Vendée Globe: Samantha Davies, die einzige Frau im Feld

"Manchmal segele ich nackt"

Um ein paar Worte mit Samantha Davies zu wechseln, gibt es einen Tag vor dem Start zur Vendée Globe eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Als Journalist fragt man brav bei der persönlichen Pressereferentin von „Sam“ nach – und erhält so was wie eine Absage: „Du stehst heute als Nr. 22 auf der Liste!“ Na super. Oder man hält ein wenig die Augen auf.

Samantha Davies beim Training mit Boris Herrmanns ehemaliger "Neutrogena". © Curutchet

Samantha Davies beim Training mit Boris Herrmanns ehemaliger “Neutrogena”. © Curutchet

Dauernd ist sie unterwegs, die „französischste aller britischen Seglerinnen“ wie „L’Equipe“ sie gestern geehrt hat. Lächeln hier, Strahlen dort, Hände schütteln, Souvenirfoto mit Omi, und bitte noch das Baby auf den Arm, für den IPhone-Film. Morgens, mittags und abends Pressetermine… das hält doch kein Mensch durch! Und solche, die morgen zu einer Einhand-Weltumseglung starten, schon gar nicht! Also:

Wohin zieht sie sich zurück?

Drüben, auf der anderen Seite der Marina liegt zwischen Hunderten Plastikschiffchen eine markante Holzketch, direkt neben dem schwarzen „Kampfschiff“ der Sea Shephards. Kann es sein, dass dort gerade eben eine 1,65 kleine Gestalt in kurzem Rock, in pinkfarbiger Daunenweste eingemummelt, über das Holzdeck schleicht? Sich noch mal hastig umdreht und gleich unter Deck verschwindet?

Bingo: Samantha Davies ruht sich zwischen all’ dem Trubel gerne auf dem Schiff ihrer Eltern aus. Das erinnere sie an ihre Kindheit und Jugend, wird sie später erzählen, als ihre Eltern „gnadenlos“ mit der kleinen Sam einen Törn nach dem anderen machten. Hier fühlt sie sich geborgen, und wenn sie hier wieder heraus kommt, ist sie gestärkt… und nimmt sich sogar Zeit für ein kleines Gespräch auf dem Weg zurück zum Zirkus.

Sam in  klassischer Weltumsegler-Pose © Curutchet

Sam in klassischer Weltumsegler-Pose © Curutchet

Samantha Davies ist der Typ Frau mit klarer Rollenteilung: Immer auf Messers Schneide unterwegs, in zwei Welten bestens etabliert. Als Mutter eines 14 Monate alten Jungen, endlich angekommen in einer Art Familienleben, nach jahrelanger Segelei auf allen Weltmeeren, bei allen möglichen Regatten.

Berühmt geworden weniger durch großartige Siege oder Platzierungen, sondern eher durch Sprüche wie „unterwegs steuere ich auch durchaus mal nackt“ oder durch ein Filmchen, auf dem sie mitten im Southern Ocean bei der letzten Vendée Globe zu „Girls just wanna have fun“ tanzt.

„Wenn ich zu Talkshows eingeladen bin, läuft ewig dieser Streifen, die Leute wollen immer das Gleiche serviert bekommen,“ sagt sie, keineswegs bedauernd. „Das können sie haben!“ Also gibt sie die verschmitzt lächelnde Kleine, die sich angeblich gerne in den Arm nehmen lässt („Blödsinn!“), die beschützt werden will („noch größerer Blödsinn!“) und überhaupt, so gar nicht in die Welt der harten Kerle passt („Bullshit“).

Auf Messers Schneide

Die andere Samantha ist die zielgerichtete Sam. Die – lächelnd! – fast alles erreicht, was sie sich so vornimmt. Wie etwa 1,3 Mio Euro von ihrem Hauptsponsor Saveol, der eigentlich gar nicht ins große IMOCA-Business wollte und nun den größten Teil der Davies-Kampagne finanziert. Saveol hat dafür übrigens prompt Samanthas Partner (und Papa von Sohnemann Ruben)  Romain Attanasio verlassen, der im Figaro-Reigen seine Brötchen verdient.

Bei der letzten Vendée Globe kam Samantha eigentlich als Dritte über die Ziellinie, wurde aber aufgrund einer Zeitgutschrift für Marc Guillemot  (der Jean Le Cam vor Kap Hoorn gerettet hatte) auf Rang 4 zurück gestuft. Und, nein, das störe sie überhaupt nicht, sie war sowieso verblüfft, dass sie so weit vorne landen konnte.

Genau das werfen ihr viele (Neider?) vor: Dass sie „nur“ aufgrund der Ausfälle der anderen Schiffe (19 von 30) nach vorne gesegelt sei, aus Versehen, sozusagen. Das stimme zwar, stellt sie klar. „Aber so wird deutlich, dass Durchkommen eben doch das Wichtigste ist!“ Was habe man(n) schon davon, wenn man 90% der Regatta vorne fährt und dann die Palme von oben kommt?

Rührselig ist sie übrigens auch nicht. Auf die typische „Mama-weg-Kind-allein“-Frage antwortet sie ziemlich ernüchternd: „Nun, das ist ein Gefühl, das ich noch nicht kenne. Mal sehen, aber ich glaube nicht so richtig daran, das ich in Tränen aufgelöst über den Atlantik rasen werde!“

Nochmal schnell für den Sponsor posen © curutchet

Nochmal schnell für den Sponsor posen © curutchet

Und wo wir gerade bei der Bootsgeschwindigkeit sind: Sam weiß zwar, dass sie theoretisch nicht zu den Schnellsten des Feldes zählt. Ihre Saveol ist bereits 2x bei der Vendée Globe um die Welt gesegelt, mit Roland Jourdain als Skipper. „Das Schiff ist für Typen wie Bilou konstruiert worden: Nur mit viel physischem Einsatz zu beherrschen, aber richtig hart im Nehmen!“

Und genau das sei es, warum die Saveol das ideale Schiff für eine eher schmächtige Frau mit 56 kg Körpergewicht ist. „Ich hab’ Filme gesehen, die Jourdain aufgenommen hat. Da segelt die heutige Saveol unter Autopilot wie auf Schienen in richtig hartem Seegang! Die auf den neuen, leichteren Schiffen müssen da vielleicht Tag und Nacht am Ruder stehen!“

Also ist alles aufs Ankommen ausgerichtet? „Genau das!“ unterstrich sie neulich bei einer Pressekonferenz. „Im gewissen Sinne bringen mich die Probleme der anderen nach vorne!“ Stirnrunzeln der ebenfalls anwesenden Konkurrenten. Sam hastig: „Aber natürlich wünsche ich keinem Probleme!“

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Michael Kunst

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3 Kommentare zu „Vendée Globe: Samantha Davies, die einzige Frau im Feld“

  1. Ihr habt da noch vergessen, dass der Oldenburger Boris Hermann als letztes mit Sam´s Boot das Barcelona World Race geseglet hat.
    Wolfram

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 8 Daumen runter 6

  2. avatar Heini sagt:

    Samantha Davies? Toll!

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  3. avatar armchairadmiral sagt:

    Von wegen Herdprämie 😉

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