Kajakmaran-Mann: Unter dramatischen Umständen nimmt Gabriel die Hürde von Arcachon

"Überall Brandung..."

Andreas Gabriel ist auf der zweiten Etappe seines Kajakmaran-Abenteuers von Lardeo nach Tönning unterwegs. Er gerät in ein Schießgebiet und zerschellt fast an der französischen Küste.

Andreas Gabriel

Sorgfältige Vorbereitung ist das A und O © tinuca revolvo

Diese Biskaya-Etappen entlang der französischen Sandküste hängen mir seit langem schwer auf der Seele. Ich weiß, dass es hart wird und Gott sei Dank, weiß ich vorher doch nicht alles. Die über 65 Seemeilen lange Passage entlang einer donnernden Küste nach Arcachon liegen vor mir. Keine Chance, zwischendrin irgendwo anzulanden.

Wenn Du unterwegs bist, bleibst Du unterwegs… egal wie. Man erzählt mir vom hohen Schwierigkeitsgrad der Ansteuerung von Arcachon und ich spüre das Blei in meinem Magen. Christophe und Patrice sind zu meinem Boot gekommen, um mich zu verabschieden. Selten habe ich zwei so lustige, verrückte und herzergreifende Franzosen erlebt, wie diese beiden Typen.

Fortwährend kommt mir ein Lachen ins Gesicht, wenn ich daran denke, wie der rüstige “Nachsechziger” Patrice die Teller in den Teich schmeißt, als ich ihn frage, ob ich bei der Abwäsche helfen darf. Als wir schließlich alle das Geschirr hinterher schmeißen und die Pfanne wie ein Geisterschiff abtreibt, beginnen unsere Bauchmuskeln vor Lachen zu schmerzen. Das Hemd von Christophe ist voller Weinspritzer, als Patrices Gesicht vor lauter Brüllerei plötzlich samt Inhalt explodiert. “Abwasch?” fragt er. “Wir treffen uns nächstes Jahr an der gleichen Stelle wieder, dann ist der Quatsch sauber.”

Auch das Abschied nehmen ist nicht ganz einfach © tinuca revolvo

Patrice drückt mir an diesem Morgen einen Briefumschlag in die Hand. “Öffne ihn erst, wenn Du unterwegs bist.” Christophe ist etwas später auch da und hat eine seiner Kanonen dabei um eine Salve zu schießen, wenn ich den Hafen verlasse. Als meine Leinen los sind, bekomme ich plötzlich einen Schreck. Das Ding ballert so unerwartet laut, dass mein erster Blick in seine Schussrichtung geht, um zu sehen, ob da irgendetwas sinkt auf der anderen Seite des Hafens. Nein, alles ist ok… selbst die Capitanerie steht noch. Auf eine Bleikugel hat er wohl verzichtet.

Ich bin schnell raus aus dem Hafen, die Strömung trägt mich, wie eine Mutter ihr Baby. Entlang der langen Flußausfahrt sehe ich die beiden, wie sie mir hinterher rennen, um eine zweite Salve zu schießen und um ein paar Fotos zu machen. Wir winken ein letztes Mal.

“Ihr alle seid mein Sightseeing”

Ich werde von den Menschen unterwegs oft gefragt, ob ich Sightseeing mache, mir Landschaft und Städte ansehe. Meine Antwort ist, dass ich keine Zeit dafür habe, doch die Wahrheit ist anders. Ich möchte euch etwas sagen und es ist die einzig richtige Antwort. Ihr alle seid mein Sightseeing. Wenn ich euch treffe, habe ich alles, was ich brauche, um zufrieden zu sein. Das ist diese Tour. Ihr seid es!!!

Die See ist ruhig und spiegelglatt nach einer Meile. Der Außenborder dröhnt und für mich geht es nur darum, die 65 Meilen sicher hinter mich zu bringen. Ich habe die donnernde Brandung in Sichtweite, sie flößt mir Respekt ein. Ich weiß, wenn ich ihr zu nahe komme, wird mein Boot das nicht überleben und ich selbst habe nie zuvor eine derartige Brandung durchschwommen.

Sie ist so laut, selbst in einer Meile Entfernung, dass ich sie hören kann trotz des lauten Geknatters meiner Antriebsturbine. Ich kann es kaum fassen, denn als Sabrina letztes Jahr auf dem zweiten Rumpf direkt neben mir saß, konnte ich nicht hören, was sie sagte, während der Außenborder lief. Hier draußen bin ich scheinbar sicherer.

Andreas Gabriel

Ohne Düsenantrieb sind die 65 sm nicht zu schaffen © tinuca revolvo

Mein Boot ist eine Insel die sanft und sicher zu mir hält. Stunde um Stunde ist es monoton, ohne Segel und Welle unterwegs zu sein. Nach 40 Meilen, werden meine Gedanken plötzlich unterbrochen. Ein neues Geräusch… was ist das?

Erst nach einigen Augenblicken realisiere ich, dass ein Hubschrauber über mir kreist. Er ist weiß und hat große Nummer auf seinem Bauch. Er sieht irgendwie nicht militärisch aus. Auf seiner zweiten Runde kommt er mir näher und ist direkt über mir.

“Go back go back!”

Ich sehe, dass die Piloten irgendwelche Handbewegungen machen, kann aber nicht erkennen, was sie wollen. “Schnapp Dir das Fernglas, Andreas und zeige ihnen an, dass sie eine dritte Runde fliegen sollen. Es klappt… sie kommen zurück. Meine Segel ballern hin und her, als gäbe es eine Olympiade fürs Halsen.

Andreas Gabriel

Antonio, Tinuca und Freunde. Spanier die es in mein Herz geschafft haben. © AG

“Go back… Go back!” Mit dem Glas kann ich deutlich erkennen, dass die Männer da oben meinen Rückzug mit 50 Ausrufezeichen dahinter bevorzugen. Aber warum nur? Ist ein Unwetter im Anmarsch und Arcachon nicht anzulaufen? Sie zeigen ein Pappschild mit der Aufschrift “CH 6″ und meine Arme machen ihnen deutlich klar, dass ich kein Funkgerät an Bord habe.

Ich beschließe erstmal stehen zu bleiben, der Hubschrauber dreht ab. ” Sie haben Dich auf dem Radar, Andreas… denk nach… denk nach!!!” Unmöglich für mich die 40 Meilen zurück zu gehen. Es ist 14 Uhr, das würde ich nicht mehr schaffen. Tinuca!!! Ich rufe Tinuca in Laredo/Spanien an. Sie wird Antonio den Hafenmanager anrufen. Ich weiß um seine Kontakte nach Mutriku und das der dortige Chef der Marina “Oriol” Kontakte nach Frankreich hat. Eine Telefonkette!!!

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Andreas Gabriel

... ist Frohnatur, Geschichtenerzähler, Abenteurer und Maurer zugleich. Er brach von Tönning in NORDfriesland Ende April 2011 auf, um mit seinem Kajakmaran Europa zu umrunden. Über Kanäle, Rhein, Main, Donau, ins Schwarze Meer und dann über das Mittelmeer zurück. Alles ohne Geld. Andreas Gabriel erzählt wahre Geschichten, die er unterwegs erlebt, und seine Zuhörer freuen sich, dass er eigentlich ihren Traum lebt. Ihre Unterstützung kommt postwendend. Dass dieses spannende und intensive Reisen funktioniert, hat er schon in den ersten 2 Etappen bewiesen. In der dritten Etappe geht es von Laredo / Nordspanien nach Hause nach Tönning. Seine Webseite lautet www.der-mit-dem-wind-faehrt.de
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