Volvo Ocean Race: Mann über Bord – Einschätzungen nach der Scallywag-Rettung

Was wäre wenn?

Der Aufschrei war groß: Keine Lifeline! Keine Schwimmweste! Kein Seenotsender am Mann! Wie konnte es bei einem Profi-Rennen überhaupt so weit kommen? 

Es war fast wie in einem dieser typischen Lehrfilme: Mitten auf dem Ozean fällt der junge VOR-Segelprofi Alex Gough während der Vorbereitung zu einem Manöver über Bord der „Scallywag“ . (SR berichtete). Und das nicht etwa in schwerer, überkommender See und 45 Knoten-Böen, sondern bei schönstem T-Shirt-Sonnenschein-Segelwetter, bester Sicht allerdings höchster Geschwindigkeit.

Die Crew um Skipper Witt reagierte besonnen und vor allem schnell, meisterte die erprobten MOB-Manöver und hatten Gough knapp acht Minuten später wieder an Bord. So weit, so gut. 

Aufschrei und Furore

Nur wenige Sekunden, nachdem Gough laut rufend über Bord gefallen war und die Navigatorin den MOB-Knopf gedrückt hatte, begann auch der VOR-Medienmann das Geschehen bis zu Gough Rettung zu filmen. Sein Video ging um die (Segel)-Welt und sorgte hauptsächlich in den Sozialen Netzwerken und in den einschlägigen Segler-Foren für Aufschreie und Furore. 

Denn die Aufnahmen belegten, dass es die Segelprofis nicht ganz so ernst nehmen mit den Sicherheitsbestimmungen an Deck – zumindest bei dem warmen Wetter: Niemand trug eine Schwimmweste, niemand hatte sich mit einer Lifeline etwa am Strecktau eingehakt. 

Volvo Ocean Race

Gibt es auf den VOR-Racern eigentlich jemals “ruhiges Wetter”? © VOR

Für die kommentierende Seglergemeinde war klar: Im Prinzip führte die versammelte „Scallywag“-Crew die Begriffe „Seemannschaft“ und „Sicherheit auf See“ ad absurdum.

Nachdem „Scallywag“ siegreich den nächsten Etappenhafen Hongkong erreicht hatte, meldeten sich in unterschiedlichen Medien und auf der VOR-Website Crew-Kollegen (auch von anderen VOR-Teams), VOR-Verantwortliche und die „Scallywag“-Protagonisten mit erklärenden Statements, aber auch kleinlauten Entschuldigungen zu Wort. 

Die meisten waren und sind sich einig, dass es unverantwortlich und fahrlässig von Gough war, ohne Life-Line-Sicherung auch noch außenbords auf den Outrigger zu klettern, um dort eine Leine zu klarieren. Selbst Skipper Witt äußerte Unverständnis. “Etwas mehr Wind und in dunkler Nacht wärst du tot gewesen.”

Schwimmweste? Wann du willst!

Verständnis zeigte man jedoch für den Umstand, dass die Damen und Herren der „Scallywag“-Crew ohne Schwimmweste ihrer Tätigkeiten an Bord nachgingen. Die wird offensichtlich auch bei anderen Crews erst oder nur dann angezogen, wenn es „ungemütlich“ und/oder dunkel wird.

Gough erklärt im Yachting-World-Interview oben, dass er bei einem Segelwechsel das Ende der Schot am Oturigger befestigen wollte, einer Art Deck-Saling, die den Vorsegel-Holepunkt nach außen verschiebt. Dieses Manöver absolviere er etwa hundertmal pro Etappe. Besondere Sicherheitsvorkehrungen werden dafür offenbar nicht getroffen. Es sei kein risikoreiches Manöver gewesen, aber er habe nicht gerade den besten Zeitpunkt gewählt. Eine Welle erwischte ihn, dabei habe er noch mit einem Bein an Deck gestanden.

