Vendée Globe: Arnaud Boissières auf Rang 10 – Sieger der Herzen nach Problemen auf See

Aller guten Dinge sind drei

Arnaud Boissieres, Vendée Globe, Rang 10

Zum Dritten Mal hintereinander in den Top Ten gefinisht – Grund genug, ziemlich zufrieden mit sich selbst zu sein © vendée globe

Zum Dritten Mal am Start, schafft es Boissières auf betagter IMOCA erneut in die Top Ten. Großes Kino eines vielgeliebten Sympathieträgers. 

Zieleinlauf bei extremer Flaute:

Da segelt einer einhand nonstop um die Welt und nimmt wenige Stunden vor dem Ziel „den Gang raus“. Und das, obwohl er seinen vier Monate jungen Sohn Leo, den er im Alter von drei Wochen an Land gelassen hat, verdammt nochmal endlich wieder knuddeln will – schließlich dürfte sich der Sprössling in der Zwischenzeit reichlich verändert haben.

Wie ein Vendéé-Globe-Zehnter in Frankreich bejubelt wird:

Und dennoch, Arnaud Boissieres (44) verbringt eine weitere seglerisch ruhige, aber von der Vorfreude auf die Heimkehr geprägte, nervöse Nacht auf See, um heute Morgen nach 102 Tagen, 20 Stunden und 26 Minuten das Tidenfenster im Kanal von Les Sables d’Olonnes zu erwischen. 

Was lernen wir daraus? Dass wir es mit einem verantwortungsbewussten Mann zu tun haben, der seinen Fans und Sponsoren – Partner, wie er sie respektvoll nennt – ein „anständiges“ Ziel- und Ankunft-Spektakel bei Tageslicht bieten will und keine Nacht-Nebel-Aktion zu unchristlichen Zeiten. 

Arnaud Boissieres, Vendée Globe, Rang 10

“Segeln ist das Größte auf dieser Welt!” Boissieres über seinen Beruf © vendée globe

Entsprechend groß ist das Empfangskomitee, das sich wieder mal auf den Molen entlang des legendären „Chenal“ versammelt. Doch diesmal feiern die Tausende Fans nicht irgendeinen erfolgreichen Segelhelden, der in Rekordzeit sein Vier-Millionen-Euro-Boot auf Foils um die Welt geprügelt hat. Sondern sie bejubeln „ihren Cali“, ihren Arnaud Boissieres auf seiner zehn Jahre alten ziemlich betagten und ganz offensichtlich etwas angeschlagenen „La Mie Caline“.

Sympathieträger par excellence

Wie kaum ein anderer hat es der eher stille, „nicht ganz so hoch gewachsene“ (Boissières über Boissières) Franzose aus dem deutlich weiter südlich gelegenen Arcachon geschafft, sich in die Herzen der ein- und verschworenen Segelgemeinde von Les Sables d’Olonnes einzubringen. Seit mehr als zehn Jahren lebt er nun in Les Sables als Profisegler, gründete hier seine Familie und wurde bald von allen in- und außerhalb der Segelszene akzeptiert und begeistert aufgenommen. 

Was wiederum die ziemlich häufig gestellte Frage beantwortet, wie man es schaffen kann, in einer der aufwändigsten Sportveranstaltungen der Welt gleich drei Mal hintereinander  Sponsoren für einen Start zu begeistern – ohne dabei auch nur in die Nähe eines Podiumsplatzes erwarten zu können (Rang 7 2008/09, Rang 8 2012/13 und diesmal Rang 10). 

Arnaud Boissieres, Vendée Globe, Rang 10

Mal schnell ein Ausflugsschiff gechartert, um ihren Arnaud Cali zu begrüßen © vendée globe

Arnaud Boissières, als „adoptiertes Kind von Les Sables d’Olonnes“ schaffte dieses viel bewunderte Kunststück durch reine Sympathie.  Denn nicht nur die Segelszene in les Sables liebt ihn, auch die kleinen und großen Geschäftsleute aus der Umgebung oder solche, die irgendeinen Bezug zum Segeln und zu Boissières im Besonderen haben, wollten ihn immer wieder draußen auf der Startlinie sehen und bitteschön dann so wie heute wieder jubelnd im Ziel erleben. 

