Diogenes auf dem Meer: Beinahe-Kollision mit Frachter – schon seit 70 Tagen in der Tonne!

Mitten auf dem Ozean!

Savin, Tonne, Diogenes, Transatlantik

Kleine Tonne, unendlicher Ozean © savin

Das war knapp! Ein Frachter fährt mitten auf dem Atlantik in ein paar Metern Entfernung an Jean Jacques Savin vorbei. Das Leben in der Hochseetonne ist kein Zuckerschlecken!

Eigentlich hätte der Autor dieser Zeilen niemals gedacht, dass er folgenden Satz schreiben würde: Jean Jacques Savin alias Diogenes zur See ist in seiner Tonne seit 70 Tagen unfallfrei auf See und treibt nun mitten auf dem Atlantik weiterhin Richtung Westen. 

Mal ehrlich, wer hätte gedacht, dass der „Mann in der Tonne“ so weit kommt? 10 Wochen ist der 72-jährige Franzose nun schon unterwegs. Seit 10 Wochen ist er den Elementen auf gnadenlose Weise ausgeliefert: In einer Tonne dümpelt Savin ohne Segel- oder Motorunterstützung mit den vorherrschenden Wind- und Strömungsrichtungen gen Karibik respektive Amerika. Denn so ganz klar ist noch nicht, wohin die Reise gehen wird. 10 Wochen, in denen er zwar einige Schreckmomente erlebte, die jedoch summa summarum unfallfrei verliefen. 10 Wochen barfuß, 10 Wochen, in denen er keine Menschenseele zu Gesicht bekam (SR-Bericht).

Wenn’s drauf ankommt, hilft dir niemand!

Stimmt nicht, einer Person begegnete er dann doch. Ein kleines „Rencontre““ auf Hoher See, auf das Savin wohl liebend gerne verzichtet hätte. Es war am 62. Tag seiner Reise. Zuvor hatte der moderne Diogenes in seinem Fass schon den einen oder anderen Sturm locker weggesteckt, trieb mit ein bis zwei Knoten Fahrt durch lange Flautenabschnitte, wurde dabei aber von den Strömungen verlässlich voran geschubst. Wale waren neben ihm aufgetaucht, Schildkröten begleiteten ihn behäbig, Delphine schauten immer mal wieder vorbei, eine Familie Pilotfische hatte das Fass zum neuen Stützpunkt erkoren. 

Savin, Tonne, Diogenes, Transatlantik

Savin kurz nach dem Start. © Savin

Alles könnte so friedlich sein, wäre da nicht die Berufsschifffahrt. In den Wochen zuvor hatte Savin bereits einige Begegnungen mit Tankern, Handelsschiffen und einem Kreuzfahrtschiff. Zwar lief alles glimpflich ab, weil die meisten „Pötte“ in mehreren Meilen Entfernung vorbei zogen. Doch manche dieser Ozeanriesen kamen Diogenes dann doch so nah, dass er vorsichtshalber Funkkontakt mit der Brücke aufnehmen wollte. 

Resultat bei nahezu alle Funkkontaktversuchen: keine Antwort! Und somit immer wieder die bedrückende Erkenntnis bei Savin: Wenn es drauf ankommt, wird Dir keiner helfen.

Zurück zum 62. Tag. Morgens um 11 Uhr, Savin war gerade mit seiner „Toilette“ beschäftigt, schaute er durchs Bullauge und sah einen Frachter in einer Seemeile Entfernung direkt und schnurgerade auf ihn zukommen. Nun muss man wissen, dass Diogenes in seiner Tonne auf Radarschirmen nicht verlässlich auftaucht, da sein Radarreflektor offenbar zu tief positioniert ist. 

Savin, Tonne, Diogenes, Transatlantik

Der moderne Diogenes Savin © savin

Als das Schiff näher und näher kommt, kann er schließlich einen Schriftzug auf einer Seite des Schiffes erkennen – der riesige Pott wird also knapp, richtig knapp aber immerhin an ihm vorbei fahren. 

Also funkt Savin das Schiff an. Reaktion: siehe oben. 

Dann ändert der Frachter erneut seinen Kurs und hält wieder direkt auf Savin und sein Tonne zu! 

