Vendée Globe: Ire O’Coineen (61) will nach Mastbruch die Einhand-Weltumseglung beenden

„Ich bringe das zu Ende“

Vendee Globe, Porträt, O'Coineen

Den haut so schnell nichts um: Ende O’Coineen, der erste Ire, der einhand um die Welt segeln will. © litt/vendée Globe

Der Ire Enda O’Coineen hatte bei der Vendée Globe eine üble Pechsträhne. Er will aber nun weiter um die Welt. Doch erst gilt es, ein neugeborenes Enkelkind zu wiegen und einen Pub zu besuchen.

Vor dem Start dieser Vendée Globe wurde das Thema „Klassengesellschaft“ unter den Teilnehmern heiß diskutiert. Profis und Favoriten wie Armel le Cleac’h (Banque Populaire) und Sebastien Josse (Baron de Rothschild) fragten sich während ihrer Pressekonferenzen, ob sich die Regattaleitung nicht lächerlich mache, wenn sie gewisse „Abenteurer“ mitmachen lässt.

Deren erklärten Ziel sei ja letztendlich „nur“ ein Ankommen und sie schließen auf ihren teils „alten Schüsseln“ von vornherein den Wettkampfgedanken aus. Die Antwort der Regattaleitung kam prompt: Gerade diese „Abenteurer“ unter den Teilnehmern seien unverzichtbar – „ihr Esprit und ihr Enthusiasmus sind der Stoff, aus dem die Vendée Globe gemacht ist!“ Und außerdem hätten auch gewisse Stars von heute einmal klein angefangen…

Des Seglers Lieblinge

Dass ein Großteil der französischen und Internationalen Fans genau so denkt, zeigten sie schon bei der „Ausfahrt der Gladiatoren“ durch den Kanal von „Les Sables d’Olonnes“: Ausgerechnet die Rookies, Nobodies, Underdogs und die alten Salzbuckel erhielten die mit Abstand lautstärksten Ovationen.

Vendee Globe, Porträt, O'Coineen

Prototyp des freundlichen Iren © Vendee Globe

Einer der erklärten Lieblinge unter der per se an „Charakteren“ und „Temperamenten“ nicht gerade armen Abenteurer-Clique dieser Vendée Globe war und ist eindeutig der Ire Enda O’Coineen.

Dem 61-jährigen Haudegen flogen die Herzen nur so zu! Der erste Irländer im Vendée Globe-Zirkus schien das Klischee der Glücksklee-Nation voll zu bestätigen: trinkfest, jovial, haudruff. Nur wenige wurden so oft zitiert und im Race-Village interviewt.

Kunststück, der Mann gehört eindeutig zur Kategorie „höchst lebenslustig“ und machte jedem, der es hören wollte deutlich, dass er „nur“ an den Start gegangen sei, um sich einen lebenslangen Traum zu erfüllen – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Der nach dem Zerfall der Sowjetunion in osteuropäischen Ländern höchst erfolgreiche Geschäftsmann, der im Alltag eine Investmentfirma führt, die sich in Start-ups einbringt und für erneuerbare Energien einsetzt, hatte sich im Laufe der letzten Jahrzehnte das nötige Kleingeld zusammengespart, um sich auch kostspielige Hobbys leisten zu können. Zum Beispiel: Hochsee-Regattasegeln. Dass er zudem den Vorsitz der eher bodenständigen „Irischen Pub-Besitzer-Vereinigung“ innehat, sei nur nebenbei erwähnt.

Nochmal richtig Gas geben

„Wenn ich an Land auch von wundervollen Menschen umgeben bin, so hängt mein Herz doch an der See!“ gab er in den meisten Interviews zum Besten. Um meist schallend lachend hinzuzufügen: „Deshalb will ich zum Ende meiner „jungen Jahre“ noch eine richtige Herausforderung auf See annehmen. Also muss ich an der Vendée Globe teilnehmen – alles andere ist pillepalle!“

Vendee Globe, Porträt, O'Coineen

Mit allen Wassern gewaschen © vendée globe

Der Herausgeber des in Irland sehr bekannten Magazins „Afloat“ hat schon als junger Twen Außergewöhnliches auf See geleistet. Er segelte in einem Schlauchboot über den Atlantik, nur um seinem damaligen Boss zu zeigen, dass dies wirklich klappt.

Es folgte ein Leben fürs Segeln: auf ihn ist die irische Whitbread-Kampagne zurückzuführen und das Green Dragon-Projekt beim Volvo Ocean Race. Seit 2015 ist er auf seiner IMOCA unterwegs, schaffte immerhin schon einen Podiumsplatz beim Transat-Klassiker Saint Barth-Port La Foret. „Eigentlich will ich nur das Eine: Endlich alleine rundum segeln. Wie schnell oder langsamer das sein wird , ist mir völlig egal!“

Weit und breit kein Pub

Einmal „im Rennen“ hatte er jedoch genau diesen Vorsatz ziemlich schnell wieder vergessen. Denn den alten Salzbuckel packte das Regattafieber, als er merkte, dass er mit seiner IMOCA „Kilcullen Voyager“, ein Owen Clarke-Design aus dem Jahre 2007, im Mittelfeld noch durchaus mithalten konnte. Was wiederum die Vendée Globe-Insider nur wenig erstaunte, denn schließlich handelte es sich bei dem „foilerfreien“ IMOCA (wie O’Coineen immer wieder betont) um keinen geringeren als die „Gamesea“ – das Boot, mit dem der Brite Mike Golding bereits zwei Mal bei der Weltregatta teilnahm.

