Vendée Globe: Schweizer Alan Roura (23) im Ziel – knapp 106 Tage Nervenkitzel

Der Glückspilz

Vendée Globe, Alan Roura, Schweizer

Alan Roura im Ziel © vendée globe

Die einen meinen, es war Glück, die anderen sind von seinen Leistungen überzeugt: Auf einem der ältesten Boote der Flotte lieferte  der jüngste Vendée-Globe-Teilnehmer  Alan Roura eine tolle Leistung ab. 

24 Stunden VOR dem Startschuss zur Vendée Globe. Der Rummel um die Vendée Globe-Starter hat sich zwangsläufig gelegt, traditionell verbringen die Segler den letzten Tag und die letzte Nacht vor dem Rennen ausschließlich mit ihrer Familie und ihren engsten Freunden. Keiner gibt mehr Presse-Interviews oder plaudert vor TV-Kameras, keiner lässt sich mehr zum x-ten Kommentar bezüglich der bevorstehenden Heldentaten während einer Einhand-Nonstop-Weltumseglung hinreißen. 

Keiner? Inmitten einer ziemlich gut aufgelegten Gruppe meist junger Journalisten steht ein jovialer Alan Roura, mit 23 Jahren der jüngste Teilnehmer aller Zeiten bei einer Vendée Globe, und hält seinen täglichen Smalltalk mit der internationalen Presse ab.

Es wird viel gelacht, manchmal allzu laut geredet, hier und da werden schon während der frühen Nachmittagsstunden erste Bierflaschen und -Dosen geöffnet, die Stimmung ist perfekt. Nicht dass Alan Roura dieses Pressegespräch mangels Familie und Lieben abhält, nein, Roura nimmt die ihm Nahestehenden einfach mit zum Date. Soll ja allen Spaß machen.

Sunnyboy und Charmeur

Wie kaum ein anderer hat es der Schweizer Alan Roura in den Wochen und Monaten vor dem Start zur Vendée Globe geschafft zum „Sieger der Herzen“ aufzusteigen. Sein frischer Optimismus, sein unverwüstlicher Enthusiasmus und vor allem seine durchweg sympathische, offene Art im Umgang mit jeder und jedem, der sich auch nur ansatzweise für sein Projekt „Eine Vendée für die Schweiz“ interessierte, machten aus ihm schnell den „Sunnyboy“ dieses Events. Eine Image, das er zwar nicht permanent aufpolierte, aber doch mit einer gewissen Schweizer Lässigkeit zumindest pflegte (SR berichtete)

Vendée Globe, Alan Roura, Schweizer

Kann es noch gar nicht fassen, dass er es endlich geschafft hat: Alan Roura nach 2 Tagen in der Flaute nun doch im Ziel © vendée globe

In der französischen Segelszene war Roura entsprechend beliebt. Alle gönnten ihm den Start, viele halfen selbstlos bei seinem Projekt mit. Einige waren mit Sicherheit auch ein wenig neidisch auf diesen Jungspund, der es mit permanent guter Laune, reichlich Charme und noch mehr Coolness schon so weit im Hochseezirkus gebracht hat.

Doch hinter vorgehaltener Hand gab es auch einige Unkereien. Oder um es anders auszudrücken: Nicht viele hätten auch nur eine Lokalrunde Kaltgetränke darauf verwettet, dass es Roura wirklich schaffen würde, die „Große Runde“ zu drehen: Zu alt das Boot, zu unerfahren der Skipper, zu wenig Budget, zu viel Hektik während der Last-Minute-Vorbereitungen. 

Als dann auch noch ausgerechnet am Abend vor dem Start das Gerücht durch die Bars ging, auf Rouras Boot sei noch auffällige Betriebsamkeit, reichlich Techniker und Preparateure würden sich unter Deck rumtreiben und man würde sogar noch laminieren… da winkten viele ab und gaben dem jungen Schweizer höchstens eine Chance bis zu den Kapverden. Aber nur, wenn ihm das Glück hold sei. 

