Vendée Globe: Beyou rückt Führungsduo auf die Pelle – Portrait eines “sturen Hundes”

Einsamkeit ist mein Begleiter

Maitre Coq, Jeremie Beyou, Vendée Globe,

Die Einsamkeit kann ihm nichts anhaben – vielleicht Beyous Trumpf im Ärmel © stichelbaut maitre coq

Jeremie Beyou entwickelt sich mehr und mehr zur großen Überraschung dieser Vendée Globe. Einblick in die Welt eines etwas anderen französischen Helden der Hochsee.

Man(n) hat nicht umsonst bereits drei Mal die Solitaire du Figaro gewonnen: Während sich die beiden Führenden Armel le Cleac’h und Alex Thomson derzeit ein vielbeachtetes Duell an der Spitze der Vendée Globe liefern, schob sich der Drittplatzierte Jeremie Beyou in den letzten Tagen heimlich, still und leise immer näher an das Führungsduo heran.

In bester Solitaire-Manier profitierte der Skipper der „Maitre Coq“ von der Vielbeschäftigung der beiden Vorsegler und platzierte sich auf einem sicheren Rang Drei, mit komfortablem Abstand nach hinten und nicht wenig Potential nach oben. Auch wenn 630 Seemeilen Abstand zum führenden Le Cleac’h und etwas mehr als 400 Meilen zum Briten Thomson immer noch ziemlich gewichtig erscheinen mögen, haben die vergangenen 72 Stunden die Laune des Jeremie Beyou doch deutlich gebessert:

„Mal ganz abgesehen davon, dass ich wieder auf meinem Heimat-Ozean segle und der Bug der ‘Maitre CoqQ’ immer öfter Richtung zuhause ausgerichtet ist, freut es mich ja doch klammheimlich, dass ich mitunter deutlich schneller unterwegs bin als Thomson und Armel auf ihren nagelneuen Super-Geschossen!“ äußerte er kürzlich beim täglichen Update mit der Regattaleitung.

Ins Fäustchen lachen

Nun weiß ein Jeremie Beyou selbstverständlich, dass die jüngste Aufholjagd nicht unbedingt etwas mit einer höheren Leistungsfähigkeit seiner IMOCA zu tun hat, sondern eher mit Wetterglück. „Aber ich lache mir ins Fäustchen, dass ich mit Armels ehemaligem Boot, mit dem er beim letzten Mal den Sieg bei der Vendée Globe nur um ein paar Stunden verpasst hat, nun wirklich aufhole!“

Maitre Coq, Jeremie Beyou, Vendée Globe,

Der Maniac: Alles muss stimmen an Bord. Alles! © stichelbaut/maitre coq

Das war nicht immer so. „Als der Abstand zu Armel mehr als Tausend Seemeilen betrug, war meine Stimmung ziemlich im Keller,“ berichtete Beyou kürzlich in einem Satelliten-Interview mit der Sportzeitung „L’Equipe“. „Dieses ewige Deja Vu von wegen Armel weit vorne und ich weit hinten, ging mir langsam auf die Nerven!“

Tatsächlich segelten die beiden bereits in ihrer Kindheit mit- und gegeneinander, pflegen bis heute ein freundschaftliches Verhältnis und „beharken“ sich auf allen Regatten, bei denen sie aufeinander treffen. Die jungen Talente wurden von einer Schmiede zu nächsten gereicht, um letztendlich zu dem geformt zu werden, was sie heute sind: Profis der Hochsee und Champions in einer der härtesten sportlichen Disziplinen dieser Welt. Nur dass der eine bekannt ist wie ein bunter Hund und der andere eher zurückhaltend und abwartend auftritt.

Nur das Podium zählt

Jeremie Beyou wird in der Szene als stiller, aber auch lässiger und charmanter Typ geschätzt. Vorne im Rampenlicht zu stehen wäre für ihn durchaus eine Option, doch er verbindet diese mediale Aufmerksamkeit lieber mit Spitzenleistungen als mit anderem. Stunts auf dem Boot oder provozierende Reden bei Pressekonferenzen „sind nicht seine Sache“, machte er noch kurz vor dem Start zur Vendée Globe klar. „Für mich zählt bei der  wichtigsten Hochseeregatta der Welt nur das Podium. Und sonst nichts! Dafür lasse ich mich dann auch gerne feiern.“

Maitre Coq, Jeremie Beyou, Vendée Globe,

Beyou auf seiner IMOCA der vorletzten Generation, mit nachgerüsteten Foils © maitre coq

Beyou ist ein Verfechter der Theorie, dass man sich Selbstvertrauen nur im Wettkampf holen könne. „All’ dieses ganze Getue um mentale Vorbereitung – was hilft dir das, wenn du wie ich gleich zwei Mal wegen Bruch an Bord die Vendée Globe aufgeben musstest?“ fragte sich Beyou Wochen vor dem Start in aller Öffentlichkeit. Zwei Mal ging er bei der VG an den Start, zwei Mal musste er wegen Havarien aufgeben: 2012 wegen eines Schadens am Schwenkkiel, 2008 kam der Mast von oben.

