Knarrblog: DK Sommertörn Juelsminde-Anholt

Meuterei auf dem Vorschiff

Wo geht´s lang? Die Navigations-Abteilung bei der Arbeit

Von Carsten Kemmling

Die Frau da vorne nähert sich einem hysterischen Anfall. Normalerweise ist diese Frau ja meine Frau, aber in diesem Zustand kenne ich sie nicht. Der Ausbruch kommt plötzlich und unerwartet. Ich stehe ihm einigermaßen hilflos und ratlos gegenüber. Er muss irgendwie mit dem blauen Tuch zusammenhängen.

Eben noch sprang sie todesmutig auf das Vorschiff, als sich der Gennaker bei der schlecht geplanten Halse erst um das Vorstag, dann um sich selbst verdrehte.

Ich denke noch: Respekt. Das Enttüddeln ist schwer zu schaffen. Aber vielleicht bekommt sie es ja hin. Ich überlege kurz, das Malheur selber zu ordnen. Aber es ist gerade etwas schwer, den rollenden Dampfer mit Wind und Welle genau von hinten auf Kurs zu halten.

So schaue ich mir das Schauspiel an, bewundere ihren Kampfgeist, und versuche noch von hinten mit gut gemeinten Tipps die Erfolgsaussichten zu verbessern. Aber das kommt offensichtlich nicht gut an. Der Ton wird lauter und etwas genervter, so weit ich das beurteilen kann.

Denn gegen den Wind, der knapp unter 20 Knoten weht, und das laut schlagende Tuch kommt akustisch wenig beim Steuerstand an. Aber der Gesichtsausdruck und die Gestik zeugen von einer gewissen Krisenstimmung, die schließlich in Arbeitsverweigerung gipfelt. Meuterei oder was?

Vermutlich habe ich Schuld. Sie wird meinen, dass es blöd ist, dieses Tuch bei diesem Wind zu ziehen. Oder ich bin in der Passage zwischen Thunö und Samsö zu nahe an Land gefahren. Vielleicht habe ich nicht intensiv genug auf die Karte gesehen. Jedenfalls mache ich offenbar den Eindruck, die Situation nicht richtig im Griff zu haben.

Über diese Einschätzung bin ich nun wieder beleidigt. Schließlich ist es ein echtes Déjà-vu Erlebnis. Seit der Laser SB3 WM vergangene Woche am Gardasee habe ich mich doch an den Ton schlagender Gennaker gewöhnt. Das lässt mich kalt.

Die Back-Up-Crew übernimmt das Kommando. Fortan läuft es entspannt.

Wie auch immer. Sie hat auf See schlecht gefrühstückt, ist am Ende ihrer Kraft, hat etwas Angst und diese Frauentage sind im Anmarsch. Eine explosive Mischung.

Und ich habe schlecht kommuniziert. Schließlich hätte sie gar nicht nach vorne stürmen sollen. Wir hätten das vertörnte Ding einfach geborgen und an Deck geordnet.

Andererseits wären das natürlich wichtige Meilen gewesen, die wir verloren hätten…uups, manchmal mag es mir tatsächlich etwas schwer fallen, von Regatta- auf Fahrten-Modus umzuschalten.

Wen interessiert es denn, ob wir eine Stunde früher oder später ankommen? Ob wir vor oder nach den Freunden festmachen…(nun ja, mich interessiert es – Gedankenwegwisch).

Wir sind jedenfalls früh um acht gestartet, um möglichst weit weg von Juelsminde zu kommen. Zwei Tage mit Dauerregen und heulenden Wanten sind schwer zu ertragen. Und auch der Blick auf diese grauen Plattenbau-Siedlung in Juelsminde zieht einen auf Dauer herunter.

Also los nach Anholt. 77 Meilen. Bei dem kräftigen Südwind sollten sie gut zu schaffen sein. Anfangs kommt der Wind schön spitz und wir segeln regelmäßig über acht Knoten. Aber dann rutscht das Speedo viel zu oft auf die sechs. Der Wind raumt. Zeit für das blaue Tuch.

Zwischen Samsö und Thunö raumt er noch mehr, so dass er genau von hinten kommt. Ich will eine Halse vermeiden und versuche das Boot im Schmettelingsmodus am Land vorbei zu drücken. Aber schließlich wird eine Halse doch nötig. Der Anfang von der Nerverei…

Als das Tuch endlich unten ist, sich die Gemüter beruhigt haben, die Kinder langsam aus ihren Kojen krabbel, ich aber immer noch genervt bin, weil wir vor dem Wind mit kraftlos pendelnder Fock nach Lee treiben, drängt sich erneut der Gedanke an das blaue Tuch auf.

Ich wage es nicht auszusprechen, aber der Impuls kommt von der Vorschiffscrew. Es ist ja noch weit bis Anholt. Wir setzten den Gennaker tatsächlich noch einmal. Ich ziehe nicht schnell genug am Fall, und schwupps verdreht er sich diesmal unter Wasser statt im Rigg. Meine Güte!

Aber diesmal geht das Troubleshooting gesitteter über die Bühne. Finn übernimmt das Steuer. Wir stoppen auf, lösen Schot und Fall und ziehen das Segel am Hals wieder an Bord.

Danach sind wir erst einmal geheilt vom Möchtegern-Schnellsegeln. Aber der Wind dreht auch so spitz und günstig, dass wir dennoch die zehn Knoten erreichen.

Das Problem: irgendwann würden wir so an Anholt vorbei schießen. Also etwa zwei Stunden vor dem Ziel erfolgt das dritte blaue-Tuch-Manöver des Tages. Und diesmal klappt es. Anholt taucht aus dem Dunst auf. Nach elfeinhalb Stunden sind wir am Ziel. Und die Sonneninsel begrüßt uns mit Regen. Alles in allem ein super Tag!

Aber immerhin. 77 Meilen liegen im Kielwasser und das Wetter wird besser. Der Ritt zur Sonneninsel sollte sich gelohnt haben. Skipper und Skipperin haben sich wieder lieb. Die verpatzten Manöver wurden besprochen, und Erinnerung daran lebt nur in ein paar blauen Flecken fort. Beim nächsten Mal sollte alles besser klappen.

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Carsten Kemmling

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