Vendée Globe, Alan Roura, Schweizer

Hat ein bisschen was von Moitessier, oder? © vendée globe

Dreieinhalb Monate später dürften sich nun einige dieser Unker die Augen reiben, wenn sie es nicht schon sowieso während der letzten Wochen gemacht haben. Denn Alan Roura hat es geschafft: In 105:20:10 Tagen ist er auf seiner IMOCA „La Fabrique“ nonstop, einhand rund um die Welt gesegelt und heute Morgen auf Rang 12 ins Ziel gekommen.

Sein 16 Jahre altes Boot, die ehemalige „Superbigou“, entworfen von Landsmann und Hochseelegende Bernard Stamm, hat auch bei seiner dritten Weltumrundung (nach zwei Mal „Around Alone“) und der x-ten Atlantiküberquerung erneut bewiesen, dass auch moderne Hochseerenner durchaus stabil und langlebig sein können. Vorausgesetzt, sie werden anständig gesegelt. 

Nicht zu hart rannehmen, die alte Möhre

Und genau das hat Alan Roura bis zur Perfektion geschafft. Der auch als „Heißsporn“ bekannte Segler hat sich vom ersten bis zum letzten Moment dieser Regatta zusammengerissen und segelte in erster Linie „auf Sicherheit“. Keine Eskapaden, keine unvorsichtige, dem Geschwindigkeitsrausch geschuldete Rasereien, niemals zuviel Tuch in schlecht einschätzbaren Wettersituationen. „Ich liebe zwar jetzt schon mein Boot,“ sagte er einmal vor der Regatta gegenüber SR. „Aber ich weiß auch, dass ich die alte Möhre nicht mehr allzuhart rannehmen darf!“ 

Vendée Globe, Alan Roura, Schweizer

Laune stimmt immer bei diesem Weltumsegler © vendée globe

Erstaunlich für den „jungen Wilden“, dass er sich an diese Maxime gehalten an. Was nun wiederum nicht heißen soll, das Rennen sei völlig glatt und problemlos für ihn abgelaufen. „Ich hatte eine Menge Glück,“ rief er als einen der ersten Sätze den Reportern und Freunden hinter der Ziellinie zu. Doch Glück gehört nun mal zu jeder Regatta, wenn es auch bei einer Weltumseglung arg strapaziert wird. 

So trieb Roura in den ersten Tagen nach dem Start das Feld der Vendée Globe zunächst vor sich und seiner „La Fabrique“ her. Auf Höhe Kanaren wählte er die westliche Option und holte die ersten Konkurrenten mit 16 Knoten Speed ein, während die anderen weiter östlich vor sich hindümpelten.

In den Kalmen hatte er aufgrund eines Antennenproblems tagelang keinen Empfang, konnte keine Wetterdaten mehr empfangen und musste schließlich möglichst nah unter die brasilianische Küste segeln, um dort nach einem Reset wieder Daten für sein Computersystem herunterzuladen. Ein Umweg, der ihn reichlich Zeit kostete. 

Vendée Globe, Alan Roura, Schweizer

Reparatur am Ruder © roura

In den südlichen Meeren bekam Roura reichlich was auf die „Kapitänsmütze“ (siehe Bilder von seinem Start), doch irgendwie schafft er es bei Stürmen mit 50 Knoten Wind, trotz eines Problems mit der Aufhängung des Steuerbord-Ruders  wieder ans „Peloton“ im Mittelfeld heran zu kommen.

Weihnachten feiert er auf Höhe Kap Leeuwin (Australien) immerhin schon wieder auf Rang 12, doch als er in einer kleinen Gruppe von fünf Booten – darunter z.B. Arnaud Boissieres und Fabrice Amedeo – gerade so richtig schön in den Southern Ocean rauschen will, muss er am 2. Januar sein Shoreteam darüber informieren, dass er mit einem treibenden Objekt zusammengestossen ist. Das zuvor schon „angeschlagene“ Ruderblatt auf Steuerbord war stark beschädigt und durch ein Leck floss Wasser ins Boot. 

Die paar Problemchen schnell repariert

Doch der erfahrene Bastler und Reparierer („wenn ihr wüsstet, an wievielen Booten ich schon rumgemacht habe in meinem jungen Leben!“) behebt auch diese Schäden und segelt mit zwei Tagen Rückstand seinen vorherigen Konkurrenten wieder hinterher. Nach 71 Tagen rundet er Kap Hoorn und zehn Tage später reißt nach einem suboptimal verlaufenen Manöver ein Winsch aus dem Deck. Auch dieses „Problemchen“ repariert er fachmännisch, Roura segelt weiter und weiter.

