Vendée Globe: Ungar Nandor Fa als Achter im Ziel – Porträt eines Ausnahmeseglers

„Foilen ist für Weicheier!“

Nandor Fa, Vendée Globe

Will mit seinem 8. Rang seine Hochseekarriere beenden: Nandor Fa © vendée globe

Nach 93:22:52 Tagen kommt der 63-jährige Ungar auf seiner „Spirit of Hungary“ auf Rang Acht nach les Sables d’Olonnes zurück.

Wie unterschiedlich die Pressegespräche vor und nach einer Vendée Globe ablaufen, darüber haben wir bei SR schon mehrfach berichtet. Die einen nehmen sich der Journalisten sachlich und vermeintlich professionell an, die anderen wirken eher zurückhaltend, fast schon schüchtern angesichts der ganzen Kameras und Dritte wiederum tun den ganzen Rummel mit einem Wink ab, beantworten die paar Fragen mit kurzen, kernigen Sätzen um schließlich zum gemütlichen Teil der Veranstaltung überzugehen. Und schon ploppt die Bierflasche… 

Nandor Fa, Vendée Globe

Kurz nach dem Überqueren der Ziellinie © vendée globe

Der ungarische Hochseesegler Nandor Fa gehört mit Sicherheit zur letztgenannten Kategorie. Irgendwann saß ich schließlich bei einer dieser eher improvisiert wirkenden Pressegespräche dem ungarischen Segler gegenüber, der flankiert von seiner Ehefrau und einer ziemlich imposanten Phalanx ungarischer Journalisten, gutmütig dem SegelReporter entgegen blickte. Nur der wurde sich plötzlich bewusst, dass er eigentlich keine Ahnung von seinem Gegenüber hatte. Jedenfalls nicht genug für halbwegs intelligente Fragen. Also improvisieren, vielleicht etwas über sein Boot erwähnen, der Rest kommt dann schon von selbst? „Nandor, Sie wollen die Vendée Globe mit dem wahrscheinlich letzten IMOCA segeln, der noch ohne jegliche Foiltechnik gebaut wurde. Trauen Sie dem Foilen nicht?“ 

Alles in einer Person

Lachend antwortete der 63-Jährige: „Foilen? Das ist doch nur was für Weicheier! Ich gehöre noch zu der Sorte Segler, die bei einer Weltumseglung in jede Welle hineinkrachen wollen. Von wegen über den Wellen schweben… das ist in den Wellen viel schöner!“ Und außerdem habe er keine Ahnung vom Foilen, habe sich nicht genug mit der Konstruktion der Foils beschäftigt. 

Mein Einwand, das könne man doch den Konstruktionsspezialisten und Designern überlassen, antwortet Nandor Fa’s Frau stellvertretend mit etwas genervt erhobenem Zeigefinger: „Nandor ist all dies in einer Person – Visionär, Segler, Konstrukteur, Shorecrew und Bootsbauer!“ 

Nandor Fa, Vendée Globe

“Ich nehme jede Welle wie sie ist!” © nandor fa

Moment mal, der Mann baut sich seine IMOCA selbst? Tatsächlich erfahre ich im Laufe des weiteren Gesprächs, dass man es bei Nandor Fa mit einem dieser Alleskönner zu tun hat. Ein  Exemplar der Sorte „Wo steht das Klavier?“, die an- und zupacken, die am besten alles selbst machen, die sich vor keiner Arbeit scheuen und so ziemlich alles tun, um ihre Träume zu verwirklichen. 

Zupacken konnte er von Anfang an. In seinem ungarischen Heimatort Székesfehérvár war seine erste sportliche Aktivität als Kind und später als Jugendlicher eine familientraditionelle: Ringen. Wie sein Großvater, Vater und Bruder sollte er die anderen Jungs aus dem Dorf aufs Kreuz legen. Doch seine Knie machten nicht mit, als 17-Jähriger kehrte er dem Kampfsport den Rücken zu und wandte sich Aktivitäten zu, die seine Gelenke vermeintlich weniger belasten. Wassersport, zum Beispiel. Er begann eine neue Karriere als Kayakfahrer und landete schließlich beim Jollensegeln. Von 1979 bis 1984 war er in der ungarischen Finn-Nationalmannschaft unterwegs, 1993 wechselte er ins ungarische Laser-Team.

