Knarrblog: Endlich segeln nach der Corona-Starre – Lebenselexier nach der Lethargie

Auf dem "Raumschiff" gelandet

Dieser Corona-Modus war hart. Es fehlte der rote Faden. Der Antrieb. Der Spaß. Arbeit nur um der Arbeit willen? Ohne Belohnung? Ohne aufs Wasser zu dürfen?

Die plötzliche Entschleunigung hatte auch ihren Reiz. Der leere Terminkalender tut gut. Zumindest eine Zeitlang. Irgendwann wird das Zucken stärker, wenn mal wieder eine Böe durch die Bäume rauscht. Wenn unvermittelt Termin-Erinnerungen am Bildschirm aufploppen. Kieler Woche, J/70 EM Kopenhagen, Bundesliga-Auftakt Chiemsee, Charter-Urlaub in Holland. Alles abgesagt.

Wie zum Hohn muss auch noch das Wetter so unverschämt gut zum Segeln sein. Sonne und bester Ostwind. Extra lange. Extra stark. Rasmus kann ein Sadist sein. Man musste es verdrängen dieses andere Leben. Das mit dem Spritzwasser und knatternden Segeltuch. Die Hecke, hinter der das Boot auf der Straße parkt – eigentlich bereit zum Alster-Touchdown – wächst immer höher. Es geriet außer Sicht – aus dem Sinn. Körper und Psyche leiden. Der Verfall ist schleichend. Lethargie setzt ein. Wenn ein Spaziergang zum Höhepunkt des Tages wird, läuft’s nicht rund.

Die J/70 schwimmt in Strande. Daniel und Eike vor den ersten Kielboot-Meilen der Saison. © SegelReporter

Dann die Erlösung. Die ersten Lockerungen. In Schleswig-Holstein darf wieder gesegelt werden. Plötzlich laufen die WhatsApp-Gruppen heiß. Wir schleppen das Schiff nach Strande statt auf die Alster. Nach einem halben Jahr mal wieder das Meer sehen.

Die Varianta wiederbeleben

Am Wochenende schließlich die totale Reizüberflutung. Der Junge erinnert sich an die alte Varianta, die seit zwei Jahren an der Schlei in der Halle steht. Er will die neue Freiheit nach der Corona-Pause mit einem Kumpel auf dem Wasser ausleben. Ich helfe Freitag-Nachmittag beim Antifouling-Streichen (Video) und Einwassern. Samstag dann Lasersegeln mit Frau bei Kumpel Michi (Video) . Sonntag erstes Bundesligatraining in Kiel (Video).

Die Varianta wieder fit fürs Einwassern machen. © SegelReporter

Was für ein Energiebedarf. Was für ein Stress. Was für ein Kontrast nach der Corona-Starre. Und trotzdem. Es fühlt sich so unsäglich gut an. Wind und Wasser. Virus- Gegenmittel, Immunsystem-Verstärker, Lebenselixier. Nie waren diese Zutaten wichtiger. Segeln hilft einfach.

Lasersegeln mit Michi. © SegelReporter

Umso logischer, dass der Urlaub wieder aufs Wasser verlegt werden muss. Eigentlich wollten wir mal wieder in Holland chartern. Aber das wollten viele. Zu viele. “Wir sind komplett ausgebucht”, heißt es as Sneek. “Vieleicht ein anders Jahr?” Auch an der Ostsee war kompliziert. Und wer wusste schon, wie sich das mit dem Virus entwickelt?

Back-to-the-roots-Törn

Die Skipperin kam plötzlich mit dem Angebot einer Kollegin. Lust auf eine Waarship ab Neustadt? Viel von diesen Booten gehört. Gut segelndes Raumwunder aus Holland. Kumpel Steini ist auf seiner 660 oft zu viert mit Familie unterwegs. 

Das “Raumschiff” kurz vor der Landung. © SegelReporter

So ist es ein kleiner Schock, dass es auch eine 570-Version gibt. Hätten wir dann lieber unsere vermuffte, alte Varianta nehmen sollen? Die ist sogar länger mit 6.50 Metern.  Aber der Waarship-Name “Raumschiff” macht Mut. Und es ist bestes Sommerwetter als die Entscheidung fällt, tatsächlich einen unkomplizierten Back-to-the-Roots-Törn auf dem Mini zu wagen. Bei schlechtem Wetter brechen wir einfach ab.

Erste Nacht im Rundhafen von Neustadt. © SegelReporter

So sitzen wir nun bei strömendem Regen und Sturm (Video) unter dem wabernden Zelt der “Kuchenbude” und trauen uns nicht auf die Ostsee. An der Türe beim Hafenmeister warnt eine Achtung-Notiz: Acht Beaufort heute! Wir lassen es erstmal bleiben. Die Lebensgeister sollen ja nicht zu schnell verjagt werden.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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