Falsche Design-Strategie? Hugo Boss segelt dem Feld hinterher

Wie eine Blei-Ente

Im Mittelmeer zeigte sich "Hugo Boss" bei Leichtwind von seiner schwächsten Seite. Das Schiff liegt mit über 300 Meilen Rückstand auf dem letzen Platz © FOB/Hugo Boss

Alex Thompson geht es wahrlich nicht gut. Es ist schon blöd genug, dass er sich zwei Tage vor dem Start zum Barcelona World Race wegen einer Blinddarm-Entzündung den Bauch aufschneiden und seinen holländischen Ersatzmann Wouter Verbraak an das Ruder lassen musste. Nun sieht er auch noch hilflos von Land aus zu, wie seine hoch gewettete „Hugo Boss“ Rennmaschine hoffnungslos hinterher dümpelt.

Thompson befindet sich in England, wo seine Frau kurz vor der Entbindung ihres ersten Kindes steht (Stichtag 5.1.), und versucht innerhalb der ihm gewährten zehn Tage Frist nach dem Start fit für einen Austausch auf See zu werden.

Diesen Anblick muss nach sechs Tagen kein Konkurrent ertragen. Das extrem breite Heck soll erst bei schnellen Raumkursen für extra Speed sorgen. © FNOB/Hugo Boss

Aber schon jetzt ist klar, dass sein radikales schwarz/weiß-Design nicht funktioniert. „Hugo Boss“ ist mit unglaublichen 307 Meilen Rückstand absolut letztes Boot. Der Rückstand auf den vorletzten Platz beträgt 54 Meilen!

Natürlich ist es theoretisch möglich, das Feld noch von hinten aufzurollen. Aber dazu würden viel Glück, und Extremschläge gehören. Ein seriöses Siegprojekt verlässt sich nicht darauf.

Doch Alex Thompson hat sich auf eine radikale Strategie verlassen. Sein Schiff ist mit über zehn Tonnen Gewicht mehr als zwei Tonnen schwerer als die führenden Yachten. Dieses Manko soll durch eine größere Segelfläche, einen höheren Mast und ein größeres aufrichtendes Moment ausgeglichen sein.

Es war klar, dass diese Konstruktion überwiegend bei starkem Wind funktionieren sollte. Aber es war nicht klar, dass „Hugo Boss“ eine solch extreme Blei-Ente bei wenig Wind sein würde. Es ist schwer zu begreifen, wie eine solch eine extreme Taktik zustande kommt.

Piätätlos? Kurz nach der Blinddarm Operation setzt Alex Thompson beim Foto Shooting seine Boss Uhr in Szene. © FNOB/Hugo Boss

Insbesondere, weil Hugo Boss zu den am besten finanzierten Teams gehört. Mit Geld könnte man einen konservativen, sicheren Ansatz wählen und dann durch die Verbesserungen der Feinheiten die entscheidenden Vorteile herausarbeiten.

Wenn sich der Segler sportlich einigermaßen auf dem Niveau der Konkurrenz bewegt, reichen viele kleine Vorteile aus. Sie summieren sich im Segelsport zu Siegen. Aber offenbar glaubte Thompson selber oder die Hugo Boss Verantwortlichen nicht, dass der Engländer seglerische eine Chance gegen die führenden Franzosen hat.

Das ist erstaunlich. Denn es gibt sicher viele Profi-Skipper aus der Volvo Ocean Race Szene, die mit einem Sponsor wie Hugo Boss sehr viel leisten könnten. Sie haben mehr zu bieten als Thompson, der kaum mehr als einen Sieg beim Clipper Round The World Race, einem Amateur-Rennen um die Welt zu Buche stehen hat.

Vielleicht wollte er auch nur ein Boot, mit dem er den eigenen Open 60-Etmal-Rekord von 501 Meilen in 24 Stunden noch einmal überbieten kann. Das sollte ihm gelingen.

Umso erstaunlicher sind die Worte, die der niederländische Ersatzskipper Wouter Verbraak zu dem Desaster findet. Ihnen seien einige gute Aktionen und Manöver gelungen. Sie hätten ein paar Plätze aufgeholt, aber dann wieder verloren. Das sei frustrierend gewesen, aber das Schiff sei eben für starken Wind konstruiert. Die Zusammenarbeit mit Co-Skipper Andy funktioniere super und das Rennen sei ja noch lang.