Von der Jolle auf die See

Doch zwischen den beiden Jollen-Phasen entdeckte Nandor Fa noch schnell das Hochseesegeln. Mit einem Kumpel baute er aus einem irgendwo auf einem Schiffsfriedhof gefundenen Kasko ein 31-Fuß-Fahrtenschiff, mit dem die beiden von 1985 bis 1987 um die Welt segelten. Ohne nennenswerte Probleme am Boot, wie Nandor immer wieder betonte. „Damals lernte ich, dass man sich auf das, was man selbst gebaut hat, am meisten verlassen kann!“ 

Als die beiden Kap Hoorn rundeten, geschah dies zeitgleich mit den Führenden der BOC-Challenge. Nandor hörte die Funksprüche der Nonstop-Weltumsegler mit und war fasziniert: Im Wettkampf um die Welt segeln – das muss das Nonplusultra sein. 

Nandor Fa, Vendée Globe

Zum fünften Mal rund Kap Hoorn – Nandor Fa in Beststimmung © nandor fa

Von da an hielt Nandor Fa strikt an diesem Traum fest. Er schrieb ein Buch über seine Reise um die Welt und verdiente damit genug Geld, um nach Australien zu fliegen, wo er einen der bekanntesten Boots-Designer, Ben Lexcen, überredete, dass er ihm „über die Schulter schauen darf“. 

Wenige Monate später hielt Nandor die Risse seines ersten 60-Fuß-Hochseerenners in der Hand, von 1988 bis 1989 bauten er und einige Kumpel unter Nandors Regie schließlich Ungarns erstes Hochseeregattaschiff, die „Alba Regia“. 

Damit ging Nandor Fa wie erträumt bei der BOC Challenge 1990/91 an den Start. Nach 2.000 Kilometern brach das Ruder irreparabel, doch der Ungar wollte sich diesen „Schlag“ vom Schicksal nicht gefallen lassen. Er segelte zurück zum südafrikanischen Port Elizabeth, steuerte dabei ausschließlich mit den Segeln. Angekommen, reparierte er eigenhändig das Ruder, segelte erneut los und beendete die Einhand-Etappen-Regatta auf dem 11. Rang. Was ihm unter den dominierenden Franzosen und Engländern reichlich Respekt einbrachte. 

Seltsames Glitzern in den Augen

Doch für Nandor Fa war das alles nur Vorgeplänkel. Er wollte einhand und nonstop um die Welt gegen die Besten segeln. Eine Gelegenheit, die sich ein Jahr später bei der zweiten Vendée Globe 1992/93 ergeben sollte. In Rekordzeit baute Nandor sein Boot nach den IMOCA-Regularien um und schaffte es gerade so zum Start nach Les Sables d’Olonnes. 128 Tage später kam er auf Rang 5 wieder zurück. Mit über 25.000 Seemeilen im Kielwasser und einem seltsamen Glitzern in den Augen… 

Zur nächsten VG-Ausgabe erschien Fa auf einem Neubau, den er und eine 15 Mann starke Crew aus Kumpeln, Freunden und ehemaligen Finn-Regattagegnern in Ungarn nach Nandors Plänen gebaut hatten. Doch die „Budapest“ segelte nicht unter einem guten Stern. Einen Tag vor dem Start fiel die IMOCA aus dem Kran, was offensichtlich strukturelle Probleme im Schiff verursachte. Kurz nach dem Start meldete Nandor Probleme mit dem Ruder und noch in der Biskaya stieß er mit einem Frachter zusammen. Fa segelte zurück nach les Sables, reparierte sein Schiff, startete erneut. Doch nur wenige Tage darauf fiel der Generator irreparabel aus… Nandor Fa und „Budapest“ gaben auf.  

Nandor Fa, Vendée Globe

“Bei der Vendée Globe wird Boot und Skipper nichts geschenkt!” © nandor fa

1997 segelte der Ungar noch beim double-handed Rennen „Transat Jacques Vabre” mit, wobei er gefeierter Vierter wurde. Einer Hochseekarriere im „französischen Stil“ stand nichts mehr im Wege, doch Nandor Fa hatte andere Pläne. 

„Ich wollte mit meiner Familie in Ungarn leben, mir eine seriöse Existenz aufbauen, die gerne etwas mit der Segelei zu tun haben durfte,“ erzählte er. Und nein, er gründete keine Werft – „es gab genug Bootsimporteure in Ungarn, dagegen hätte ich keine Chance gehabt“ – sondern spezialisierte sich auf Steganlagen für die notwendig gewordenen Marinas. Ein Business, das bis heute florieren sollte. 

