Volvo Ocean Race: Ausbruch von AkzoNobel – An der Spitze gibt Dongfeng Gas

Frustrierende Momente

Es tut sich was beim Volvo Ocean Race. AkzoNobel hat einen Angriff gestartet. Aber es ist wohl eher ein Frust-Manöver. Auch andere blasen Trübsal.

Dongfeng gibt den Ton an. © Jeremie Lecaudey/Volvo Ocean Race

“Toll, dass wir nun führen”, sagt der Däne Nicolai Sehestedt in die Kamera. Dabei macht der Match-Race-Spezialist eine ausgesprochen gute Miene zum bösen Spiel. Denn der Abbieger seines AkzoNobel Teams nach Osten ist eher eine Verzweiflungstat. Und Sehestedt weiß genau, dass die vom Tracker ausgespuckte “Führung” nicht real ist. Es wird die direkte Verbindung nach Kapstadt gemessen, aber zurzeit geht es eigentlich für die Teams darum, das St. Helena-Hoch weiträumig zu umfahren. AkzoNobel versucht es nun mit einer sehr risikoreichen Abkürzung. Aber es gibt wenig zu verlieren.

Lange Zeit hielt das holländische Skandal-Boot erstaunlich gut mit den Besten der Flotte mit, und der kurzfristige Crewwechsel schien einen positiven Effekt zu haben. Überraschend konnte der ex Sieger-Navigator (2008-09) Jules Salter nach seiner Weigerung, die erste Etappe mit Skipper Tienpont zu segeln, doch noch überzeugt werden, die Ansagen zu machen.

Sportliches Schwergewicht mit Führungsanspruch

Dazu kam Peter van Niekerk ins Team, der eigentlich als Niederländer, Doppel-America’s Cup Sieger mit Alinghi, Olympia-Vierter in der Soling und zweifacher Volvo Ocean Race Erfahrung eine logische Wahl für das holländische Boot sein können – schon vor dem Chaos. Und schließlich ist mit Chris Nicholson, dem mehrfachen 49er Weltmeister und sechsmaligen Volvo Ocean Race Teilnehmer, ein echtes sportliches Schwergewicht an Bord gekommen, mit dem der Sieg-Anspruch bekräftigt wurde.

Aber so einfach ist es eben nicht in einem Team. Es ist schwer vorstellbar, dass sich der Australier Nicholson devot einem Tienport unterordnet, der beim Aufbau der Kampagne offenbar vieles falsch gemacht hat. Sonst wäre es so kurz vor dem Start des Volvo Ocean Races nicht zu so einem Desaster gekommen.

AkzoNobel

AkzoNobel nimmt sich mit der bordeigenen Drohne vor einer Wolke auf. © James Blake/Volvo Ocean Race

In der Außendarstellung von AkzoNobel sieht es eher anders aus. Nicholson scheint der neue Chef zu sein und Tienpont äußert sich kaum noch vor der Kamera. Man konnte sich schon fragen, ob der Skipper überhaupt noch an Bord ist.

“Diese Fehler müssen aufhören”

Der Rückzug scheint mit dem vor einigen Tagen erstaunlich offen kommunizierten Fehler zusammenzuhängen, der bei der Taktik-Planung erfolgte. “Diese Fehler müssen aufhören”, schimpfte Nicholson und schließlich nimmt Navigator Salter die Verantwortung auf sich, die neue Wache beim Wechsel nicht ausreichend wohl vom zu steuernden Kompasskurs unterrichtet zu haben.

In der Folge sollen wichtige Meilen verloren worden sein. Tienpont tritt bei der Auseinandersetzung nicht auf. Seitdem scheint sich die Stimmung an Bord nicht gerade verbessert zu haben. Das blaue Boot, das eigentlich das neueste der Flotte ist, verlor immer mehr Meilen. Der Frust sitzt tief, und auch daraus resultiert der aktuelle Split.