Nun ja, für Verbraak wohl nicht, wenn Thompson rechtzeitig gesund wird. Aber der Holländer kennt die Position am Ende des Feldes vom Volvo Ocean Race. Er segelte erst mit dem Team Russia (wie auch Co-skipper Andy Meiklejohn) hinterher, dann mit der „Green Dragon“ und schließlich mit „Delta Lloyd“. Es war keine dankbare Aufgabe, am Steuer von „Hugo Boss“ einzuspringen.

Thompson wird sich gut überlegen, ob seine Genesung schnell voran schreitet. Wenn sein Kind erst einmal geboren ist und „Hugo Boss“ immer noch dem Feld hinterher dümpelt, könnte die Regeneration etwas länger dauern als geplant. Andererseits dürfte er darauf brennen, den Beweis zu führen, dass sein Boot funktioniert. Es wäre wohl eines der größten Comebacks der Segelsport-Geschichte.

Eines kann man Thompson jedenfalls nicht vorwerfen: Fehlende Sponsor-Loyalität. Nur wenige Minuten nach der Blinddarm-Operation gibt er noch auf dem Krankenbett ein Interview, lässt sich die Hugo-Boss-Uhr überstreifen und setzt sie prominent in Szene.

Alex Thompson Website

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Carsten Kemmling

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14 Kommentare zu „Falsche Design-Strategie? Hugo Boss segelt dem Feld hinterher“

  1. avatar Uwe sagt:

    Ich bin da nicht so skeptisch, was die Hugo Boss angeht. Dieses Boot braucht Wind und es wird Wind bekommen. Spätestens auf der Südhalbkugel. Da können auch 400 Meilen Rückstand aufgeholt werden.
    Mein Tipp: Wenn Hugo Boss das Ziel erreicht, dann nicht als letztes Boot.

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    • avatar Carsten sagt:

      Natürlich wird er nicht Letzter. Aber der Anspruch ist, vorne dabei zu sein. Wenn das Thompson noch packt, ist das eine schöne Story. Ich würde sie mir wünschen. Aber das ist dann keine seriöse Strategie, sondern er muss auf Glück vertrauen. Man kann nur sauber mit den Wettersystemen taktieren, wenn man von Anfang an irgendwie vorne mitspielt. Vielleicht will er nur den 24 Stunden Rekord.

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  2. avatar Sven sagt:

    Die frage die sich mir stellt ist : wieviel langsamer sind die !”leichten Schiffe” bei mehr Wind? Angenommen die HB wäre wirklich 2 knoten schneller als das momentan führende Schiff, bräuchte er trotzdem 6tage um Virbag einzuholen……das ist natürlich rein hypotetisch !! …aber wir sind (fast) live dabei!

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  3. avatar hurghamann sagt:

    Das ist doch eh nur eine akademische Fragestellung.
    Wenn Alex Thompson zurück an Bord ist zerlegt er das Boot doch ohnehin bevor er Australien erreicht. Das ist er seinem Ruf schuldig

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  4. avatar T.K. sagt:

    Totgesagte leben länger…
    Ich würde Hugo Boss noch nicht ganz abschreiben. Der Tompson um den Blinddarm erleichtert wird Vollgas geben, die Führung übernehmen und dann sein Schiff zu Kleinholz verarbeiten

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  5. ich halte diesen Artikel zu diesem Zeitpunkt für nicht fair und ich weiss nicht, wieviel Offshore Erfahrung Carsten wirklich hat. Weiss er denn, wie gut der Ersatz-Skipper steuern kann, Nachts bei Flaute? Weiss er denn, wieviel Ahnung dieser hat, so eine Kiste bei Leichtwind im Dunkeln alleine! richtig einzustellen? Ich weiss nur, wie schnell ein hochgezüchtetes Schiff einparkt, wenn man etwas falsch macht .. ich würde zu diesem Zeitpunkt noch nichts behaupten.