Um die Welt mit technischen Problemen

Knapp zwanzig Jahre später segelt Nandor Fa heute auf Rang 8 in Les Sables d’Olonnes über die Ziellinie der Vendée Globe. Auf einer IMOCA, die er vor drei Jahren zum größten Teil selbst gezeichnet hat und an deren Bau er maßgeblich mitgewirkt hat. Zunächst segelte er die  „Spirit of Hungary“ gemeinsam mit dem jungen Conrad Coleman (SR-Porträt) beim Barcelona World Race, jedoch mit reichlich technischen Problemen um die Welt.

Bei der aktuellen Vendée Globe zeigte der 63-jährige Einhandsegler eine fantastische Leistung. Nicht gerade mit Wetterglück gesegnet, fuhr er „konsequent in so ziemlich alle Schlechtwetterzonen hinein – Sturm wie Flaute“, wie er von Bord berichtete. Im Indischen Ozean lieferte er sich tagelange Duelle mit Stephane Diraison, wobei Fa in einer Patenthalse den großen Spinnaker verlor.

Nandor Fa, Vendée Globe

Im “Kanal von les Sables” © vendée globe

Ein Segel, das er noch schmerzlich vermissen sollte… Und die Probleme gingen weiter: Die „Spirit of Hungary“ kollidiert mit einem UFO, wobei an der Kielaufhängung ein Schaden entstand, eine weitere Patenthalse kostet den Ungarn eine Genua.  Kurz nach dem Kap Hoorn, das er am 9. Januar rundete, erwischte ihn im Atlantik ein Sturm mit Böen bis zu 60 Knoten. „Ein Wunder, dass dabei nur wenig zu Bruch ging,“ meldete er, nachdem sich die See wieder beruhigt hatte.

Nicht schlecht für Ü60

Schließlich gab der Motor den Geist auf, so dass die Stromversorgung in den Schlechtwetterzonen problematisch wurde. „Als sich dann auch das GPS verabschiedete, war es wirklich Zeit, dass wieder Land in Sicht kommt,“ schrieb er kürzlich von Bord. 

Doch während der letzten Tage waren ihm die Meeresgötter nochmals richtig hold: Im Glitsch segelte er gen Les Sables, wo er heute um 11:54 Uhr nach 93 Tagen, 22 Stunden und 52 Minuten ankam. „Hey, Rang 8 ist für einen Ü60 doch nicht schlecht, oder?“ sagte er im Ziel gegenüber Journalisten. Derzeit wird er im berühmten „Kanal“ von Les Sabes von Tausenden Fans gefeiert. Kann es ein schöneres Karriereende für einen ganz besonderen Hochseesegler geben?

Nandor Fa, Vendée Globe

Verdienter Medienwirbel für den alten Haudegen © vendée globe

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Michael Kunst

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5 Kommentare zu „Vendée Globe: Ungar Nandor Fa als Achter im Ziel – Porträt eines Ausnahmeseglers“

  1. avatar Addi sagt:

    Wieder ein toll geschriebenes Portrait miku, danke!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  2. Gut geschrieben – allerdings … Du wusstest wirklich nicht, welcher Legende Du gegenüber sitzt ?

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    • avatar Fabian sagt:

      Hat mich auch verwundert. N bissl informieren kann man sich schon, oder? Wenn man denn Journalist ist und über die VG berichtet. Man könnte ja zumindest die Artikel auf der VG Seite lesen.

      Naja.

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    • avatar Michael Kunst sagt:

      Ja, Franck, das war mir aber auch sowas von peinlich. Ich wußte zwar, dass ich bei einem ganz Großen sitze , aber hatte beispielsweise überhaupt keine Ahnung, dass der wirklich seine Boote selbst entwirft und größtenteils selbst Hand anlegt beim Bau. Aber der Typ ist ja sowas von locker… Viel mehr erfuhr ich dann später von seiner Frau, die ihren Job als Nandor-Fa-Pressesprecherin ausgesprochen ernst nahm und im den Presseräumen unermüdlich von einem Journalistenplatz zum nächsten pilgerte um über ihren Mann zu sprechen… ist aber wirklich eine herausragende Leistung, wenn man das Gesamtpaket, inkl. Konstruktion, Bau und Weltumrundung betrachtet. Und dann noch “ohne Foils” ?. miku

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 0

      • avatar Lajos Gal sagt:

        Danke MiKu. Die meisten Journalisten schreiben nur schlechtes über Ungarn. Oder schweigen sie. Ich bin stolz auf mein Land. Und vor allem auf solche Menschen wie der Nándor . Leider , es gibt immer weniger davon die ihre eigene Identität und Stolz noch bewahren und zeigen können.
        MfG Lajos

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