„Brauchst Du was? Essen, Getränke?“

Für solche Fälle hat der Franzose immer ein paar Seenotraketen unterm Kissen. Noch 400 Meter Abstand und Savin schießt die erste Rakete. Kurz darauf hört er Warnsignale von Bord des Frachters quäken. Savin stellt sich auf die oberste Sprosse seines Niedergangs mit gekreuzten Armen um zu signalisieren, dass er ohne Motor und Segel unterwegs ist. Falls ihn jemand sehen sollte. 

Savin, Tonne, Diogenes, Transatlantik

Savins Position am 70. Tag seiner Reise © google maps

Das Schiff hält weiter auf die Tonne zu, wenn auch mit verminderter Fahrt. Da plötzlich ertönt aus dem VHF die Stimme des Frachterkapitäns. Savin brüllt zurück, dass sie sich auf Kollisionskurs befänden. „No problem,“ meint der Kapitän und ändert seinen Kurs um einen Grad. 

Savin, Tonne, Diogenes, Transatlantik

Mit Grüßen von der Atlantikmitte – Original-Aufnahme per Satellit übermittelt © savin

Eine Minuten später fährt der riesige Frachter mit aufgestoppter Maschine in wenigen Metern Entfernung an der Tonne vorbei. Oben an der Reling beugt sich der Kapitän nach unten, ruft irgendwas von “Schiffbrüchiger”, Savin winkt ab und schüttelt mit dem Kopf. Dann wird nachgefragt, ob Savin vielleicht etwas brauche? Essen, Getränke? Als er auch hier abwinkt – die Tonne ist sooooo klein, der Frachter so riesig! – wird kurz gewunken und tschüss, weiter geht die Fahrt für beide. Savin mit 2 kn, der Frachter mit 20 Knoten Geschwindigkeit.

„Nicht auszumalen was passiert wäre, wenn die Begegnung nachts stattgefunden hätte,“ schreibt Savin auf seinem Blog. „ Ich hatte wirklich gedacht, dass es jetzt vorbei sei mit meinem Törn.“

So treibt er also weiter, dieser seltsame Franzose in seinem Fass. Mittlerweile macht er sich ein wenig Sorgen, ob die gebunkerten Nahrungsmittel reichen werden. Nicht zuletzt, weil er einen schlechten Start hatte und von den Kanaren zunächst in einem Tief nordwestlich trieb, statt wie geplant Richtung Südwesten. Somit war der Bogen, um in südlichere Gefilde zu gelangen, etwas zu lang. Was Savin mindestens zwei bis drei Wochen in der vorläufigen Routenberechnung kostete. 

Muscheln bremsen Diogenes aus

Doch der erfahrene Abenteurer weiß, dass er für die meisten Unwägbarkeiten gut vorgesorgt hat. So ernährte er sich bis heute sehr häufig von frischem Fisch und gewöhnte sich eine eher asketische Lebensweise an Bord an. Außerdem geht er bei jeder Gelegenheit, also bei ruhigem Wetter, gerne eine Runde um sein Fass schwimmen bzw. taucht darunter durch. 

Savin, Tonne, Diogenes, Transatlantik

Expedition oder waghalsiges Abenteuer? oder beides? © savin

Diese körperliche Ertüchtigung hat allerdings einen anderen Grund als die Fitness. Denn auch auf dem Unterwasserbereich einer schwimmenden Tonne setzen sich Algen und Muscheln fest, die das Fass um bis zu einem halben Knoten bremsen. Was bei einem Etmal von 1-2 Knoten in der Stunde durchaus ein Grund zum Tauchen ist. 

Egal, wo Savin letztendlich anlanden wird, ob auf den Antillen oder vielleicht im nördlichen Südamerika (wie er neulich mutmaßte) – Savin wird mit dieser Atlantiküberquerung Geschichte schreiben. Aber noch hat er ungefähr die halbe Wegstrecke vor sich. Hoffentlich sind ihm die Wind- und Strömungsgötter weiterhin wohl gesonnen. 

Facebook

Tracker

Website

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
Spenden

Ein Kommentar „Diogenes auf dem Meer: Beinahe-Kollision mit Frachter – schon seit 70 Tagen in der Tonne!“

  1. avatar klebefolien sagt:

    Wow das ist so schön, würde auch mal gerne mitten im Ozean sein, aber das wird voll nie in Erfüllung gehen 🙁

    Lg Lisa

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar zu klebefolien Antworten abbrechen