So schafft es Boissières tatsächlich, immer wieder Dutzende größere und sehr viele weniger finanziell potente (über die genaue Zahl wird geschwiegen) Partner „ins Boot“ zu holen. Und das nicht nur sprichwörtlich, sondern auch tatsächlich: Als kleine „Gegenleistung“ für ein Sponsorship schippern die Vendée Globe-Segler ihre Geldgeber traditionell vor dem Start tageweise entlang der Küsten. Doch Boissieres setzte dem ganzen die Krone auf, als er im letzten September sage und schreibe nacheinander insgesamt 350 Leute auf seiner IMOCA mitnahm.

So kommt es, dass Boissières zwar immer als „Underdog“ startete, aber als einer der beliebtesten Skipper im Feld gilt. Und mit drei Finishs bei drei Teilnahmen zeigt er immer wieder, dass er als Hochseesegler wirklich was „drauf hat“. Dem könne man Geld für ein Boot ruhig geben, heißt es in Les Sables, der bringt es wenigstens heil wieder zurück.

60 Prozent, mehr nicht

„Diesmal war’s echt schwierig,“ meldete er dann aber doch vor ein paar Wochen, als er den Äquator zum zweiten Mal bei diesem Rundumtörn überquerte. „Hätte nicht gedacht, dass ich mal so viel schuften muss auf See!“ 

Gleich zu Beginn der Regatta gab es bei „La Mie Caline“ – der ehemaligen “Paprec” von Jean Pierre Dick – Probleme mit dem Wasserballast und Boissières stand in der Kajüte knietief im Wasser. Er regelte zwar dieses Problem, konnte aber im Prinzip die Werkzeugkiste von da an nicht wieder schließen. Kurz darauf zickte das Großsegel am Schlitten, die Elektrik machte Sorgen und ein „Kontakt“ mit einem Wal verlief zwar glimpflich, kostete aber auch reichlich Reparaturzeit am Ruder. 

Arnaud Boissieres, Vendée Globe, Rang 10

Ein Typ , der seit zehn Jahren seinen Platz in den Herzen der Einwohner von les Sables d’Olonnes hat ©

„Irgendwann merkte ich, dass diese VG anders ist als die anderen. Ich hatte zwar noch volles Vertrauen in mein Boot, war aber wegen der äußeren Umstände eher skeptisch. Also besann ich mich auf mein eigentliches Ziel, nämlich ankommen. Ich nahm den Fuß vom Gas und harrte der Dinge, die da kommen sollten!“ gab Boissières bei Einfahrt in den Southern Ocean bekannt.

Manchmal holte er nur 60 Prozent des Potentials aus „La Mie Caline“, er sei sich vorgekommen wie auf einem Plattbodenschiff. Doch er spielt sein „Blatt gut aus“: einige seiner direkten Konkurrenten mussten schließlich wegen Bruch aufgeben, er selbst fuhr  stur weiter. In Phasen mit besserem Wetter steigerte er die Geschwindigkeit seiner IMOCA wieder deutlich, behält aber immer möglichen „Bruch“ im Auge. 

Eine Taktik, mit der er „cool“ (O-Ton) zurück in den Atlantik kam. Kap Hoorn rundete er ein paar Bootslängen hinter seinem Konkurrenten Fabrice Amedeo. Die beiden „bleiben zusammen“, segelten relativ nah entlang der argentinischen Küste und schreiben sich von da an viel von Bord zu Bord. „Kleine freundschaftliche Konversationen“ nannte es Boissières, „das hilft enorm weiter für die Zielgerade“. 

Arnaud Boissieres, Vendée Globe, Rang 10

Schon wieder nicht Erster… © vendée globe

„La Mie Caline“ konnte sich von Amedeos IMOCA schließlich absetzen, doch es warteten noch einige Geduldsproben auf Boissières: Im Kalmengürtel war es dann wirklich tagelang sehr, sehr ruhig (O-Ton) und später im Nordatlantik kam „der Wind oft mit 35-45 Knoten direkt von vorne. Das macht die IMOCA enorm langsam“ berichtete Boissières später. 

Doch letztendlich ging alles gut. In einem seiner letzten Videos von Bord witzelte „Cali“ noch, dass er schon wieder nicht Erster bei einer Vendée Globe sei. Doch alle wussten, wie zufrieden er mit seinem 10. Rang war und sein konnte. „Wer weiß, vielleicht schaffe ich es bei meiner vierten Vendée Globe nochmals in die Top Ten?“ fragte er schelmisch per Audio-Nachricht.

Wer weiß, doch jetzt wartet erstmal Sohn Leo, der schon eindeutige Anzeichen von Papa-Mangel aufweist.

Arnaud Boissieres, Vendée Globe, Rang 10

Die ehemalige Paprec © Vendée Globe

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Michael Kunst

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