Vendée Globe: Stamm führt direkt nach Start, De Broc havariert beim Ablegen.

Endlich allein!

Kurz nach dem Start zur Vendée Globe- saubere Leeposition von Burton, aber mit Reff zuwenig Speed © miku

Kurz nach dem Start zur Vendée Globe- saubere Leeposition von Burton, aber mit Reff zuwenig Speed © miku

Es war emotional, rührselig und sowieso très francais.  Die 20 IMOCA Open-60 verließen ihren Liegeplatz am Steg des Regattahafens von Les Sables d’Olonnes in minutiös geplanter Reihenfolge: Als Erster der Außenseiter und Geheimtipp Bernhard Stamm („ich bin ja auch der Ungeduldigste!“), als Letzter der offiziell gesetzte Favorit, Armel Le Cleac’h – obwohl der auch nicht gerade für seine Geduld bekannt ist.

Dazwischen: Farewell- und Bon-Vent-Wünsche, Tränen, Winken, Mut zurufen und lange, lange Hup- und Trötkonzerte von den umliegenden Booten. Fast jeder spielte seine Rolle bis zuletzt weiter: Samantha Sam Davies erstarrte förmlich in einer Lächeln-Winken-Pose, Stamm drehte sich nach dem Ablegen kein einziges Mal mehr um, Alex Thompsen widmete sich ausschließlich der neben seinem Schiff liegenden Sponsoren-Superyacht – nur De Broc war anders als die Tage zuvor: Seine zur Schau gestellte schlechte Laune wich einem glücklichen Lächeln, als sich sein Schiff endlich vom Steg fort bewegte… um Sekunden später in eine Wutfratze zu entgleisen.

Loch im Rumpf

Die meisten IMOCA fuhren unter eigener Motorkraft aus ihren Boxen – einige wenige ließen sich aber auch von den Crew-Zodiacs heraus ziehen. Wie de Broc: Seine „Votre nom autour du monde“ wurde ca. 5 Meter aus der Box heraus gezogen, als eine Bö den Rumpf seitlich erfasste, hatte der Zugboot-Skipper nicht den Reflex, Gas zu geben, sondern ließ zu, dass sich die IMOCA gegen die Stegkante drückte. Geschrei, Heulen, Wutbrüllen… das Puffer-Zodiac explodierte förmlich, aber die IMOCA sah eigentlich wenig ramponiert aus. Doch als das Schiff später draußen die ersten Wellen kassierte, entschied De Broc, zur Reparatur in den Hafen zurück zu kehren: Viel zu viel Wasser drang schon auf der ersten sm ein – und was sind schon ein paar Stunden Reparatur, wenn man 85-100 Tage Weltumseglung vor sich hat?

"Bringt uns zum Träumen" © miku

“Bringt uns zum Träumen” © miku

“Bringt uns zum Träumen!”

Die Strecke raus aufs offene Meer führt einen schmalen Zufahrtskanal entlang, auf dessen Molen und Kais Zehn- nein: Hunderttausende standen. Trotz miesestem Regenwetter wollte sich keiner der Angereisten entgehen lassen, wie ihre Helden – langsam, würdevoll, wie Gladiatoren, die an ihrem Publikum entlang schreiten –  im Schritttempo zur Kampfstätte fuhren. Auf ihren Monster-Schiffen, mit sehnsüchtigem Blick Richtung Horizont gerichtet, gnädig zur Seite winkend!

„Bringt uns zum Träumen“ stand auf einem der großen Banner, die von den Zuschauern in die Regenschauern gehalten wurden. Genau das ist es! Alle wollen träumen, irgendwie Teil haben an diesem letzten großen Abenteuer, dessen Start in kurzer Zeit zelebriert wird. Die Leute jubeln und schütteln gleichzeitig ungläubig den Kopf: „Ohne Stopp um die Welt segeln, 25.000 sm in 3-4 Monaten, auf diesen Ungetümen – und das auch noch alleine! Incroyable, mais vrai!“  Es fließt die eine oder andere Träne der Rührung und Verehrung, immer bricht jedoch Jubel aus, wenn die Helden vorbei schippern. Bis weit hinaus begleiten so die Zurückgebliebenen zumindest akustisch die Segler, will das Land seine Kinder nicht dem Meer übergeben.

