Knarrblog: DK Sommertörn Anholt-Grenå-Thunø-Fredericia

Röhren und Wummern. Es saugt das Urlaubsgefühl aus dem Körper.

Motoren bei spiegelglattem Wasser. Immerhin scheint die Sonne

Von Carsten Kemmling

Die letzten Tages eines Segelurlaubs sind immer etwas grenzwertig. Plötzlich wird das Ziel wichtiger als der Weg. Man muss irgendwo zu einem bestimmten Zeitpunkt ankommen. Die Route ist vorgegeben, der Zeitplan auch. Genau das, was vorher überflüssig war. Man ließ sich vom Wind treiben. Mit grober Vorgabe zwar, aber ohne den Zwang des Ankommens. Je mehr das Gefühl für Zeit verloren geht, umso intensiver die Erholung.

Aber diese letzten Tage haben es in sich. Man hat sich zu weit vom Ziel entfernt, will die gleichen Häfen der Hintour lieber auslassen, muss aber jede Menge Meilen fressen. Es ist leicht, sich zu stressen. Wetter und Wind spielen ungern mit.

Wie bei uns. Erst knallen wir beim Rücktörn aus Schweden gegen einen starken Südwind an, den man bei der Grob-Planung nicht unbedingt erwarten konnte. Dann verflüchtigt sich die Wind-Energie und die Ostsee gibt sich spiegelglatt.

Für solche Momente hat der Mensch den Motor erfunden. Er schafft Unabhängigkeit von der Natur. Und in gewisser Weise macht er den Segler zum Verräter an der Idee des Fahrtensegelns. Cruiser sind nicht erschaffen worden, um bestimmte Ziele in bestimmter Zeit zu erreichen. Es geht um den Weg.

Es tut besonders weh, wenn man bei einem Schnellsegler wie der Dynamic 35 den Faltpropeller ausklappt. Der Hebel auf den Tisch steht diesem Schiff einfach nicht. Dieses Röhren, dieses Wummern. Es saugt das Urlaubsgefühl aus dem Körper.

Ich erwische mich beim Blick auf die Uhr. Wie schnell vergeht die Zeit? Wann kommen wir endlich an? Etwa vor einer Woche habe ich vergessen, dass ich eine Uhr trage. Der Wasserweg wird zur Autobahn. Und viele „Segler“ halten es genauso.

Wir tuckern an einem Zweimaster vorbei. Ein unförmiges Ding. Ein klassischer Windenergie-Vernichter. Aber er hat alles gezogen, was seine Besegelung hergibt. Die Tücher flappen im Wellengang unserer Heckwelle. Über Grund fährt er vermutlich rückwärts bei einem halben Knoten Gegenstrom. Die Besatzung hat sich zur Mußestunde unter Deck verzogen. Herrlich, wenn man so viel Zeit hat.

Die Crew ist nicht immer begeistert.

Ich ziehe für den Fall der Fälle meistens noch das Großsegel hoch. Um das Rollen zu verringen, um einen Zehntel Knoten rauszupressen, um das schlechtes Gewissen zu verdrängen.

In diesem Zusammenhang muss ich ein Wort über eine Spezies verlieren, denen dieses Gefühl absolut fremd ist. Motoboot-Fahrer. Ihre Gefährte sind nur zum Dasein, zum Ankommen, zum Segler ärgern gemacht. Der Weg muss eine Qual sein. Nur per Ohropax zu bewältigen. Ständiges Röhren, brausen, tanken.

Selten ist mir ihre Existenz so unangenehm aufgefallen wie in diesem Urlaub. Der Klischee-Mobo-Käptn ist schmerbäuchig, goldkettchenbehangen und laut. Aber so sind sie wirklich. Selbst auf Anholt. Die Nationalität spielt keine Rolle. Schweden, Dänemark, Deutschland, die Verhaltensmuster sind gleich.

Mit Spiegel-Sonnenbrille auf der Flybridge, den Joystick in der Hand. Mit dem kreischenden Brüllruder unter dem Bug, wird rückwärts Voll-Prollmäßig eingeparkt und einen Wellengang verursacht, der einem beim gemütlichen Läster-Hafen-Kino auf dem eigenen Schiff den Kaffe überschwappen lässt.

Jeder soll ja tun,  wozu er Lust hat. Da habe ich eine sehr tolerante Einstellung. Aber diese Motorbratzen nehmen die schönsten Plätze im Hafen weg. Den Rest versperren sie – zumindest auf Anholt – mit ihren großzügig verspannten Heckankern.

Denn es nervt ja schon, wenn man am Steg entlang läuft und auf ihren flimmernden Bildschirmen im Cockpit das heimatliche TV-Programm einsehen kann. Außerdem vermiesen sie jedes schöne Urlaubsfoto. Idylle war gestern, wenn eine Bratze im Bild erscheint.

Natürlich gibt es nette Brummi-Fahrer. Sie helfen schon mal beim Leinen annehmen, grüßen freundlich. Aber das sind diejenigen mit dem schlechten Gewissen. Sie verpesten die Luft, wir dagegen retten die Welt durch den Einsatz sauberer Windenergie.

Es sei denn, wir legen auch den Hebel auf den Tisch. Manchmal muss es eben sein. Nach zwei grenzwertigen Motoretappen kommt endlich der versprochene Nordwest. Zwar verbunden mit In Fredericia übergeben wir das Schiff. Der Urlaub ist zuende. Schön war´s!

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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