(Das AkzoNobel-Team erklärt seinen Angriff)

Vestas 11th Hour

Stilvolles Trimmen und Steuern von Nick Dana und Tom Johnson auf Vestas 11th Hour.© Martin Keruzore/Volvo Ocean Race

Auf direktem Kurs mit dem aktuellen Speed-Potenzial ist der direkten Konkurrenz offenbar nicht beizukommen. Trotz früher Meldung hat AkzoNobel im Hickhack mit dem Sponsor bei der Vorbereitung viel wertvolle Trainingszeit verschenkt. Und dem zusammengewürfelten Team fehlt nun einiges Wissen über die schnellsten Trimm-Einstellungen der Einheitsyachten. Nicholson und Sehested sind die Einzigen mit Erfahrung vom vergangenen Rennen, und dabei verpassten sie den Großteil der Regatta nach ihrem Crash mit Vestas. (Bordleben auf AkzoNobel)

Bekking kommt besser in Fahrt

Dafür läuft es besser bei Brunel. So langsam Bouwe Bekking besser in das Rennen zu kommen und vielleicht auch einen Peter Burling besser einsetzen zu können. Zumindest schaffte es das gelbe Boot, Vestas, die Sieger der ersten Etappe, zu passieren.(Brunel holt auf und überholt Vestas) Ob das unter US-Flagge segelnde Team sich von einer eindrucksvollen Begegnung mit den Delfinen hat ablenken lassen?

Voraus spielt sich jedenfalls der erwartete Zweikampf zwischen Mapfre und Dongfeng ab, den beiden Spitzenteams, die sogar eine Zeitlang eine Trainingspartnerschaft gebildet. Sie sind einfach einen Tick schneller als der Rest. Und gerade Dongfeng zeigt den Spaniern mit nun schon fast 20 Meilen Vorsprung, dass die eher schwache Leistung auf der ersten Etappe wenig Relevanz hatte.

Beide Skipper haben jedenfalls viel Spaß miteinander, wie ihre aktuelle Konversation von Bord zeigt:

Blair Tuke

Ein unkonventioneller Haarschnitt nach der Äquatortaufe für Cup-Sieger Blair Tuke und seine Hände nach 12 Tagen auf Mapfre © Ugo Fonolla/Volvo Ocean Race

Frustration hat sich dagegen bei Scallywag breit gemacht. Eine mehrfach unkonventionelle Schlag-Wahl in der nördlichen Hemisphäre mag Spannung aber keinen Erfolg gebracht haben, und zuletzt war der lustige Australier David Witt gar nicht mehr so fröhlich vor der Kamera. 

Sun Hung Kai/Scallywag

Navigator Steve Hayles ist frustriert nach den letzten Positionsangaben für Sun Hung Kai/Scallywag. © Konrad Frost/Volvo Ocean Race

Im Vergleich zum 50:50 Frauen-Männer-Team auf “Turn the Tide on Plastic” war das für Hongkong startende Boot einfach nur langsam. Und dem Skipper erschließt sich langsam, dass es an der Crew-Strategie liegen könnte. Erst wollte Witt gar keine Frau mitnehmen, dann wurde Annemieke Bes bei AkzoNobel abtrünnig und von den Australiern mit offenen Armen empfangen.

Aber alle anderen Boote haben mindestens zwei Frauen an Bord. Das bedeutet für Scallywag fehlendes Crewgewicht. Denn es geht laut Witt nicht nur um den Ballast der Person, sondern auch ihrer Ausrüstung. Das fällt auf einem spitzeren Kurs besonders ins Gewicht, wenn Scallywag im direkten Vergleich mit “Turn the Tide” segelt. Vor dem Wind dagegen könnte fehlendes Gewicht helfen, aber auch bei diesen Bedingungen in der ersten Hälfte der Etappe segelten die Australier eher enttäuschend. Nun segeln sie mit dem Team von Dee Caffari erwartungsgemäß aber doch erschreckend weit hinterher.

Volvo Ocean Race Tracker

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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