Nach 89 Tagen überquert der Schweizer den Äquator, wonach ihn schwierige Wettersysteme erwarten. Tagelange Flauten oder Leichtwindzonen zerren an den Nerven den jungen Einhandseglers. Die letzten zwei Tage vor dem Ziel sitzt Roura in einem Hochdruckgebiet fest: „Es ist grauenhaft, so kurz vor dem Ziel nochmals blockiert zu sein. Ich hatte letzte Nacht 24 Frachter um mich herum, manche sind in 200 Metern Entfernung an mir vorbei – höllisch!“ 

Vendée Globe, Alan Roura, Schweizer

In der Karikatur… Der “kleine Mogli” auf den großen Ozeanen © VG sinon rien

Sichtlich erschöpft und mit den Nerven „am Ende“ fuhr Alan Roura schließlich heute Morgen um 9:12 Uhr ins Ziel vor Les Sables d’Olonnes. Freunde, Verwandte und reichlich Fans begrüßten ihn gleich draußen auf See von ihren Booten aus, in der Hafeneinfahrt durch den „Chenal“ feierten ihn Tausende gebührend.

„Ich hab’s geschafft, hab’ mich doch ganz gut geschlagen, oder nicht?“ rief er charmant und jovial unter seinem dichten Vollbart hindurch grinsend. „Ich glaube, ich kann mit erhobenem Haupt an Land gehen!“ sagte er noch auf dem Wasser in ersten Interviews. Um gleich schon mal klarzustellen: „Ich hab’ ja jetzt gesehen, dass ich es kann. 2020 bin ich wieder dabei – aber mit einem schnelleren Boot!“ 

Vendée Globe, Alan Roura, Schweizer

“calme” in den Kalmen © roura

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Michael Kunst

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6 Kommentare zu „Vendée Globe: Schweizer Alan Roura (23) im Ziel – knapp 106 Tage Nervenkitzel“

  1. avatar pjotr sagt:

    mal was anderes am rande: mir ist aufgefallen das die zieleinläufe eigentlich immer tagsüber erfolgen. zufall? oder gibts da ne absprache/vorgabe der sponsoren? also wird da ein bisschen gebremst um nicht mitten in der nacht alleine über die ziellinie zu dümpeln? was meinen/ wissen die profis von der vordersten front?

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    • avatar andrea sagt:

      Die Zieleinläufe werden dann bevorzugt, wenn durch die Gezeiten auch genug Wasser im Kanal ist …😊

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      • avatar pjotr sagt:

        ? ähem,wo liegt die offizielle ziellinie? meiner karte nach isses da tief genug…. eigentlich immer….
        was mich interessieren würde: an welchen punkt bzw.zu welchen zeitpunkt fiel die entscheidung dass “der schakal” abends ankommen soll und “hugo boss” morgens?

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        • avatar andrea sagt:

          Also. Die Ziellinie ist gar nicht so weit draussen. Man kann es vom Kanal aus sehen. Genug Tiefe ist dort immer. Das ist so. Aber die Skipper entscheiden alleine, ob sie vor der Ziellinie auf die Bremse treten weil der Kanal nicht befahbar ist oder ob sie die Linie zuerst passieren und dann draussen warten. Allerdings müssten sie dann, je nach dem, wieder weiter ausholen.
          Ich glaube, dass es jedem Skipper gegönnt ist, nach dem Zieleinlauf direkt durch den Kanal an die Pontons zu kommen. Die Emotionen sind sehr speziell. Ein Unterbruch wäre sicherlich ganz anders….

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          • avatar pjotr sagt:

            verstehe, nachts ist also immer ebbe. ist schon sehr speziell das alles. halt nervenkitzel bis zum schluss….

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  2. avatar Harald sagt:

    Sehr schöner Artikel und tolle Leistung von Alan Roura. Eine kleine Anmerkung darf ich aber machen: Das Boot wurde nicht von Bernard Stamm, sondern von Pierre Roland konstruiert.

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