Vendée Globe: Virbac im Power-Glitsch – Die Wirkungsweise der IMOCA-Tragflächen

Multifunktion-Foils

Eine Woche vor dem Start der Vendée Globe häufen sich die Videos von IMOCA-Yachten, die mit ihren Tragflächen das Meer durchpflügen. Was es mit diesen “Schnauzbart-Anhängen” auf sich hat.

Es ist immer noch ein Anblick, der die Kinnlade ein wenig absacken lässt. Wenn sich einer der 60-Fuß-Neubauten mit den geschwungenen Foils aus dem Wasser hebt, wird der enorme Speed-Zuwachs sichtbar. Und es ist kaum vorstellbar, wie die Skipper damit einhand um die Welt jagen wollen.

Das Gewict von St.Michel Virbac lastet auf seinem Lee-Foil. Der geschwenkte Kiel kann sorgt für aufrichtendes Moment und kann die Abdrift nicht verhindern. © Zedda

Das Gewicht von St.Michel Virbac lastet auf seinem Lee-Foil. Der geschwenkte Kiel kann sorgt für aufrichtendes Moment und kann die Abdrift nicht verhindern. © Zedda

Bald sieht man nur wieder die Linien am Tracker, die möglichst nahe an Gebiete mit roten Windpfeilen heranführen, aber diese Vorab-Videos machen erst klar, mit welchen Kräften die Einhand-Segler auf den modifizierten 60-Fuß Designs zu kämpfen haben.

Schokoladen-Bedingungen

Sie schweben auch nicht über das Wasser wie die America’s Cupper und lassen das Spritzwasser überwiegend unter sich. Im Gegenteil. Der erhöhte Speed lässt die Gewalt der Wellen noch intensiver werden, denn der Bug kann nicht über jeden Brecher gehoben werden.

Die Videos zeigen die Vendée-Yachten meist mit schöner Backstagbrise bei einem Windwinkel von 70 bis 120 Grad. Das sind die Schokoladen-Bedingungen für die Boote nach der für diese Regatta erstmals erlaubten Tragflächen. Dabei erzeugen sie einen Speed-Zuwachs von gut zwei Knoten im Vergleich zur klassischen Konfiguration.

Hugo Boss

Der Vorteil auf dem Papier beträgt 10 bis 15 Prozent, weil sich das Vorschiff teilweise aus dem Wasser hebt, und der Reibungswiderstand des 18,5 Meter langen Rumpfes deutlich verringert.

Keine echten Foiler

Aber diese Yachten sind eben keine echten Foiler, wie die Katamarane oder Motten mit ihren L und T-Profilen an Ruder und Schwert. Eine solche Entwicklung haben die Regelhüter der Klasse verhindert, indem sie die Anhänge für die Yacht auf fünf begrenzten.

Deshalb sehen die Tragflächen so komisch aus, wie der Schnurrbart von Salvador Dali, wenn man einen der Neubauten von vorne betrachtet. Zwei Ruder, ein Kiel und zwei Schwerter sind erlaubt. Da die gut drei Tonnen schwere Kielbombe nach wie vor weit nach Luv geschwenkt wird, um das aufrichtende Moment zu erhöhen, kann die Kielfinne nicht wie bei klassischen Yachten gegen die Abdrift wirken.

Um hoch am Wind mit angewinkeltem Ballast segeln zu können, wird normalerweise gehört mit einem oder mehreren Steckschwertern gearbeitet. Der 100 Fuß Maxi “Wild Oats XI” ist ein gutes Beispiel. Sein seitliches DSS-Foil muss keine Abdrift verhindern und ist deshalb einfach eine gerade Fläche. Die Multifunktion-Foils der IMOCAs dagegen müssen das Schiff aus dem Wasser zu heben, aber gleichzeitig auch noch die Abdrift verhindern.

Wild Oats, Umbau, Maxi Racer

Die Struktur Des Schiffes Konfiguration von “Wild Oats” mit nicht limitierten Anhängen. © wild oats

Doppelfunktion der Foils

Aus diesem Grund sind die Anhänge nicht nur mit einem waagerechten Profil versehen, das für den Auftrieb zuständig ist, sondern auch mit einem senkrechten, das den seitlichen Versatz verhindern soll.

Sechs Neubauten sind für 2016 mit der neuen Konfiguration ausgestattet und eine Yacht (“Maitre Coq”) wurde nachträglich mit den Flügeln versehen. Noch ist nicht vollends klar, ob sie tatsächlich das Maß der Dinge sein werden. So hat die klassische IMOCA “PRB” schon gut dagegen halten können.

Sie ist deutlich leichter und segelt am Wind und bei wenig Wind schneller. Denn der Effekt der Tragflächen kommt erst ab 12 Knoten Wind im wahrsten Sinne des Wortes zum Tragen. Ansonsten bedeutet die gebogene Schwinge viel Widerstand, wenn sie durchs Wasser gezogen werden muss.

Eine andere große Frage ist die der Verlässlichkeit. Es gab schon viele Probleme bei den Neubauten. Die Lastspitzen sind noch nicht vollends erprobt und zuletzt erlitt “Hugo Boss” den Bruch eines Foils, was dazu führen wird, dass Alex Thomson mit der ersten Version seiner Tragflächen an den Start geht. Das könnte eine deutliche Schwächung des Briten sein.

Zeitraffer Video: Wie ein IMOCA gebaut wird

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden
http://segelreporter.com/pressemitteilungen/freiwilliges-soziales-jahr-2017-2018-beim-hamburger-segel-club/

3 Kommentare zu „Vendée Globe: Virbac im Power-Glitsch – Die Wirkungsweise der IMOCA-Tragflächen“

  1. avatar langalex sagt:

    3kg schwere kielbombe? 😀

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 1

  2. avatar Breizh sagt:

    Danke für die gute Darstellung und Erklärung. Neben dem Routing wird jetzt auch noch eine technische Komponenten dazu kommen. Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass die Foiles dieser dauerhafte Belastung standhalten. Das hier ist ja nicht der America Cups, wo man bei mehr als 4 Bft. und einer Welle von 1,5 Meter im Hafen bleibt. Auch die Test vor der Bretagne, wo die beeindruckenden Bilder gemacht wurden, können die wochenlangen harten Bedingungen im Southern Ocean nicht simulieren. Ich bin gespannt, wie es ausgeht. Die Spiele können beginnen (ok noch bis Sonntag warten).

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *