Britische Charteryacht segelt drei Törns ohne Kiel

Kiel ab, und keiner merkts

Die Sun Odyssee "Polbream" ohne Kiel. © Stever Worner

Die Sun Odyssee "Polbream" ohne Kiel. © Stever Worner

Es klingt unglaublich. In England verlor eine Charteryacht nach einer Grundberührung ihren Kiel, aber niemand hat es gemerkt. Laut der Zeitschrift Yachting Monthly befand sich die Jeanneau Sun Odyssey 37 mit dem Namen „Polbream“ im August auf einem Bareboat-Chartertörns von Falmouth zu den Scilly Islands als sie mit einem Felsen kollidierte.

Der Törn war zur Hälfte absolviert, aber die Crew nahm die fehlenden knapp 1800 Kilos unter dem Rumpf nicht wahr. Sie gab das Schiff bei dem Vercharterer Cornish Cruising in Falmouth ab, ohne auf die Kollision hinzuweisen.

So wurde die Yacht ein zweites Mal verchartert. Aber auch die neue Crew wurde sich nicht des fehlenden Kiels bewusst, obwohl „Polbream“nach Plymouth und wieder zurück segelte. Sie merkte nur an, dass die Steuerung etwas „nervös“ gewesen sei.

Erst die dritte Charter-Crew bemerkte nach 150 Meilen auf dem Wasser, dass es ein ernstes Problem mit der Yacht gab.

Bei der folgenden Untersuchung fanden Taucher den Kiel in knapp sechs Metern Wassertiefe. Er stand nördlich der Scilly Insel Tresco eingekeilt in einer Felsspalte. Der Skipper gab später zu, dass er bei Little Kitten Rock nördlich von Tresco eine Grundberührung gehabt hätte, als er unter Motor mit vier bis fünf Knoten fuhr.

Es habe aber nur einen leichten schleifenden Kontakt gegeben, bei dem sich das Schiff leicht anhob aber nicht gebremst wurde. Die Kontrolle der Bilge nach dem Kontakt sei ohne Befund geblieben. Danach sei er unter Motor bei zwölf Knoten Wind nach Falmouth zurück gefahren und das Schiff sei schwer zu kontrollieren gewesen.

Diese erstaunliche Geschichte mag wieder einmal zum beliebten Chartersegler-Bashing einladen. Aber daran möchte ich mich nicht beteiligen. Es ist schwer, seglerische Fähigkeiten danach zu beurteilen, ob jemand ein Boot besitzt oder es ausleiht. Insofern zähle ich mich auch zu den Charterseglern.

Vielmehr geht es eher darum, dass möglicherweise generell beim Fahrtensegeln immer weniger gesegelt wird. Wer regelmäßig den Motor anwirft und vielleicht allenfalls ein Stützsegel setzt, der kommt auch ohne Kiel aus. Viele benutzen ihre Yacht auf diese Weise.

Aber ich tue mich auch schwer, diese Art des „Segelns“ zu verteufeln. Jeder soll sich auf dem Wasser bewegen, wie er will und kann. Das Motoren hat weniger mit Wollen als Können zu tun.

Interessanter ist die Frage, wie der Markt auf diese Entwicklung reagiert. Menschen, die eben nicht so gut segeln können, drängen trotzdem auf das Wasser und stellen eine große Zielgruppe dar.

Deshalb sehen auch die Yachten, die in großen Stückzahlen verkauft werden, so aus, wie sie aussehen. Wurstwagen, bei denen man den fehlenden Kiel nicht merkt.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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16 Kommentare zu „Britische Charteryacht segelt drei Törns ohne Kiel“

  1. avatar Na Hoppla sagt:

    …und den Vercharterer sollte man auch auf die schwarze Liste setzen. Einfach unglaublich….

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  2. avatar Backe sagt:

    Mich würde mal interessieren, ob es in irgendeiner Form “offizielle” Belege für die (ansonsten ziemlich unterhaltsame!) Story gibt, oder ob es sich um ein “urban myth” handelt – die klassische Spinne in der Yuccapalme…
    M.a.W.: Ich kann nicht ganz glauben, dass eine sei sie auch noch so dickbäuchig und formstabil konzipierte Segelyacht zweieinhalb Törns ohne Kiel kenterfrei übersteht. Offensichtlich auch noch in Küstengewässern, wo Wellen beinahe unvermeidlich sind. Ich kann es nicht berechnen, aber nach meinem Gefühl müsste alleine der nackte Mast schon soviel Hebelwirkung erzeugen, dass es kritisch wird. Wenn dann auch nur einmal am Wind Segel gesetzt werden, dürfte eine Kenterung eigentlich unvermeidlich sein. Oder?

    Was sagen die Experten unter Euch???
    Irendwelche Konstrukteure, Bootsbauer, Yachtgutachter da draußen?

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    • avatar Carsten sagt:

      also ich finde es auch unglaublich, halte die genannte Quelle Yachting Monthly aber für sehr seriös. Ich denke, es kann passieren, dass man nix merkt, wenn man eben nur motort, oder nur vor dem Wind die Lappen rausdreht.

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  3. avatar Peter sagt:

    Und mal bei Jeanneau nachfragen, wie der Kiel abgehen kann ohne dass es einen Wassereinbruch in der Bilge gab? Dann müssen ja die Kielbolzen sauber abgerissen sein; ist das eine übliche Sollbruchstelle?
    Gefühlt müsste es da doch ganz schön knallen. Wenn es stimmt, dass es nur einen “leicht schleifenden Kontakt” gab, dann wäre das ziemlich shocking… so einen Kielverlust hätte man doch bisher eher mit Bavaria assoziiert…..

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    • avatar Marius sagt:

      Wieso Bavaria? Ich habe auch vor Kurzem leicht schleifenden Kontakt (tendenziell stößelnd sogar) mit einer Bavaria gehabt und da war der Kiel nachher noch dran… da bin ich mir sogar sicher, weil ich am darauffolgenden Tag wieder Grundberührung hatte. Und zwar an einer anderen Schäre.

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  4. avatar T.K. sagt:

    @Bernd… und damit hätte die Werft sogar recht, denn: Der Kiel ist lt. obigem bericht nicht abgefallen, sondern schlicht stehen geblieben. Das dürfte juristisch ein großer Unterschied sein 😉

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  5. avatar Backe sagt:

    @ T.K. Um “schlicht stehen zu bleiben” hätte die Sun Odyssee also 6 Meter Tiefgang haben müssen? Auf dieser Tiefe steht “lt. obigem Bericht” nämlich der Kiel.

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  6. avatar T.K. sagt:

    @Backe schon mal an Ebbe und Flut gedacht…..6m bei Flut ist bei Ebbe durchaus 2m oder gar 0 Meter. Soll sich ja um ein Tidengewässer handeln……

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  7. avatar Claus sagt:

    @ Backe, im beschriebenen Seegebiet gibt es sowas wie Tide und Tiedenhub, und davon nicht zu knapp 😉

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  8. avatar Stefan sagt:

    Nehmen Chartercrews nicht so viel Bier mit, dass man auf den Extraballast in Form eines Kiels locker verzichten kann? So ein Kiel wird ganz einfach überbewertet.

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  9. avatar stefan sagt:

    wird nicht nach jeder vercharterung das schiff abgetaucht? in dem falle muss der taucher wohl blind gewesen sein. ich glaub das nicht.

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  10. avatar Sven sagt:

    Ich werde mich auch nicht an dem Bashing über die Hochsee-Camper beteiligen……..(gibt es eigentlich schon Blumenkästen für die Reling bei AW Niemeier?)

    Also : diese storry ist ca. 3 monate zu früh!
    Wenn der Kiel bei einer Segelyacht “abfällt” und das Schiff dann aufgrund des großen Gewichtverlustes dann mit 9 knoten unter Motor fährt, würde dieses objekt sofort instabil und mit dem Mast flach auf das Wasser legen! Ich denke das kann man gut erzählen aber nicht glauben!

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  11. avatar Peter sagt:

    es gibt eine diskussion im ybw forum darüber.

    Da wird zumindest erläutert, dass der Wassereinbruch wohl verhindert wurde, weil die Kielbolzen voll einlaminiert sind. Zum Thema Stabilität: “She [Polbream] was then chartered by another group who subsequently suffered a broach or knockdown on the way to the Helford.” (http://www.kpca.org.uk/events/s2010/2010Polbream.html)

    Ich kann mir aber nach wie vor nicht vorstellen, dass man nach einer Kollision, die stark genug ist, um _alle_ Kielbolzen brechen zu lassen, einfach seelenruhig weitersegelt. Wer weiß wieviele Grundberührungen der Kiel schon wegstecken musste.

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    • avatar Peter sagt:

      die links zu ybw kann ich leider nicht einfügen, die kommentare werden dann nicht angezeigt..

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  12. avatar Christian sagt:

    interessant wäre ja, wie einer der gängigen Bootstests bei dieser ganz speziellen Sun Odyssey ausgefallen wäre: “Erstklassige Segeleigenschaften raumschots, am Wind lieber nicht zu viel Höhe kneifen. Und mit Bugstrahlruder bestellen, wegen der Hafenmanöver.”

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  13. avatar Jens sagt:

    Neue Theorie:
    Die Aktion war generalstabsmäßig geplant! Ich kann durchaus nachvollziehen, sollte jemand einen Kiel an einem Boot als überflüssig empfinden. Badehose an, Taucherbrille auf, Eisensäge gezückt, ein Mal tief Luft geholt und los gehts. In nur 15 min werden die Gleiteigenschaften des sonst so behäbigen Bootes deutlich verbessert.
    Doch Obacht: Auf der Kreuz können enorme Nachteile durch Abdrift entstehen! Mein Tipp ist daher: Einfach die Schottbretter auf dem Niedergang seitlich an den Rumpf spaxen. Die reinste Erfolgskonstruktion, man gucke sich nur die modernen Open 60 an. Der Trend geht eindeutig zu Seitenschwertern.
    Die nachfolgende Crew hätte etwas Dankbarkeit zeigen können. Das Ruder war etwas nervös? Wenn so ein großer Kahn am rutschen ist, rödelt das halt ein Bischen!

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