Weymouth World Cup: Kohlhoff/Werner sensationell vor Weltmeistern – Rio-Chance genutzt

Karriere im Schnelldurchlauf

Paul Kohlhoff und Carolina Werner sind mit einem sensationellen zweiten Platz beim Weltcup aus ihrem Tief gekommen, haben das Privat-Duell klar gewonnen und dürfen auf Rio hoffen.

Die letzte Vorwindstrecke. Paul Kohlhoff (20) und Carolina Werner (22) liegen im Medalrace auf Rang drei, direkt vor ihnen die vierfachen Nacra17-Weltmeister Besson/Riou. Das muss sie aber nicht kümmern. Silber wäre gesichert. Nur eine Kenterung oder ein Regelverstoß würde den Top-Platz in der Gesamtwertung gefährden. Die Deutschen könnten locker, kontrolliert ins Ziel trudeln.

Aber von wegen. Das ist nicht ihre Art. Im Verlauf der Segelwoche des Weltcups in Weymouth haben die deutschen Aufsteiger beim aktuellen Olympiazyklus ihr unbändiges Selbstbewusstsein zurückgewonnen.

Sie sichern nicht kontrolliert ab, wie zu Beispiel die im Medalrace führende Olympiasieger Echavarri, der erst ohne Gennaker die letzten Meter zum Ziel dümpeln will, dann aber doch noch den Kite zieht.

Voll auf Angriff

Kohlhoff/Werner segeln voll auf Angriff. Sie wollen den französischen Überfliegern Besson/Riou zeigen, dass sie wieder erstarkt sind. Dass die Schwäche-Periode der vergangenen Regatten überwunden ist. Dass sie nach einer brutalen Niederlage, wie dem eigentlichen Verlust der Rio-Fahrkarte in Hyères, den Reset-Button drücken können.  Dass sie nun wieder voll da sind und absolut keinen Respekt vor großen Namen haben. In  Rio sieht man sich wieder.

Kohlhoff Werner

Paul Kohlhoff zeigt filigrane Beinarbeit beim Abfallen an der Luvtonne. © Pedro Martinez / Sailing Energy

So segeln die Youngster nicht brav hinter Besson (35) her. Hierrarchien haben für sie keinen Wert. Sie starten einen Überraschungsangriff unter Gennaker in Luv, liften ihren Kat auf das gebogene Leeschwert und rasen ansatzlos  an den Franzosen vorbei. Ein Moment für die Ewigkeit. Er zeigt, wie weit die Kieler zwei Jahre nach ihrem Einstieg gekommen sind. Eine Olympia-Karriere im Schnelldurchlauf nach fünf Jahren im 29er.

Alles scheint bei den beiden schneller zu gehen. Nicht nur der Aufstieg aus dem Nirgendwo zu den großen Namen der Olympiaszene, sondern auch der schnelle Absturz, das Ende aller Träume, das Verlieren der sicher geglaubten Rio-Fahrkarte, wie auch das neuerliche Erstarken und Nutzen der unerwarteten zweiten Chance.

Überzeugt vom Erfolg

So enstehen ganz große Karrieren. Wenn Athleten unter Druck funkionieren, sind sie plötzlich davon überzeugt, dass ihre innere Stimme die richtige Entscheidung vorgibt. Auch wenn sich Dinge zu ihren Gunsten wenden, die sie nicht beeinflussen können. Erfolg wird zur self-fulfilling prophecy zur sich selbst erfüllenden Prophezeihung. Ohne groß nachzudenken, tun sie das Richtige.

Ob es so weit kommt, bleibt abzuwarten. Rückschläge müssen verkraftet werden. Auch nach dem Überholmanöver. Denn nach der nächsten Halse donnern die Franzosen wieder vorbei. Aber auf dem Treppchen stehen Kohlhoff/Werner erstmals vor den Überfliegern der neuen Olympia-Klasse. Ein Bild, das noch viel beeindruckender das unglaubliche Comeback der deutschen Katamaran-Hoffnung für Rio visualisiert.

Dabei ist noch nicht endgültig klar, ob die Youngster unter dem Zuckerhut starten dürfen. Das offizielle Vorgehen sieht vor, dass der DSV einen Einzelfall-Antrag beim Deutschen Olympischen Sportbund stellt, über den Mitte Juli entschieden wird. Aber nach der Leistung in England gegen die besten Crews der Welt können sich die Nachwuchs-Stars sogar in den erweiterten Favoritenkreis einreihen. Es wäre ein Skandal, wenn man sie nicht nach Rio schicken würde.

Traurig ist das Quali-Finale für die Flensburger Jan Hauke Erichsen und Lea Spitzmann verlaufen. Ihr ebenfalls unglaublich rasanter Aufstieg in die Nacra17-Weltspitze endete diesmal auf Rang 12. Trotz eines Tagessieges hatten sie mit einer durchwachsenen Serie in Weymouth keine Chance gegen ihre Teamgefährten.

Erfolg von Toni Wilhelm

Während Weymouth so kurz vor Rio nur in wenigen Klassen so gute Felder wie im Nacra zeigte und die Qualität des Surfer-Feldes auch die Leistung von Altmeister Toni Wilhelm (33) schmälert, so ist sein Sieg dennoch von großem Wert.

Toni Wilhelm

Der Mann will es wissen. Toni Wilhelm in willenstarker Jubelpose. © Pedro Martinez / Sailing Energy

Denn der Olympia-Fünfte konnte seine ansteigende Form besonders gegen die starken Chinesen zeigen. Er hielt insbesondere den Olympia-Starter und Vize-Weltmeister (2015) Aichen Wang als Dritten in Schach, der auch in Rio zu den Medaillen-Kandidaten zählt. Ein Sieg im Medalrace dürfte Wilhelm nach längerer Verletzungspause weiterhin Selbstvertrauen geben, dass er auf dem Weg zurück zu alter Stärke ist.

Enttäuschen verlief dagegen Ferdinand Gerz und Oliver Szymanski im 470er, die mit Rang 14 nun bei der dritten aufeinanderfolgenden Regatta dieses Ergebnis erreichten und zum vierten Mal hintereinander das Medalrace verpassten. Aber viel fehlt nicht. Diesmal verhinderte ein Frühstart ein Ergebnis nahe den Medaillenplätzen.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Weymouth World Cup: Kohlhoff/Werner sensationell vor Weltmeistern – Rio-Chance genutzt“

  1. avatar Manfred sagt:

    Eben die Medal Races mit den dt. Teilnehmer angeschaut. Besser als Fussball.

    Mein Glückwunsch an Paul und Carolina Werner und natürlich auch an den Surf Oldie, Toni Wilhelm.

    Ganz große Klasse von beiden Teams!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 0

  2. avatar Chris vom Südsee sagt:

    Kleiner Fehler: Toni ist 4. geworden in London.

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