Ein paar Wochen später meldete er dann mitten aus dem Southern Ocean : „Ich bin nicht grade blendend platziert und segle unter brutalsten Bedingungen. Aber ich bin sowas von glücklich und zufrieden – weil – toitoitoi – alles funktioniert an Bord, weil ich ein gutes Gefühl zu meinem Boot habe und weil ich verdammt noch mal an einem der letzten großen Abenteuer auf unserem Planeten teilnehme!“

Dabei ist für einen begnadeten Techniker wie Jeremie Beyou vor allem das Vertrauen zum Boot ausschlaggebend für sein derzeitiges Stimmungshoch. Denn der in der französischen Szene als „Maniac“ bekannte Segler, bei dem alles, aber auch wirklich alles an Bord bestens funktionieren muss, war zu Beginn seiner Vendée Globe Kampagne ein hohes Risiko eingegangen.

Er rüstete seine IMOCA der vorletzten Generation mit Foils nach. „Damit wollte ich die erprobte Verlässlichkeit und Robustheit des VG-Zweiten erhalten und gleichzeitig von den Entwicklungen der letzten Jahre profitieren!“ Was sich eigentlich konsequent anhört, war unterm Strich jedoch eine gewagte Sache. „Wir mussten ein vollständiges, eigenes Foil-Konzept entwickeln und hatten keine „Vorbilder“, nach denen wir uns richten konnten.“ Aber das Prinzip scheint zu funktionieren (Video).

Begnadeter Techniker

Dass dieses Kalkül dann aber doch aufging, bewies Beyou eindrucksvoll mit einem Sieg bei der IMOCA-Regatta „New York – Les Sables“. Zwar waren damals einige der Stars der Szene direkt nach dem Start durch Havarien und Kollisionen ausgebremst, aber „die Tatsache, dass ausgerechnet ich Pechvogel mein Boot schnell und sicher über den Atlantik brachte, gab mir reichlich Vertrauen.“ Ein Vertrauen ins Boot als „la machine“, wie die Franzosen gerne sagen, das sich bis heute auch während der Vendée Globe auszahlen sollte.

Maitre Coq, Jeremie Beyou, Vendée Globe,

Immer auf dem Sprung: Beyou macht Druck nach vorne © maitre coq

„Nicht dass ich so vermesse wäre, mit meiner älteren IMOCA bei den nagelneuen Führenden mitmischen zu wollen,“ sagte Beyou während einer seiner letzten Meldungen von Bord. „Aber ich sehe förmlich, wie Armel immer wieder nach hinten blickt. Und das ist schon Motivation genug!“

Sturer Hund

Und vielleicht kann ja ausgerechnet Beyou auf den „letzten“ Seemeilen durch den Atlantik noch eine mentale Trumpfkarte ausspielen. Der eher als Pragmatiker bekannte Hochseechampion ist auch als „sturer Hund“ bekannt, dem die klassischen mentalen Schwierigkeiten einer solchen Weltumseglungstortur nur wenig ausmachen.

Während sich etwa die beiden Führenden immer öfter, wenn auch nur in Nebensätzen, darüber äußern, dass es jetzt langsam Zeit wird, nach Hause zu den Lieben zu kommen, stellt Beyou – selbst Vater von zwei Kindern – klar, dass er sich alleine in der Wasserwüste weiterhin pudelwohl fühlt.

„Einsamkeit ist kein Problem – Einsamkeit ist dein Begleiter,“ sagte er gegenüber „L’Equipe“. „Natürlich vermisse ich meine Familie, aber ich bin nun mal hier auf einer Solo-Regatta und habe das ja alles vorher gewusst. Also hole ich mir den nötigen Spaß aus alledem. Und ja, Angst habe ich auch manchmal. Wenn eine Böe heranwalzt, die ich vorher nicht als solche erkannt habe und das Boot springt nahezu von 15 auf 25 Knoten Geschwindigkeit, es knarzt und knackt im Gebälk, dann flippe ich manchmal richtig aus vor Sorge. Aber das ist Stress mit der Maschine und hat nichts mit der Einsamkeit zu tun. Die genieße ich sogar!“

Dabei macht der Franzose wenig Aufhebens darum, dass er nur mit sehr limitierten Wetterinformationen ausgestattet ist. Deshalb hängte er sich im Pazifik an seinen Freund Paul Meilhat, bis der unglücklich mit “SMA” ausschied, und seitdem hat er nahezu im Blindflug Kap Hoorn gerundet.

Manchmal bekomme er am Tag kaum eine aktuelle Wetterdatei herunter geladen. Viel Spielraum für taktisches Feintuning bleibt da nicht. Aber wenn ihm das Wetterglück so hold ist wie zuletzt, könnte er tatsächlich noch einmal Alex Thomson angreifen.

Jeremie Beyou, 40, Skipper auf „Maitre Coq“, Palmares

Zweifacher Französischer Einhand-Hochsee-Meister

Dreifacher Sieger Solitaire du Figaro

2013 Dritter Transat Jacques Vabre (mit Christopher Pratt)

2012 Dritter Krys Ocean Race auf MOD 70 mit Michel Desjoyeaux

2014 zweiter Route de Rhum auf IMOCA Maitre Coq

2015 Sieger Sidney Hobar Race auf „Tasing Machine“ (IRC3)

2016 Sieger bei der Transat „New York – Vendée“

Mehrfacher „bretonischer Sportler des Jahres“

 

 

 

 

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Michael Kunst

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