Atlantik und Indischer Ozean brachte O’Coineen, einige Tage lang immerhin auf Rang 10 segelnd, bravourös hinter sich. Doch ein paar Hundert Seemeilen vor Neuseeland begann eine regelrechte Pechsträhne. Der Skipper der „Kiulcullen Voyager“ schrieb damals der Regattaleitung: „Auf so eine bescheuerte Idee wie die Vendée Globe können eigentlich nur die Franzosen kommen! Weit und breit kein Pub, in dem man für ein paar Minuten mal zur Besinnung kommen kann!“

Vendee Globe, Porträt, O'Coineen

Dieser Weihnachtsmann ist jedenfalls kein Kind von Traurigkeit © O’Coineen

Coineen steuerte zunächst flache Ankerwasser vor Stewart Island im Süden von Neuseeland an, um dort mehrere Probleme zu beheben: Der Autopilot funktionierte nicht mehr richtig, die Mastschiene löste sich vom Profil und nach einer Crash-Halse waren die Lazy Jacks gerissen und das Reffen klappte nur noch suboptimal.

„Besser, ich bessere das mal aus, vor dem wilden Southern Ocean!“ kündigte O Coineen der Regattaleitung damals jovial an. Im fernen Europa spekulierte man schon, ob der Ü-60-Ire fit genug sei für die anstehenden, mehreren Mastgänge vor Anker. Doch kurze Zeit später meldete Enda O Coineen bereits enthusiastisch Vollzug: „Bin wieder im Rennen!“

Palme von oben

Einige Tage darauf wird er kleinlaut sagen, dass diese Begeisterung und Freude, weiter segeln zu können, auch eine große Gefahr für ihn barg: Unaufmerksamkeit. Kurz nach seinem zunächst erfolgreichen Pit-Stop, ereilte ihn am 1. Januar 2017 das Schicksal so vieler Hochseesegler vor ihm: Die Karbonpalme kam von oben.

„Ich hatte zuviel Vertrauen in den Autopiloten, den ich ja erst vor ein paar Tagen repariert hatte,“ berichtete O’Coineen später. „Das Motto ‚was einmal repariert wurde, hält umso besser’ gilt eben bei Elektronik nicht.“ In einer 35-Knoten Böe setzte der Autopilot kurz aus, das Boot fuhr eine Patenthalse, der in der Hektik des „Wieder-auf-Kurs-bringen“ eine zweite folgte, bei der nun aber der Backstag nicht dicht geholt war. „In ein paar Sekunden war mein Traum von der Einhand-Weltumseglung ausgeträumt!“ jammerte O’ Coineen später ins Satellitentelefon.

Vendee Globe, Porträt, O'Coineen

O’Coineen auf der Kilkullen Voyager, dem ehemaligen Boot von Mike Golding © Vendee Globe

Doch jetzt, einige Tage später, will er vom Aufgeben nichts mehr wissen. „Natürlich ist die Vendée Globe nun für mich vorbei,“ sagte er kürzlich einem irischen TV-Sender. „Aber meinen Traum von der Einhand-Weltumseglung will ich ausleben!“

Da O’Coineen nur 180 Seemeilen querab Neuseeland seinen Schicksalsschlag kassierte, fand sich bald ein Fischtrawler, der ihn in Schlepp nahm und zur Kiwi-Insel brachte. „Ich bin verdammt stolz darauf, dass ich keine Rettungsaktion für mich und mein Boot benötigte. So eine Regatta ist wie das Leben: wenn Du alleine Mist baust, solltest Du auch möglichst alleine wieder alles richten!“

“Ich mache das fertig!”

Auf der Insel „zuckte“ der Ire kurz, nachdem man ihm ein offenbar interessantes Angebot für sein Boot im jetzigen, eher desolaten Zustand gemacht hatte. Doch der kleine Seebär auf der linken Schulter war – wie so oft in O’Coineens Leben – auch diesmal überzeugender als der Seeteufel auf der rechten Schulter:

„Nachdem ich mit meiner Frau und meinen Kindern telefoniert hatte, nachdem meine Teammates mir von Europa aus wieder Mut zugesprochen hatten, fragte ich mich, was mich eigentlich von der Beendigung meines Traums von der ersten Einhand-Weltumseglung eines Iren abhalten sollte!?“

Kaum wieder festen Boden unter den Füßen tätigte also der irische Manager einige Telefonate, organisierte einen provisorischen Mast für seine IMOCA, mit dem er später sein Boot nach Australien segeln will, wo wiederum ein „richtiger IMOCA“-Karbonmast auf ihn warten soll.

Nach dem Aufriggen desselben soll es dann weitergehen. „Mal sehen, wahrscheinlich in ein paar Wochen,“ sagte Enda O’Coineen. „Jetzt fliege ich erstmal nach Hause, um endlich mein vor ein paar Wochen geborenes Enkelkind in den Arm zu nehmen. Und außerdem warten da ein paar Kumpel auf mich, mit denen ich so einiges nachzufeiern habe. Im Pub natürlich, wo sonst?“

Vendee Globe, Porträt, O'Coineen

Wie bei allen Iren geht ohne James Joyce gar nix © vendee globe

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Vendée Globe: Ire O’Coineen (61) will nach Mastbruch die Einhand-Weltumseglung beenden“

  1. avatar looploop_andy sagt:

    Was ein Sympath, unvergessen sein Rezitieren aus dem Cockpit nach dem Äquator Crossing…
    Du hast es mal wieder perfekt getroffen, danke Miku

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