    Jungs, die Ihr nicht wie Jörg wirklich selbst die Erfahrung gemacht habt, haltet Euch mal ein wenig zurück!

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  6. Ich hoffe, dass Thompson in der Frist gesund wird. Ich weiß nicht wie lange Blinddarm genesungen Dauern, es ist aber wohl alles recht knapp.
    Ich denke, dass es auch Thompsons Ziel ist wieder an Bord zu gehen. Dass sein Kind wärend des Races gebohren wird wusste er doch. Zu vermuteten, dass er sich der Herrausforderung nicht stellt und seine Op vorschiebt halte ich für unverwahrscheinlich, und auch für etwas unfair!

    Beste Grüße!

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  7. avatar Manfred sagt:

    mmmh, komischer Bericht.
    Stimme erstmal Volker zu. Dann bin ich der Meinung, dass Alex T. bisher ne gute Sache für Boss gemacht hat. Jedenfalls durchgehend viele Veröffentlichungen und immer mit dem Boss Logo. Die Verantwortlichen müssen wohl sehr zufrieden sein. Und es betrifft ja nicht nur unseren kleinen Markt in D. Dann spukt mir noch der Gedanke im Hinterkopf herum, dass das doch die PINDAR ist mit kleinem Umbau oder verwechsle ich da etwas?
    Habe leider das Foto, welches ich in Hamble gemacht habe, nicht zur Hand. Erinnere nur ein irres Heck und Outrigger.

    Anarchist Buggie Lucker schreibt
    >>I don’t know whether a wide, powerful boat like Pindar is necessarily the best choice. I prefer the idea of a lighter, more easily driven boat like Safran (incidentally, my favourite boat of the current fleet).

    However, I think that buying Pindar was an interesting choice, because:
    Verdier / VPLP designs seem to be the flavour of the month. Riou and JP Dick are both building, whilst Le Cam, Sam Davies, Desjoyeaux and Steve White are all said to be interested. Taking a contrarian approach could pay dividends.
    Brian Thompson said that the boat was easy to sail, as her righting moment meant she needed fewer sail changes.
    Old Man Finot favours powerful boats. And he should know…
    Safran hasn’t proven dominant, and nearly got beaten by one of the older designs in the Vendée. There’s been some speculation that she’s special because of the operating budget and high-tech goodies that the sponsor provides, and that her descendants will lack these.

    Pindar didn’t actually race before the last Vendée, so a lot of her problems could be down to her newness. I think that we’ll get to see more of her potential, but whether or not she proves to be dominant is a different question.<<

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  8. avatar Klausi sagt:

    Hat der Author dieses, von ungeheuer wenig Sachverstand geprägten Berichts eigentlich auch so über Michel Desjoyeaux hergezogen, als der bei der letzten Vendee Globe erstmal zurück in den Hafen gefahren ist??? Und mit mehr als einem Tag Verspätung losfuhr??? Oder über Alex Thomson, der beim letzten BWR (wo er übrigens Zweiter geworden ist – schon vergessen???) einen Zwangsstop über 48 Stunden in Neuseeland machen musste und die ca. 1.000 Meilen auf JP Dick mal eben auf ca. 330 Meilen verkürzte – ebenfalls vergessen? Die Favouriten der letzten Vendee: Loick Peyron, JP Dick, Mike Golding, Vincent Riou, Roland Joudain – alle nicht angekommen! Und dann kann Carsten bei Gibraltar schon sagen, wer liegt gut und wer nicht? Bedenklich…

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  9. avatar Klaus (ohne i) sagt:

    Aaalso, Volker, Klausi & einige andere haben ja schon das Wesentliche gesagt. Aber ein paar Sachen muß ich auch noch loswerden:

    Zitat:
    “…Thompson, der kaum mehr als einen Sieg beim Clipper Round The World Race, einem Amateur-Rennen um die Welt zu Buche stehen hat.”

