Knarrblog Sommertörn: Kurs Ventotene – Mutation zum PS-Protzer

Autarkie auf dem Hausboot

Es ist flau am Morgen. Eigentlich typisch für das Revier zu dieser Jahreszeit wie Stützpunktleiter Gian Luca sagte. Der thermische Wind soll sich erst zur Mittagszeit einstellen aber sehr verlässlich sein.

Auch deshalb hätte 2007 in der Bucht von Neapel fast der America’s Cup stattgefunden.

Segel Sommertörn Italien Neapel

Der alte Galeerenhafen von Ventotene © SegelReporter

Fürs Cruisen ist dieser Rhythmus hilfreich beim ausgiebigen Ankern. Die Nächte sind geruhsamer, wenn das Grundeisen nicht ständig unter voller Spannung steht.

Für den 20 Meilen Sprung nach Ventotene sollte die Morgenflaute aber eher nervig sein. Es macht überhaupt keinen Sinn, die Segel auszurollen. Anker auf, Hebel auf den Tisch, Autopilot eingestellt, Kurs gen Westen.

Das Schlimme: Ich find’s gar nicht schlimm. Oh Gott, die Mutation zum PS-Protzer hat eingesetzt. Segeln nur noch in homöopathischen Dosen. Zwischendurch mal anhalten, Segel ausrollen und sich mit 1,5 Kn hinterherziehen lassen, dann wieder weiter gen Ventotene dieseln.

Segel Sommertörn Italien Neapel

Der Salto mortale kommt auf Reede vor Ventone immer besser © SegelReporter

Kein Ärgern mehr über schlechte Wendewinkel, oder das fiese Großsegel. Einfach Bimini hochklappen und man sieht es nicht mehr. Zack, so einfach ist es. Loslassen lernen.

Die Prioritäten ändern sich. Segeln wird vielleicht doch manchmal überbewertet. Hier geht es ums Wassercamping. Und ich genieße die Tatsache, nicht jeden Tag wie in der Ostsee den Run auf einen Platz im vollgepfropften Hafen gewinnen zu müssen.

Dort haben wir selten geankert. Ich musste für die Liebste schon gute Argumente finden. Das Leben am Eisen dort ist immer mit einem Verzicht auf einen gewissen Grundkomfort verbunden gewesen. Sanitär, kulinarisch, schlaf- und wettertechnisch.

Segel Sommertörn Italien Neapel

Der in den Stein gehauene Hafen von Ventone gilt als Wunder antiker römischer Baukunst © SegelReporter

Unsere zuletzt bewegten Schiffe waren wohl einfach zu klein. Sie mochten gut segeln, und passten gut in die Häfen. Es ließ sich aber spartanisch darauf leben.

Nun also 330 Liter im Wassertank und 200 im Dieselbunker.  Bäm! Das sind Belege. Gute Chancen fürs Schiff-Quartett. Dazu ein fetter Kühlschrank. Autarkie auf dem Hausboot, das zählt. Immer mehr, je länger der Urlaub dauert. Erschreckend, sich so reden zu hören.

Aber so sind die 20 Meilen nach Ventotene schnell runtergedieselt. Eine hübsche Reede wartet im Abendlicht. Ausflug mit dem Dinghi in den imposanten alten Galeerenhafen, den Sklaven unter der Herrschaft Kaiser Augustus in die Felsen geschlagen haben.

Segel Sommertörn Italien Neapel

Abendlektüre vor Ventotene. Die Frisur sitzt © SegelReporter

Hierher soll auch Kaiser Nero seine Frau Octavia verbannt haben und schließlich der eifersüchtigen Geliebten ihren Kopf auf einem Silbertablett präsentiert haben. Große Geschichte.

 

 

 

 

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Carsten Kemmling

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3 Kommentare zu „Knarrblog Sommertörn: Kurs Ventotene – Mutation zum PS-Protzer“

  1. avatar Firstler sagt:

    Herrlich beschrieben, Deine schleichende Verwandlung. Musste ich in so manschen Urlaub auch schon erleben 🙂

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  2. avatar Sven 14Footer sagt:

    Kann es sein, dass das Großsegel am besten zieht, wenn es im Mast aufgerollt ist?

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    • avatar minne sagt:

      So isses. Weniger Segelfläche = weniger Widerstand im Fahrtwind beim Gegenandampfen…

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