Vendée Globe: Thomsons Extremschlag erweist sich als Fehler – Feld schiebt sich zusammen

"Ich dachte, es sei eine gute Idee..."

Während die Welt fassungslos nach Amerika blickt, dreht sich die Welt für die Vendée Globe-Skipper weiter. Dabei waren offenbar auch in diesem Rennen die Prognosen für einen der Spitzenkandidaten unzutreffend.

Vendee Globe SMA

“SMA”, das Siegerschiff der vergangenen Vendée Globe (ex “Macif”) hat sich auch ohne Foils auf Rang drei vorgeschoben. © SMA

Alex Thomson mochte die Schulterklopfer gerne abwehren, als er sich die Führung mit seinem einsamen Extremschlag unter die portugiesische Küste zurückerobert hatte. “Ich bin mir nicht sehr sicher über meine Positionierung”, gab er in einer Stellungnahme von Bord zu. “Zuerst dachte ich, es sei eine gute Idee, aber nun sieht es so aus, als würde es sich in den nächsten Tagen nicht auszahlen.”

Genau so ist es gekommen. “Hugo Boss” ist auf Rang sieben zurückgefallen. Die Gruppe im Westen hat ihn überholt. Der virtuelle Rückstand auf den führenden Armel le Cleac’h beträgt am Morgen 39,5 Meilen. Er hat nicht nur vor einem Tag den wichtigen Bord-an-Bord-Speed-Zweikampf gegen den Franzosen verloren, sondern nun auch strategisch taktisch beim ersten spannenden Schlagabtausch den Kürzeren gezogen.

Fehler wie beim Tümpel-Segeln?

Dabei muss man Thomson zu Gute halten, dass die im Nachhinein offenbar sehr kostspielige Halse gen Portugal kaum einer plötzlichen Eingebung zufolge erfolgt ist. Auf  dem Tracker sieht es so aus, als habe er den alten Fehler begangen, der jedem Tümpel-Segler wohl schon mal passiert ist. Man wird von einem Boot im direkten Duell überlaufen, kann diese kurzfristige Niederlage kaum ertragen und entfernt sich ohne echten Plan vom Gegner mit einer extremen Kursänderung, um die verlorenen Meter dann eben durch eine Winddrehung oder Böe wieder gutzumachen. Meistens verliert man dann noch mehr.

Es sah erst ger nicht so schlecht aus für Alex Thomson (schwarz). Er ging in Führung.

Es sah erst ger nicht so schlecht aus für Alex Thomson (schwarz). Er ging in Führung.

Thomson mag auch diesen Impuls gespürt und deshalb die riskante Option weg vom Feld favorisiert haben. Aber es ist wahrscheinlicher, dass er einem vorgefertigten Plan folgte. So kurz nach dem Start hat das Wetter-Team noch einen gewissen Einfluss, weil es anhand der Prognosen eine Strategie berechnen kann. Später ist der Segler auf sich alleingestellt. Externe Router sind verboten. Die Skipper müssen die Wetterdaten am Computer selber auswertn.  So weist Thomson darauf hin: “Es war Teil unserer Vorstart-Strategie.”

Aber das Wetter hat sich überraschend anders entwickelt als vorhergesagt. Das bestätigen viele Skipper. Eigentlich hatten alle einen High-Speed-Run bis zum Äquator und große Vorteile für die Foiler erwartet, aber nun wird der Weg der Flotte von einem Hoch blockiert. Le Cléac’h hat das auf beeindruckende Weise antizipiert. “Die Strategie hat sich nach dem Start geändert. Der Weg entlang der portugiesischen Küste war nicht mehr so interessant, wie wir zuerst dachten”, sagt der Favorit.

Der Strategie des Wetterteams gefolgt

Es scheint also nicht so zu sein, dass Thomson einen plötzlichen Ausbruch-Versuch ansetzte. Eher scheint er sehr konservativ den Empfehlungen seiner Wetter-Router gefolgt zu sein und hat nicht adäquat auf die sich ändernden Bedingungen reagiert, wie das Gros des Feldes.

"Hugo Boss" wird vom Feld im Westen überlaufen. Le Cleac'h hat die kritische Sitation überragend gemeistert und bleibt in Führung.

“Hugo Boss” wird vom Feld im Westen überlaufen. Le Cleac’h hat die kritische Sitation überragend gemeistert und bleibt in Führung.

Jedenfalls hat neuer Wind aus dem Westen die links vom Feld positionierten Boote bevorteilt. Und Armel Le Cleac’h  zeigt, warum er der Top Favorit ist. Er besitzt offenbar nicht nur ein Schiff, dass bei starkem Wind im Foiling-Modus schneller sein kann als “Hugo Boss”, er verhält sich auch wettertaktisch und bei der strategischen Risiko-Abwägung meisterhaft.

Aber das Rennen ist noch lang. Und nun sind dem Franzosen die anderen Herasuforderer wieder auf die Pelle gerückt. Dabei hat sich insbesondere Sébastien Josse mit “Edmod de Rothschild” wieder in Szene setzen können. Der Mann, der mit seinem neuen Foiler einen so eindrucksvollen Start hingelegt und danach dann doch etwas geschwächelt hatte, spielt auch bei dem leichteren Wind wieder vorne mit. Le Cleac’h behält ihn besonders im Auge.

Flügel eingezogen

Josse hat offenbar längst noch nicht alle Karten auf den Tisch gelegt. So bekundet er, in der ersten Starkwind-Nacht mit heftigen oft unberechenbaren Böen, die Foils eingefahren zu haben, um etwas sicherer unterwegs zu sein.

Das Feld bereitet die Ansteuerung der Kanaren vor. Die Berechnung der Wind-Abdeckung könnte eine große Rolle spielen.

Das Feld bereitet die Ansteuerung der Kanaren vor. Die Berechnung der Wind-Abdeckung könnte eine große Rolle spielen.

Er dürfte in einem solchen Mode dann mit einem vollen Wasserballast-Tank in Luv unterwegs sein und kann den Kiel nicht so weit anwinkeln, weil er ihn als Lateralfläche benötigt. Klar, dass das langsamer ist. “Die drei Boote vorne haben das nicht gemacht und sind deshalb nach vorne gerutscht. Ich bereue es aber nicht, denn nun liege ich kaum mehr als 20 Meilen hinter den Führenden. Meiner Meinung nach, war das Risiko zu groß Vollgas zu geben und die Aussichten auf Gewinne zu klein.”

Josse hat offenbar vorher gesehen, dass die Spitzenboote von der Flaute ausgebremst werden würden. Es gab aber auch Vorhersagen, nach denen man die flauen Winde des Hochs vermeiden könne, wenn man am Anfang ordentlich Gas gebe.

Comeback nach Beckenbruch

Dieses Szenario ist nicht eingetreten. Das Feld schiebt sich bei leichterem Wind wieder zusammen. Und besonders die Nicht-Foiler können auf dem tiefen Vorwind-Kurs ihre Vorteile ausspielen. Sie müssen den bei Flaute bremsenden Leeflügel nicht durchs Wasser ziehen.

Dabei ist besonders die Leistung von Paul Meilhat bemerkenswert. Er hatte sich vor etwas weniger als einem Jahr nahe den Azoren mit einem Beckenbruch von seiner “SMA” geborgen werden musste. Das Schiff trieb 20 Tage lang herrenlos auf See und legte 1500 Meilen zurück. Erst vor Irland gelang die Bergung. Zuvor hatte er noch mit einem peinlichen Navigationsfehler beim Rolex Fastnet Race Schlagzeilen gemacht.

Der 33-jährige Franzose hat viel Trainingszeit verloren und musste auch auf die angedachte Foiler-Nachrüstung verzichten. Aber dennoch ist er offenbar sehr konkurrenzfähig. Schließlich handelt es sich bei der “SMA” um das Siegerschiff der vergangenen Vendée Globe “Macif” von Francois Gabart. Es hat Meilhat allerdings noch kein Glück gebracht. Die letzten drei Regatten musste er aufgeben.

Tracker Vendée Globe

 

 

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Carsten Kemmling

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2 Kommentare zu „Vendée Globe: Thomsons Extremschlag erweist sich als Fehler – Feld schiebt sich zusammen“

  1. avatar john meissner sagt:

    Egal, ich bin gespannt ob Thomson wieder ran kommt. Auch ein Ungar ist mit dabei, Respekt.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  2. avatar Borgfels sagt:

    Tut er. Armel weicht gerade der Flaute nach Osten hin aus und ist leicht langsamer als Alex. Sind nur noch 30sm Abstand.

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