Die Coronatörns 2020: Tierisch unterwegs in Friesland

Jeder nur einen Korb!

Die Coronapandemie hat den Törnplan 2020 ganz schön durcheinander gewürfelt. Aus geplanten drei Wochen intensiver Einhandesegelei wurde in diesem Jahr eine Woche gemütliches Kanälebummeln in Friesland. Mit an Bord: meine Freundin und Bordhündin Greta.

Wann wir denn morgen Duschen möchten, fragt mich der Hafenmeister. Für zwei Sekunden schau ich ihn an wie ein Auto und mir schwant, dass er die naheliegende Antwort, dass wir in der Regel nach dem Aufstehen zu duschen pflegen, nicht akzeptieren wird. So gleich springt er mir hilfsbereit bei und präsentiert einen ausgeklügelten Plan, welcher Gastlieger wann seine halbe Stunde in den Waschräumen des Hafens verbringen darf. Er deutet auf eine Stelle oberhalb(sic!) der Tabelle: „Um halb acht wäre noch etwas frei“. Also buche ich unseren exklusiven Duschslot, der fein säuberlich mit Boxnummer und Schiffsnamen eingetragen wird. Das Coronavirus köchelt im Juli noch immer sich hin und jeder Hafen in Friesland hat sich sein eigenes System zurechtgelegt, wie die Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden sollen. In Heeg bekommen wir einen Termin zum Duschen, in Woudsend einen roten Einkaufskorb. Nur mit ihm dürfen wir die heiligen Hallen des Sanitärpalastes betreten. Steht kein Korb am Eingang, müssen wir warten, bis jemand seinen wieder zurücklegt. Ein narrensicheres System – so denn sich auch alle an die Vorgabe halten würden. Effektiver war der Duschtermin – und komfortabler noch dazu. Da der Hund sich normalerweise anschickt, uns noch vor acht zu wecken, kommen wir mit dem frühen Termin auch gut zurecht.

Beschilderung

Beschilderung wie im Straßenverkehr

Nach einigen Wochenenden verbringt die Jack-Russell-Terrier-Hündin Greta zum ersten Mal eine längere Zeit mit uns zusammen auf dem Boot. Das bedeutet aber gerade für mich eine geänderte Törnplanung im Vergleich zu den üblichen Sommertörns, während denen ich in der Regel von morgens bis abends meine Zeit auf dem Wasser verbringe. Da meine Freundin auch leicht seekrank wird, fällt die Entscheidung auf ein Revier, das ich zumindest seglerisch meist links liegen lasse: Friesland. Große und kleine Seen, die durch unzählige Kanäle miteinander verbunden sind, wechseln sich mit kleinen und großen Städtchen ab. Ein Revier, das sich als entspanntes Familienrevier nahezu aufdrängt. Und so steht der Sommertörn 2020 bei uns ganz im Zeichen der Entschleunigung.

Als wir in Lemmer ankommen, empfängt uns ein grauer Himmel – ganz anders, als der Wetterbericht es uns versprochen hat. Aber auch das stört uns nicht. Hündin Greta soll sich an Bord erst einleben, sodass wir zumindest einen Hafentag im Heimathafen eingeplant haben. Lange Spaziergänge am Deich und reichlich Spaß und Spielerei lasten Greta, aber auch uns gut aus. Zu meiner Verblüffung lerne ich mit Greta an der Leine viel neues kennen. Obwohl ich in Lemmer mehr oder weniger aufgewachsen bin und eigentlich jeden Stein mit Namen kennen sollte, führt mich der Hund an Stellen, die ich in meinem Leben noch nicht gesehen habe.

Kaffee geht immer

Rasmus meint es in den ersten Tagen nicht sehr gut und schickt Dauerregen und Flaute anstatt Sonne und Wind. Aber auch das kann uns nicht erschüttern – wir haben Urlaub.

Als sich der Regen verzieht, verholen auch wir uns. Nur ein paar Meilen weiter nach Norden in das kleine Städtchen Langweer. Über Jahrhunderte hinweg führte nur ein Weg nach Langweer und zwar über das Wasser. Erst im 19. Jahrhundert erfolgte die Landanbindung in Form einer Straße. Heute bildet Langweer eines der vielen Wassersportzentren in Friesland und der Hafen füllt sich bis zum Abend bis zum letzten Liegeplatz. Von Corona kaum eine Spur. Über die Stege rennen Kinder, die Eltern tragen Spielzeug, Grills und die eigene Flüssigverpflegung in einem endlosen Marsch an uns vorbei. Die Einhaltung des erforderlichen Abstands würde ich indes als unmöglich bezeichnen. Im Ort ein ähnliches Bild: alle Tische belegt, der kleine Supermarkt überfüllt. Etwas abseits steht eine Gruppe mit T-Shirts, die sie als Mitarbeiter der Gemeinde ausweisen. Besorgt betrachten sie das Spektakel, diskutieren und schreiten schließlich regulierend ein. Im Büro des Hafenmeisters heißt es, dies sei das erste Wochenende der Saison an dem der Hafen voll sei. In den Waschräumen sollen Desinfektionsmittel das Risiko einer Ansteckung minimieren.

Bordhündin Greta auf Entdeckungstour in Holland

In Langweer merke ich auch das erste Mal, wie sehr ich mich an die Maske gewöhnt habe. Da in Holland nur in Verkehrsmitteln eine Maskenpflicht herrscht, fühle ich mich im Trubel oder im Supermarkt seltsam ungeschützt und verletzlich. Im ganzen Urlaub bin ich daher nur ein einziges Mal einkaufen. Was wir zum Leben brauchen, haben wir in diesem Jahr mitgebracht.

Mit dem Friesland-Rigg durchs Binnenland

Auf dem Wasser stellen wir uns ganz auf Friesland ein. Das bedeutet, dass wir das Großsegel unter der Persenning spazieren fahren. Die Genua bringt den Vortrieb auf den Kanälen. Hinter vorgehaltener Hand wird diese Besegelung auch das „Friesland-Rigg“ genannt. Da die Kanäle immer wieder durch Brücken unterbrochen werden, haben es viele Segler aufgegeben alle naselang das Segel neu aufzutuchen. Nur auf den größeren Wasserflächen wie dem Heegermeer gleitet das Großsegel empor. Früher habe ich nach jeder Brücke das Großsegel erneut gesetzt, wenn ich mal in Friesland unterwegs gewesen bin. Aber ich werde wohl auch älter. Also habe ich mich angepasst und rolle nur die Genua ein und wieder aus. Nur die Fender lasse ich noch nicht außen baumeln!

Wechselvolle Bewölkung wie hier über Heeg war unser stetiger Begleiter – aber bei angenehmen Temperaturen

Nach Langweer laufen wir Heeg mit den besagten Duschterminen an. An den Boxen-Dalben wehen hier und da noch Reste des rot-weißen Flatterbandes, das einige Boxen versperrte, in der leichten Brise. Von coronabedingten Kapazitätsengpässen, die im Vorfeld fast dazu geführt hätten, dass wir nicht zum Boot gefahren wären, spüren wir nichts mehr. Schon am frühen Nachmittag dümpelt in jeder Box des Hafens ein Schiff.

Das historische Wassertor von Sneek

Für uns geht es am nächsten Tag auf neuen Pfaden in die Stadt Sneek, eine der elf friesischen Städte. Den ersten Teil der Fahrt absolvieren wir tapfer unter Motor, fahren durch die kleine Stadt IJlst (auch eine der elf friesischen Städte) und finden tatsächlich einen freien Platz in der Nähe des Wahrzeichens der Stadt, dem Sneeker Waterpoort. Das Wassertor aus dem 15. Jahrhundert war einst Teil der Stadtmauer und regelte den Zugang zur Stadt vom Wasser aus – in Friesland seit jeher ein wichtiger Teil der Infrastruktur. Nach dem Abriss der Stadtmauer blieb schlussendlich nur das Wassertor übrig, das als exakte Kopie unter anderem in China (ehemals gleich drei Kopien, heute abgerissen), Japan und im Legoland in Dänemark steht. Wir genießen die Aussicht auf das Original nur kurz und nach einem Stadtrundgang setzen wir unsere friesische Runde fort. Endlich unter Segeln (sprich: Genua) verlassen wir Sneek wieder und lassen uns gemütlich wieder bis zum Ausgangspunkt in Heeg wehen, biegen aber vorher ab nach Woudsend.

Das kleine Städtchen IJlst durchfahren wir zum ersten Mal

Das Segeln in Friesland gestaltet sich übrigens wesentlich aktiver, als viele denken. Auf See trimme ich in der Regel die Segel ein, harke den eisernen Gustav an und gebe mich dem Spiel aus Wind und Wellen hin. Stundenlang könnte ich dasitzen und beobachten, wie das Schiff durch die See pflügt. In Friesland bleibt kaum Zeit für Träumereien. Kaum ein Fahrwasser führt schnurstracks gerade aus, ständig müssen die Segel – Pardon: das Segel – getrimmt werden und wer an der Pinne nicht aufpasst, findet sich in der Böschung wieder.

