…’
      Ja, der Rest der Veranstaltung ist natürlich TOTAL vernünftig… 🙂
      Wenn einer den Stunt mal über 1000 Meilen ohne Kiel geschafft hat, dann wird ein Herr Dick – mit seinem Background und den Skills – das mit Sicherheit auch versuchen (mit dem Background und den Skills würde ich das auch), noch irgendwie durchzusegeln.
      Ich glaube nicht, dass er ohne triftigen Grund vorher ‘rechts ranfährt’. Er wird es versuchen, auch wenn Alex an ihm vorbeizieht.
      Die Frage ist: Schafft er es, seinen Autopilot so zu abzustimmen, dass der auch mit der ‘Jolle’ klar kommt.
      Weil – wenn nicht – wird es ja eng mit dem physischen Durchhalten.

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 4

      • avatar louie sagt:

        Klar, hast ja recht. Aber eine Einhand-Erdumrundung, der eine so lange und intensive Vorbereitungszeit vorausgeht, scheint mir doch ‘vernünftiger’ zu sein, als der Versuch, 2000 Meilen ohne Kiel, mit Starkwind voraus zurücklegen zu wollen. Klar erhält JPD unterstützende Tipps von Guillemot und den Ingenieuren von VPLP. Aber im Falle einer Kenterung ist er erst einmal allein. Manchmal ist der Ehrgeiz vielleicht größer als die Vernunft.

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  4. avatar Uwe Liehr sagt:

    Di VG hat sooo geile Stories geliefert – nun also die Zugabe. Jetzt wird es noch mal oberspannend. Alles ist drin und vorstellbar. Auch das JPD da draussen ohne Bombe herumknistert.

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