Abenteuer Rheinwoche Teil II

Rheinsegeln: Wie bei einem Bungeesprung

Gefangen zwischen Berg- und Talfahrer. Der Pirat kreuzt lässig zwischen den Frachtern... © Tobias Moesgen

Abenteuer Rheinwoche Teil I

...Diese Soling übersteht die kritische Situation etwas unentspannter mit flatternden Segeln. © Tobias Moesgen

Hübsch soll er sein, der Rhein bei Oberwinter. Ich nehme mir fest vor, den Reiz der Landschaft zu inhalieren, den exklusiven Blick von der Wasserseite auf die Umgebung des Drachenfels zu genießen. Es scheint schließlich die Sonne. T-Shirt Segelwetter. Vollgepfropfte Ausflugsdampfern cruisen vorbei. Die Touristen haben lange Wege und hohe Preise in Kauf genommen, um sich die Schokoladenseite des Rheins anzusehen. Und wir? Schwupps sind die Sehenswürdigkeiten am Rolandseck durchgerauscht.

Man könnte gemütlich im Boot sitzen und die außergewöhnliche Rheinperspektive genießen. Aber es geht wieder banal um die Kunst des Nullstarts, ums Ausweichen, Wenden, Winddreher. Wie überall bei den Segel-Wettrennen dieser Welt. Schade eigentlich. Man kann eben nicht alles haben. Das Regattieren auf dem Rhein ist schließlich aufregend genug. Sogar eine Spur dramatischer und hektischer als anderswo. Denn zu den üblichen Strategie-Dimensionen der wechselnden Windstärke und -Richtung kommen zwei weitere hinzu. Strömung und Berufsschifffahrt.

Das Auslaufen aus dem Hafen kostet schon eine gewisse Überwindung. Wie vor einem Bungee-Sprung. Man springt ab und weiß, dass es kein Zurück gibt. Der Strom nimmt einen mit. Er nimmt alles mit, was sich nicht mit Motorkraft dagegen halten kann. Segler können sich bei genügend Wind allenfalls nahe dem Ufer gegen Vater Rhein stemmen. Die Strömung dort ist dort geringer. Aber es gibt einige Opfer, die zu früh über die Startlinie getrieben werden. Sie müssen warten, bis das gesamte Feld passiert. So wollen es die speziellen Rheinwoche Regeln. Zurück über die Linie können sie schließlich nicht.

Mit unserer Jongert 25 haben wir noch die besten Karten beim Kampf mit dem fließenden Wasser. Je schneller das Boot, umso einfacher ist das Manövrieren. Eine Minute vor dem ersten Start liegt das Gros der ersten Gruppe noch mit dem Heck zur Linie. Ein skurriles Bild. Mit schäumendem Bug und vollen Segeln versuchen sich die Schiffe von der Linie freizuhalten. Und sie treiben doch auf sie zu. Im richtigen Moment wird das Steuer herumgerissen. Die Startkreuz bis zum ersten Ziel in Mondorf beginnt.

Wir scheinen nicht sehr beliebt zu sein im Kreise der Rheinwoche-Starter. Eine Edel-Jongert mit Plastiksegeln und Kohlefaser-Rigg mag nicht gerade ein Sympathieträger sein in der Flotte der eher bodenständigen Varianta-, Zugvogel-, oder Sailhorse-Spezialisten. Wir sind nun mal keine 30er Schäre, denen die Herzen zufliegen. Sage mir, welches Boot du segelst und ich sage dir, wer du bist. Diese Erkenntnis passt oft genug in der Welt der Segler. Somit dürften wir mit dem schnellen 25 Fußer eine gewisse Arroganz ausstrahlen. Wissen ja wenige, dass wir uns das Schiff nicht selber aus der Portokasse gezahlt haben. Es ist eben ein sehr exklusives Clubschiff.

Durch diese Sichtweise unserer Außenwirkung gelingt es jedenfalls, den Startvorfall mit der Soling-Crew nicht persönlich zu nehmen. Die drei Herren mögen nicht, dass wir uns vor sie legen. Klar, Windschatten fände ich auch doof. Aber irgendwann ist der Rhein nun mal ebenso zu Ende wie die Rücksichtnahme auf kleinere Mitstreiter. Dabei will die genervte Soling-Crew sogar eine Regelverletzung erkannt haben und tut das lautstark kund. Es geht um eine abenteuerliche Interpretation des Regelwerks. Aber vermutlich liegt dem verbalen Ausbruch auch ein allzu menschliches Dampfablassen nach der enormen Vorstartspannung zugrunde. Wenn dann noch so ein arroganter Racer daher kommt, ist der ein willkommener Fluch-Adressat.

Es geht hektisch zu beim Start. Wenn die 120 Boote bei ordentlich Druck hin und her kreuzen. Als wäre es nicht schon genug Stress, den fiesen Schären-Bugspitzen auszuweichen, drängelt sich dann auch noch die geduckt vorwärts schäumenden Bergfahrer dazwischen, die entgegenkommenden Frachter. Sie teilen das Feld mit ihrem Bug. Das Startfeld ist für einen Rheinschiffer kaum ein Grund, vom Gas zu gehen. Diese Nähe zu den schwarzen Schuten ist ungewohnt. Sie erzeugt spontane Furcht, wenn sich die Distanz plötzlich verringert. Aber je länger das Rennen dauert, umso mehr werden sie zum gewohnten beweglichen Hindernis, das intelligent umfahren werden will.

Und dennoch rauscht das Adrenalin in den Adern, wenn sich wieder einmal einer dieser Geisterfahrer der Aufmerksamkeit entzieht.

Mehr im dritten Teil.

Abenteuer Rheinwoche Teil I

Ergebnisse:
Blaues Band (PDF)
Blassblaues Band (nach berechneter Zeit – PDF)

Rheinwoche Galerie Tobias Moesgen
Galerie Y Kayser

Carsten Kemmling

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Ein Kommentar „Abenteuer Rheinwoche Teil II“

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