    Amateur Rennen?? Ja, natürlich. da segeln keine Profis. Im Sinne von “Paid Boat Nigger”. Aber das Clipper Round The World Race ist – Bitteschön! – kein “Ostsee-Sommertörn mit Familie” Man soll mal Pete Goss gelesen haben, bevor man das als Kindergartenregatta ab tut.
    Nein, ich bin es selbst noch nicht gesegelt, hab aber nen höllen Respekt vor denen, die das gesegelt sind und zudem noch gewonnen haben. Also einen Sieg in dieser Regatta derart abtun zu wollen? Oder mit ner Laserregatta auf der Kieler Förde vergleichen zu wollen? Naja, da verkneif ich mir grad mal meinen Kommentar dazu!

    Zitat:
    “Insbesondere, weil Hugo Boss zu den am besten finanzierten Teams gehört. Mit Geld könnte man einen konservativen, sicheren Ansatz wählen und dann durch die Verbesserungen der Feinheiten die entscheidenden Vorteile herausarbeiten.”
    Daaaa sach ich ma so: OHNE Geld sollte man einen “so called” konservativen Ansatz wählen. Mit Geld kann man mal experimentieren.

    Zitat:
    “Aber schon jetzt ist klar, dass sein radikales schwarz/weiß-Design nicht funktioniert. „Hugo Boss“ ist mit unglaublichen 307 Meilen Rückstand absolut letztes Boot. Der Rückstand auf den vorletzten Platz beträgt 54 Meilen!”

    Bitte was genau ist “jetzt schon klar? Was bitte sind 307 Meilen? OK. Beim Fastnet Race sind 307 Meilen Rückstand viel. Sehr viel sogar. Aber 307sm Vorsprung hat man auf so einer Veranstalltung genauso schnell verloren wie zuvor gewonnen. Und eines kann ich mit Sicherheit sagen: Dick & Peyron auf dem derzeit führenden Boot sind mit Sicherheit die letzten, die Alex, seine (Ersatz)Crew nebst Boot als abgeschlagen betrachten. Hallo? Die sind grad ma los gefahren.

    Hinten scheißt die (Blei)Ente
    Klaus

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  10. avatar Christian sagt:

    Leute, jetzt macht euch mal ein bisschen locker… Alex Thompson lädt halt echt ein zu solchen Beiträgen, er geht gerne selber ins Extrem.

    Es bleibt spannend beim BWR, noch lange ist nichts entschieden, und ein bisschen Drama hier und dort unterhält uns alle gut. Mein Respekt gilt allen Segler/innen da draußen. Und nichts ist wichtiger als dass sie alle wohlbehalten von dieser Regatta zurückkehren.

    Ich hab jedenfalls viel Freude an dieser Regatta (passiv).

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  11. avatar Carsten sagt:

    Hi Leute, auch ich plädiere für Entspannung. Die Kommentare sind mir eine Spur zu heftig. Zumal sie offenbar auf Missverständnissen beruhen. Das Blöde am Journalismus: Man kann dem Leser nicht ein zweites Mal erklären, was man gemeint hat. Wenn es beim ersten Mal nicht verstanden wird, hat der Schreiber sich nicht verständlich ausgedrückt. So mag es dann wohl sein. Jeder Leser darf kritisieren. Und das ist hier auch ausdrücklich gewünscht.
    Ich für meinen Teil drücke Herrn Thompson jedenfalls alle Daumen für ein mögliches Comeback. Es wäre eine der tollsten Storys überhaupt. Den größten Erfolg hat er übrigens schon gefeiert. Sein erster Sohn ist heute geboren worden. Oscar.

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  12. avatar Jörg Gosche sagt:

    Lustig! Nur kristallisierende Beiträge bringen “die Welt” in Schwung.

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  13. avatar NK sagt:

    Ich mag kritische Berichte! Habe geradezu nach einem über Alex gesucht…. und ich mag Alex und drück ihm alle Daumen für die Zukunft, auch wenn er nicht mehr an Bord geht (ist gerade raus). Von Drückeberger ist hier wohl keine Spur, nur schade, ich hätte ihn gerne gesehen, wie er von hinten alles aufrollt. Jetzt haben die beiden anderen die Chance ihres Lebens, ich bin gespannt, es sieht aus, als ob die Jagd losgehen würde (heute 2 Plätze auf Platz 10 vorgearbeitet)…

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