Volvo Ocean Race: Neustart in der Flaute – Turn The Tide jetzt auch wirklich in Führung

Geduldspiel mit flappenden Segeln

Die Volvo Ocean Race Flotte quält sich nun schon den dritten Tag im Zeitlupentempo durch die Doldrums. Dabei ist der Ausgang der Etappe völlig offen. Die Underdogs liegen plötzlich vorne.

Volvo Ocean Race

Mapfre in der Flaute. © Ugo Fonolla/Volvo Ocean Race

Eigentlich hat das Team von Dee Caffari keine Chance. Es wurde auf den letzten Drücker hastig zusammengestellt, weil noch ein VO65 Racer frei war und sollte die Rolle aus Feld-Auffüller spielen. Als einziges Team setzen sie fünf Frauen und fünf Männer ein, wobei sechs Segler reichlich unerfahren sind.

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AkzoNobel passiert in der Nacht nur 30 Meter hinter Mapfre. © Ugo Fonolla/Volvo Ocean Race

Der letzte Platz ist vorprogrammiert, und diese Prognose bestätigte das Team bisher mit zwei siebten und einem sechsten Platz. So macht die Skipperin überwiegend den Eindruck einer freundlichen Lehrerin auf Klassenausflug. Sie kann noch so weit hinten liegen, die Stimmung auf “Turn The Tide on Plastic” ist fröhlich und ausgelassen.

Fröhlichkeit kann man niemandem vorwerfen, aber wenn man dabei chancenlos hinterher segelt, kommen Zweifel an der Ernsthaftigkeit im Rennen auf. Zu Beginn dominierte noch ein lustiges Maskottchen die Video-Beiträge von Bord. Das Ziel des Projektes schien darauf beschränkt, die Botschaft von der Verschmutzung der Meere um die Welt zu tragen. Das ist löblich, aber primär befindet sich das Team dann doch in einem der wichtigsten Segel-Wettkämpfe der Welt.

Die Tücken des Trackers

So ist es nun erstaunlich, dass ausgerechnet diese Jugend-Truppe die aktuelle Etappe anführt. Zuerst hing die Position noch an den Tücken der Tracker-Darstellung. Denn es wird natürlich der direkte Abstand zum Ziel gemessen. Hong Kong liegt eher im Westen und so werden die am weitesten westlich positionierten Yachten auf den vorderen Plätzen des Rankings geführt.

Deshalb lag Caffari plötzlich nach einem West-Schlenker nur scheinbar vorne. Das eigentliche Rennen findet aber Richtung Norden statt. Denn dort weht der Ost-Passatwind. Wer ihn zuerst erreicht, wird diesen Abschnitt des Volvo Ocean Races wohl gewinnen.

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Flauten-Zweikampf Mapfre vs. AkzoNobel. © Ugo Fonolla/Volvo Ocean Race

Im Westen sollte der Weg zum Wind länger sein. Deshalb positionierten sich die Spitzenteams eher weiter östlich. Aber viele Prognosen sind bisher nicht eingetroffen. Und sie helfen auch nicht weiter. Denn seit Tagen treiben die Schiffe mehr als sie segeln. Es gibt also kaum Möglichkeiten, die Position aktiv zu verändern.

Die Unterschiede kommen durch einzelne Wolken und Böen zustande. Die Teams können aber mangels Wind und Speed kaum darauf zuhalten. Sie müssen hoffen, dass sie von ihnen getroffen werden.

Neuer Turn-The-Tide-Navigator

Das ist die Chance für die Underdogs. Und Turn The Tide hat seine West-Position in der Nacht auch gen Norden strecken können. Wenn Caffari das Glück weiterhin hold ist, könnte der Überraschungscoup tatsächlich klappen. Viel würde dann auch dem Navigator Brian Thompson (55) zugesprochen, der bei dieser vierten Etappe erstmals an Bord ist und den Franzosen Nico Lunven (35) abgelöst hat.

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Turn The Tide hat sich auf dem Vorschiff ein Zelt gegen die Sonne gebaut. © Brian Carlin/Volvo Ocean Race

Er gewann das Rennen schon einmal 2005- 06 mit Mike Sanderson’s ABN AMRO ONE, segelte 2007 bei der Vendée Globe auf Rang fünf und hat insgesamt 27 Speedrekorde auf verschiedensten Strecken gebrochen. Caffaris langjähriger Kumpel ließ auf dieser Etappe schon vor dem aktuellen Flautenpoker das hellblaue Schiff weiter vorne segeln als sonst.