Ich muss gestehen, dass ich an Woudsend in den letzten Jahrzehnten immer vorbeigesegelt bin. Auf dem Weg zu anderen Zielen war Woudsend für mich schlicht ein Wegepunkt mit Windmühle und Brücke. Seitdem die Brücke im Jelteslot durch ein Aquaduct ersetzt wurde, bei dem die Straße unterhalb des Kanals durchgeführt wird, bin ich noch seltener an Woudsend vorbeigefahren. Heute sollte Woudsend dann endlich doch noch durch meine Crew und mich entdeckt werden. Im zweiten Anlauf schaffe ich es auch bei ablandigem Wind den schmalen Meldesteiger vor dem Hafenmeisterbüro zu treffen und festzumachen. Diese Meldesteiger sind eine niederländische Eigenheit. Während in der Ostsee eine rot/grün-Beschilderung den Weg in freie Boxen weist, gestaltet sich der gesamte Anleger in Holland etwas länger. Zuerst wird am Meldesteiger festgemacht, per pedes der Hafenmeister aufgesucht, der eine Box zuweist, per pedes zurück an Bord, ablegen und wieder anlegen. Mittlerweile rufe ich den Hafenmeister meist vorher an, um das An- und Ablegen zu verkürzen.

Der Hafenmeister in Woudsend klärt mich dann über die hier vorherrschenden Corona-Regelungen auf, drückt mir noch einen A4-Ausdruck mit ebendiesen in die Hand, damit ich es ja nicht vergesse, und erläutert das Prinzip des roten Einkaufskorbes an den Waschräumen.

Woudsend ist nicht nur bekannt für seine schmalen Gassen, sondern auch für seine zwei Windmühlen

Die Sonne färbt den Himmel bereits in orange-leuchtendes Licht, als wir den historischen Kern von Woudsend erkunden. Durch die schmalen Gassen weht eine leichte Abendbrise. Die Gassen sind größtenteils so schmal, dass wir nur hintereinander laufen können. Nur einige wenige Straßen sind breit genug für ein Pferdegespann – Autos passen einfach nicht in das Ambiente des Ortes. Dennoch gibt es sie und das bedeutet: Aufpassen, denn einen Bürgersteig in dem Sinne gibt es nicht.

Am nächsten Tag segeln wir mit halbem Wind und das erste Mal mit reichlich Krängung über den Groote Brekken, den See direkt bei Lemmer. Auf dem Weg zurück in den Heimathafen haben wir kurz zuvor noch in Sloten festgemacht. Die kleinste Stadt der Niederlande gehört ebenfalls zu den elf friesischen Städten. Was kaum zu glauben ist, denn Sloten besitzt eher einen Dorfcharakter, nur die Überbleibsel der Stadtmauer mit zwei Wassertoren zeigt, dass der Ort einst befestigt war und eine wichtige strategische Bedeutung innehatte.

Sloten: die kleinste Stadt der Niederlande

Unser Sommertörn war keineswegs ein seglerisches Highlight. Auch die Anzahl der Meilen in unserem Kielwasser taugt nicht zur Prahlerei. Dennoch bleibt der Törn im Gedächtnis. Nicht nur wegen der variierenden Corona-Regelungen in den Häfen, sondern auch als erster längerer Törn mit Hund an Bord. Greta hat sich schnell an Bord eingelebt. Unterwegs döste sie meist im Cockpit und drehte dann in den Häfen richtig auf. Für sie war es mit Sicherheit eine spannende und abwechslungsreiche Zeit, die sie mit vielen positiven Erlebnissen verknüpft. Für die Reise mit Hund sind Seemeilen weniger entscheidend. Vielmehr kommt es auf das Rahmenprogramm an. Und das gestaltet sich so abwechslungsreich wie in sonst kaum einem anderen Urlaub.

Nachtrag: Kurze Zeit nach unserem Törn stiegen auch in den Niederlanden die Fallzahlen wieder. In den Großstädten wie Amsterdam und Rotterdam wurde eine Maskenpflicht eingeführt, Restaurantbesuche wieder stärker eingeschränkt. Premierminister Rutte warnte vor einer zweiten Welle und brach seinen Urlaub ab. Noch immer steigen die positiven Fälle.

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