Meinung Ostern oder die Frage, warum ich nicht zum Boot fahre

Verantwortung und Respekt

So lange liegt mein letzter Besuch am Boot nicht zurück. Ende Februar hielt ich es nicht mehr aus. Denn die Kältewelle, die den Norden mit Eis und Schnee überzog, konnte für Boote im Wasser zumindest in der Theorie gefährlich werden. Während es in der Ostsee noch immer ungewöhnlich ist, im Wasser zu überwintern, bleiben in den Niederlanden viele Boote im Wasser liegen. Die letzten Winter waren mild und die Auswirkungen der Coronapandemie unvorhersehbar, sodass ich das Boot im letzten Herbst auch im Wasser gelassen habe.

Doch die Temperaturen im zweistelligen Minusbereich ließen mich nachts wachliegen. Halten die Ventile das aus? Was ist mit den Cockpitlenzern? Und der Motor? Vor meinem inneren Auge lag das Boot bereits im weichen Schlamm am Grund des Hafenbeckens und nur noch der Mast markierte den Liegeplatz. Eigentlich hatte ich alles sorgfältig eingewintert. Es konnte also eigentlich nichts passieren – aber wenn doch?  

Kurzerhand checkte ich die Coronabestimmungen, setzte mich ins Auto und fuhr los. 24 Stunden durfte ich mich in den Niederlanden aufhalten, ohne anschließend in Deutschland in Quarantäne zu müssen. Vor Ort empfing mich dann ein beinahe surreales Bild: 18 Grad, Sonne und blauer Himmel. Nur vereinzelte Eisschollen im Hafenbecken verrieten noch, wie es wenige Tage zuvor vor Ort ausgesehen haben muss. Und: kein Tropfen Wasser im Boot. Das liegt jetzt knapp fünf Wochen zurück.  

Damals sah es so aus, als ob der traditionelle Saisonstart an Ostern vielleicht doch nicht der Pandemie zum Opfer fallen würde. Die Inzidenz lag bei 50, seit Mitte Februar leicht steigend, aber das sollte sich doch bis Ostern bessern? Impfkampagne und Lockdown sollten ausreichen, um an einen Osterurlaub zu glauben. Doch es wurde nicht besser.  

Heute, einen Tag vor Karfreitag, befinden wir uns mitten in der dritten Welle. Die vom RKI registrierten Fälle steigen, die Zahl der Intensivpatienten klettert ebenfalls nach oben. Ein zumindest in Teilen unbeschwerter Osterurlaub scheidet damit meiner Meinung nach aus.  

In diesen Zeiten muss jeder einzelne von uns eine gewisse Art von Verantwortung übernehmen. Eine Verantwortung sich selber und seinen Mitmenschen gegenüber. Dieses einfache Prinzip der Solidarität kann bereits dazu beitragen, dass wir die Pandemie schneller hinter uns lassen. Es könnte uns den entscheidenden zeitlichen Vorteil verschaffen, den die leider viel zu zögerliche Impfkampagne benötigt, um weitere Teile unserer Gesellschaft zu schützen. Der eigene Anspruch an Urlaub, Freizeit und Vergnügen (“Ich fliege jetzt nach Malle!”) wirkt dem meiner Meinung nach entgegen und zeigt wenig Respekt für die, auf deren Rücken es schlussendlich ausgetragen wird – wie beispielsweise dem Pflegepersonal. Dass wir im Falle einer Krankheit vergleichsweise weich fallen, stellt keine Selbstverständlichkeit dar.  

Der Urlaub auf dem eigenen Boot birgt definitiv weniger Kontaktmöglichkeiten als andere Arten zu reisen. Da mein altes Schätzchen weder Dusche noch Fäkalientank besitzt, kann ich aber Kontakte im Hafen nicht gänzlich ausschließen. Also bleibe ich zuhause, auch wenn es mir die bestehenden Regelungen doch irgendwie ermöglichen würden, Ostern an Bord zu verbringen. Eine Entscheidung, die ich – schweren Herzens – selber getroffen habe.  

Wer verantwortungsvoll und gewissenhaft handelt, kann also durchaus auch Zeit an Bord verbringen. Dazu zählt auch, sich an die bestehenden Regeln vor Ort zu halten und sich entsprechend zu informieren. Aufrufe in den sozialen Netzwerken, die Regeln zu missachten und einfach zu tun, worauf man Lust hätte, erfüllen mich hingegen mit Sorge. Die Segelcommunity, in der ich mich seit knapp drei Jahrzehnten bewege, nimmt aufeinander acht, steht füreinander ein und handelt stets verantwortungsvoll. Ostern können wir jetzt zeigen, dass dem noch immer so ist. 

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