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Turn The Tide hat sich im Westen nun auch die nördlichste Position zum Wind erarbeitet. Die Konkurrenz liegt auf einer Linie.

Die Speed-Probleme sind längst nicht abgestellt, aber in der aktuellen Flaute fallen sie nicht ins Gewicht. Dabei bringt das Gewicht der einen Person mehr an Bord inklusive der zugehörigen Ausrüstung und Verpflegung gerade bei wenig Wind Nachteile.

Brutale Bedingungen

Die aktuellen Flauten-Bedingungen sind vielleicht noch härter als das brutale Dauer-Halsen im Southern Ocean. Die Wassertermperatur beträgt 33 Grad und die Luft ist etwa 40 Grad heiß – unter Deck wohl 50 Grad.  In der Nacht wird es nicht kühler als 28 Grad.

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Race nach Norden wo der Passatwind weht.

Die vierte Etappe ist zu einem Geduldspiel mit flappenden Segeln geworden. Dabei ist auch kein richtiges Abschalten möglich. Denn jeder Zentimeter Weg kann sich zu Metern und Meilen summieren, wenn dadurch das Rennen zum Wind im Norden gewonnen wird.

Regelmäßig kurbeln die Teams, ihre Windspotter in den Mast hoch, um nach Böen Ausschau zu halten. Dabei treiben alle sieben Boote in einem Abstand von kaum mehr als 15 Meilen auf nahezu demselben Fleck. Die Quälzone ist längst noch nicht überstanden. Es wird spannend, wer sich zuerst aus der Flaute befreien kann.

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Das Scallywag Team bei der Arbeit. © Konrad Frost/Volvo Ocean Race

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AkzoNobel in der Flaute. © Sam Greenfield/Volvo Ocean Race

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Chen (Horace) Jinhao auf dem Vorschiff von Dongfeng. © Martin Keruzore/Volvo Ocean Race

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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3 Kommentare zu „Volvo Ocean Race: Neustart in der Flaute – Turn The Tide jetzt auch wirklich in Führung“

  1. avatar Claus Harder sagt:

    “So macht die Skipperin überwiegend den Eindruck einer freundlichen Lehrerin auf Klassenausflug.”
    “Fröhlichkeit kann man niemandem vorwerfen, aber wenn man dabei chancenlos hinterher segelt, kommen Zweifel an der Ernsthaftigkeit im Rennen auf.”

    Wenn`s nicht weh tut. kann es nicht gut sein. Mindestens eine ausgekugelte Schulter oder eine angeknackte Rippe muss doch sein !

    Mich würde `mal interessieren, wie sich der Verfasser des Artikels nach der “Klassenfahrt im Südtlantik” fühlen würde, wenn sein Einsatz derart unqualifiziert abgetan würde.

    Claus

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  2. avatar Segler mit Spaß sagt:

    Hinterher fahren und nicht fröhlich sein kommt natürlich authentischer und auch ernsthafter… entfernt einen aber noch weiter von dem Ziel vielleicht doch mal vorne mit zu segeln.

    Die Frage der Ernsthaftigkeit … typisches Gerede von einem leistungsorientierten verbissenen Segler.

    Grüße von einem Segler der mit Ernst und konzentration segeln kann aber dann dank dem Spaß auch fröhlich bleiben kann wenn es nicht so gut läuft.

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

  3. avatar Sven 14Footer sagt:

    Hallo Carsten, ich schätze Deine fachlich fundierte Analyse. Auch beim VOR wird nicht nur auf das Tracker Ranking geschaut, sondern gleichzeitig auf die taktische Position geachtet. Machen andere Medien nicht oder deutlich weniger ausgeprägt.
    Aber was hat Dee Cafari getan, dass Du dem Team wiederholt so intensiv fehlende Ernsthaftigkeit unterstellst.
    Klar die segeln nicht auf dem Niveau von Dongfeng / Mapfre und auch nicht auf dem Niveau Vestas / Akzo Nobel
    Aber sie kämpfen immer gegen Scallywag. OK, vorm Ziel haben sie bisher den Kürzeren gezogen. Aber nur weil man verliert ist das nicht weniger ernsthaft.
    Was ich mich frage, warum Brunel immerwieder so schlecht segelt? Bouwe Bekking ist mit dem gleichen Boot schon einmal gesegelt. Er sollte den Trimm ähnlich gut im Griff haben wie Charles Caudrelier.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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