Stamm vorneweg – jetzt will er's mal wieder wissen © fm

Stamm vorneweg – jetzt will er’s mal wieder wissen © fm

Kotztour zum Start

Szenenwechsel. 3 sm vor les Sables d’Olonnes schwappt 2,5 – 3,5 m Seegang, übrig geblieben von einem Zwischentief, das nachts über die Küste zog. Die Welle entspricht ganz und gar nicht den Windverhältnissen: Alles wirkt wild und heftig in der kabbeligen See, dabei wehen aber höchstens 3-4 Bf.   Noch 4 Minuten bis zum Start und klatsch, klatsch, klatsch springen wie auf Kommando von allen Schiffen die bis jetzt noch an Bord gebliebenen Begleiter ins Wasser , wo sie von den Crew—Zodiacs Sekunden später aufgenommen werden. Die heiße Phase vor dem Start hat begonnen: Ab jetzt geht’s für alle Skipper und die eine Skipperin nur noch alleine weiter.

In jeder Situation! Wie zum Beispiel bei der Entscheidung, im letzten Moment noch das eine Reff aus dem Groß zu schütteln, weil sich der Wind immer weiter legt.

Stamm lässt den Schornstein rauchen

Bernhard Stamm hat dieses Kunststück fertig gebracht und legt gemeinsam mit Louis Burton (der sein Reff beibehielt) weiter unten in Lee einen Nullstart par excellence hin. Macif muss zurück, weil über der Linie. Und Javier Sanso auf seiner Acciona, Marc Guillemont auf der Safran und Jean Pierre Dick auf der Virbac Pabrec legen gleich in einem Tempo los, das man meinen könnte, hier werden mal eben schnell ein paar Dreieckskurse gesegelt, heute Abend dann ein gemeinsames Bier und fertig!

Uralt und ziemlich neu © miku

Uralt und ziemlich neu © miku

Doch es ist eben ganz anders. Hunderte Boote – vom Ausflugsdampfer bis zum Jetski – wollen die IMOCAs auf ihren ersten Seemeilen so nah wie möglich begleiten. Sie schwirren wie ein wildgewordener Heringsschwarm in der weißen See um die Weltumsegler, taumeln willenlos durch die Wellen. Auf manchen dieser Schiffe wird reichlich Geld verdient mit dieser „Kotzrunde“: 250 Euro kostet ein Platz nahe dem Start – mit einem „kleinen Imbiss“ dann 350 Euro.

 Nix wie weg

Guillemont und Dick sind die Ersten, die ein wenig die Nerven verlieren und stark abfallen, um endlich diesem Irrsinn zu entkommen. Mit Speed sorgen sie für Abstand zwischen sich und den letzten „Abgeordneten“ des Landes. Das sie – wenn ihnen Poseidon und alle sonstigen Götter der Meere hold sind – erst in drei Monaten wieder betreten werden. Und zwar genau dort vorne, wo jetzt schon der Leuchtturm so verlockend blinkt…

 

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Michael Kunst

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14 Kommentare zu „Vendée Globe: Stamm führt direkt nach Start, De Broc havariert beim Ablegen.“

  1. avatar Uwe sagt:

    Miku’s Artikel gefallen mir immer besser !

    Hier noch ein Link zum Tracker: http://tracking2012.vendeeglobe.org/en/

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  2. avatar Nord sagt:

    Super Sache und hoffen wir mal, dass möglichst viele auch durchkommen. Stark finde ich auch, dass die Shore Crews von Safran und Virbac-Paprec sich nicht zu schade sind zu helfen Bertrand de Broc’s Boot zu reparieren!

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  3. avatar Christian1968 sagt:

    Hier noch mal zur Einstimmung eines meiner absoluten Lieblingsfotos. Es zeigt Bernhard Stamm – zwar nIcht während der V.G., aber das ist zu verschmerzen.

    http://www.velablog.com/wp-content/uploads/2010/02/01_bernard_stamm.jpg

    @ Segelreporter: wie wäre es mit einem kleinen Tippspiel auf den Sieg bei der Vendee ?