© Abu Dhabi Ocean Racing

Luke Parkinson bei der Arbeit auf dem Outrigger wärhend des vergangenen Volvo Ocean Races auf Abu Dhabi. © Abu Dhabi Ocean Racing

Obwohl die Teams mit speziell für das VOR entwickelten Spinlock-Rettungswesten ausgerüstet sind, die im Hinblick auf lange Tragezeiten an Deck modifiziert wurden, sei es eben üblich, die Westen bei Schönwetter und leichten Bedingungen unter Deck zu lassen. Es liege in der Verantwortung eines jeden Crewmitglieds oder aber des Skipper, ab wann eine Weste zu tragen ist. 

Gut ausgerüstet – bei schlechtem Wetter © VOR

VOR-Crews sind haben normalerweise auch ein „bum bag“ zur Verfügung, der um die Hüfte getragen wird und auch als „personal equipment bag“ bezeichnet wird. Darin befindet sich unter anderem ein persönlicher Seenotsender (PLB), ein MOB-Signalsender und eine Lampe, die Stroboskop-Blitze aussendet.

Doch auch dieser Beutel wird bei Tageslicht und moderaten Bedingungen nicht zwingend an Deck getragen. Er ist aus dickem Neopren gefertigt, das ihn aufschwimmen lässt, so dass er hinterher geworfen werden kann. Ob dann auch vom Verunglückten auch gefunden wird, ist allerdings fraglich. 

Im Widerspruch zu dem eher lässigen Umgang mit der ausgeklügelten Sicherheitsausrüstung steht die hohe Geschwindigkeit der Boote auch bei vergleichsweise leichterem Wind. Als Gough über Bord fiel, wehte es mit etwa 17 Knoten Wind und „Scallywag“ war mit einer Geschwindigkeit von mehr als 15 Knoten unterwegs. Das bedeutet: Nach wenigen Sekunden treibt der Verunglückte weit achteraus. Bis das notwendige Manöver eingeleitet werden kann, liegen bereits Hunderte Meter zwischen dem Segler im Wasser und dem VOR-Racer. 

Manöver dauern 

Apropos Manöver: eine VOR-Yacht dreht man nicht einfach mal locker in eine Notfall-Halse oder -Wende. Die Manöver müssen strikt nach den eingeübten Handlungsabläufen vollzogen werden, da sonst erhebliche Schäden an Mast, Baum oder Segel zu befürchten sind. Schäden, die die gesamte Crew in Gefahr bringen können.

Fast mit eigener Kraft zurück an Bord © VOR

Entsprechend wichtig ist es, dass man den Verunglückten orten kann – was sich im Falle des MOB-Manövers an Bord der Scallywag als das vielleicht größte Problem herausstellte. Zwar konnte Crew-Frau Annemieke Bes den Verunglückten rasch zwischen den (dann doch relativ hohen) Wellen orten, und ein Segler kletterte parallel in den Mast, doch blieb der Verunglückte wohl nur im Blickfeld, weil er winkend auf sich aufmerksam machten konnte. Ein ohnmächtiger Gough wäre also wohl kaum wiedergefunden worden.

Daran hätte auch farbenfrohere Bekleidung statt des schwarzen Team-Shirts nichts geändert (wie oft kritisiert wurde). Allein eine Kapuze hätte helfen können, die ein Funktions-T-Shirt allerdings eher selten ziert.

Letztendlich ging bei Gough Unfall zwar alles glimpflich aus. Nicht mal der in jedem Team für solche Fälle obligatorische „Schwimmer“ musste zum Einsatz kommen, der oder die zu den Verunglückten ins Wasser springen soll um ihm eine Leine anzulegen, an der er über ein Windensystem wieder an Bord gehievt wird.

Es bleibt dennoch zu hoffen, dass die Teams aus diesem „Schönwetterunfall“ etwas gelernt haben. Und Videos von Bord mit segelnden Protagonisten ohne Lifeline oder zumindest „bum bag“ in Zukunft die Ausnahme sein werden. Merke: Shit happens… gerne auch dann, wenn alles eitel, Freude, Sonnenschein ist. 

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