    Ich wünsche uns allen eine spannende Regatta und unseren Helden keine Bruch und keine Verletzungen

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  4. avatar Süd sagt:

    Marc Guillemot (Safran) ist auf dem Weg zurück nach Les Sables. Offiziel Kollision mit UFO. Um 2000 hatte er noch 45M bis Les Sables, dh. es wird sehr schwierig werden, dass er noch enug Wasser im Knal findet, um reinzufahren.
    Bitter für ihn…

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    • avatar Nord sagt:

      Schade, hoffentlich kann er nach der Reparatur weitermachen. Und wie schrieb er doch heute erst an Bertrand de Broc: was ist schon ein Tag in einem Rennen das neunzig dauert 😉

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      • avatar SR-Fan sagt:

        … wenn er Pech hat ist der Unterschied ein Wettersystem ;-(

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        • avatar yuammy sagt:

          …und wenn er Glück hat rettet ihm das den Ar***! 😉

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          • avatar Schlaufuxx sagt:

            Mit dem Tiefgang im Kanal hatte er leider kein Problem…
            Mit der abgebrochenen Finne hatte er wohl nur noch knapp einen Meter Tiefgang.
            Zu reparieren wird das wohl nicht sein..

            Glück im Unglück ist, dass es nicht irgendwo im Southern Ocean passiert ist.

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  5. avatar Minifahrer sagt:

    ‘Hunderte Boote – vom Ausflugsdampfer bis zum Jetski – wollen die IMOCAs auf ihren ersten Seemeilen so nah wie möglich begleiten. Sie schwirren wie ein wildgewordener Heringsschwarm in der weißen See um die Weltumsegler, taumeln willenlos durch die Wellen. Auf manchen dieser Schiffe wird reichlich Geld verdient mit dieser „Kotzrunde“: 250 Euro kostet ein Platz nahe dem Start – mit einem „kleinen Imbiss“ dann 350 Euro.
    Nix wie weg
    Guillemont und Dick sind die Ersten, die ein wenig die Nerven verlieren und stark abfallen, um endlich diesem Irrsinn zu entkommen.’
    Soweit das Zitat.
    Ähem. Also erstens war doch klar, dass es im segelbegeisterten Frankreich zu so einen Auftrieb kommt. Zweitens wollen doch irgendwie alle (deutschen) Kommentatoren und/oder Journalisten, dass dem Segelsport mehr Aufmerksamkeit zuteil wird. Warum also diese Miesmacherei? Dass der Trip auf einem der Besucherboote viel kostet, ist doch logisch.
    Dass da viele Boote auf dem Wasser sind (und deutlich weniger, als bei dem VOR-Einlauf in Kiel, damals – da war das wirklich eng), ist nachvollziehbar, nicht überaschend und deshalb auch in keiner Weise Irrsinn. Eher schön. So viele, die das sehen wollen! Ich finde das klasse.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 9 Daumen runter 11

  6. avatar CDR sagt:

    Diese Typen sind völlig irre Hochleistungssportler wie es sie in keiner anderen Sportart gibt.
    Sie haben meinen höchsten Respekt!

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  7. avatar Irmingard FÜCHSLE sagt:

    Phantastisch! Was diese Segler leisten! Noch immer DAS große Abenteuer; ich bewundere jede(n
    )
    einzelne(n) von ihnen.

    Aber bitte im Deutschen “Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod!”
    Trotz miesestem Regenwetter
    bitte demnächst aufpassen! Danke

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 2 Daumen runter 7

    • avatar yuammy sagt:

      …ob die Jungs da draussen auf dem Wasser wissen was ein Genitiv ist? Ich denke für die ist wichtiger zu wissen, wie tief ihr Genacker geht. Den Deutschen ist es immer wichtig alles zu wissen, andere gehen lieber segeln. 😉

      …auch ein Grund, warum Deutschland bei solchen Events bisher nicht vertreten ist!

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    • avatar Toter Kennedy sagt:

      Gehnietief ins Wasser, weil’s datief ist.

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  8. avatar Vormars sagt:

    Jawoll, wird gemacht Frau Lehrerin

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