Rund Rügen Teil I

Super Sache, aber irgendwie auch zum Kotzen

Die virtuelle Segeltruppe von "Extra Dry" kurz nach dem Start in Stralsund. Holland Import Harmen steckt schon in froher Erwartung des möglichen Erfolgs den Sieger-Zigarillo an. © C. Kemmling

Die Sonne geht langsam unter, aber an Bord wird noch hart gearbeitet. © C. Kemmling

Das Gefühl kommt überraschend. Es beginnt mit einem leichten Schluckauf. Plötzlich krampft der Magen. Es ist drei Uhr nachts. Eben noch stand ich am Steuer unserer Hanse 400. Schemenhaft zieht in der Dunkelheit an Backbord die weiße Kreide-Küste vom Kap Arkona vorbei. Es ist eine fiese, kalte und sehr dunkle Nacht. An der Nordspitze Rügens ist etwa die Hälfte der Rund Rügen Regatta geschafft. Hinter der Ecke des Kaps schlägt der Sturm mit voller Wucht zu. Fallböen knallen von der Steilküste herunter. Der scheinbare Windspeed-Anzeige erreicht annähernd die 40 Knoten Marke. Trotz doppelt gerefftem Groß schießt das Schiff immer wieder in den Wind, wenn sich mit der Windstärke auch die Richtung ändert.

Brecher schlagen über das Vorschiff. Der Kahn bockt. Der Lärm betäubt die Ohren. Kommunikation ist nur schreiend möglich. Aber um diese Zeit in der Nacht mag sowieso niemand reden. Die Lichter der Konkurrenten tanzen auf den Wellen. Eine Salona 37 taucht plötzlich in Lee auf, als sie unkontrolliert in den Wind schießt. Rechtzeitig strahlt die Crew per Taschenlampe das wild schlagende Großsegel an und nimmt es schließlich ganz weg. Es sieht so aus, als würden wir wieder einen Gegner einsacken. Die X 99 in Luv ist schon in der letzten Bucht verschwunden. Sie bricht das Rennen ab.

Eigentlich macht es Spaß, die Hanse durch die Wellen zu steuern. Der Bug setzt auf dem holprigen Parcours relativ kontrolliert ein. Das Steuerrad kann mit zwei Fingern geführt werden. Aber Harmen rückt immer näher. Wir sind acht Leute an Bord. Jeder will mal ans Rad. Und mir fallen die Augen zu. Also Ablösung. Ich orientiere mich noch, wo die Konkurrenz liegt. Aber ab sofort ist das nicht mehr mein Thema.

Ich stolpere den Niedergang herunter. Die Innereien des Bootes sind in der Kajüte verteilt. Taschen und Polster liegen auf dem nassen Gennaker, den wir nach dem Bruch des Falls im Wasser aufgesammelt haben. Ein Platz auf dem stampfenden Boden ist noch frei. Er liegt nahe des Schiffs-Drehpunktes. Dort sollten die Bewegungen am schwächsten sein. Eingepackt in dickes Offshore Ölzeug hoffe ich, etwas schlafen zu können. Aber unter Deck ist es extrem laut. Eine Türe klappert irgendwo im Vorschiff. Unrhythmisch, nervig. Ich kann mich nicht aufraffen, das Geräusch abzustellen.

Ich mache die Augen zu. Denke an die warme Tomatensuppe, die Harmen eben beim Steuern gereicht hat. Sie hat so schön die Finger gewärmt. Und den Magen…Gulp. Da ist es dieses Gefühl. Der Magen krampft. Ich rutsche zum nahen Klo, schiebe Matthias zur Seite, der sich dort schon häuslich niedergelassen hat und schwupps, weg ist die Suppe. Man sollte wohl die Seeventile aufmachen. Aber danach ist mir nicht.

Mist, jetzt geht es doch los. Ich dachte, diese Körperfunktion im Griff zu haben. Ich weiß, dass ich nicht extrem anfällig bin aber sicher auch nicht immun. Vor Guernsey hat es mich auf einem 70 Fußer einmal heftig erwischt. Strömung gegen heftigen Wind…ich wollte mich schon abbergen lassen. Aber nach drei großen Heftgeschichten in der YACHT zum Thema Seekrankheit bin ich geradezu ein Spezialist. Ich habe zu wissenschaftlichen Zwecken im Wellenbad in einer Rettungsinsel gesessen, mir Blut abnehmen lassen und auf den Brech-Impuls gewartet. Es ging darum, ob Vitamin C gegen das Übel hilft. Der österreichische Professor Reinhart Jarisch wollte das herausfinden.

Bei mir und vielen anderen scheinen zwei Gramm Vitamin C am Tag zu helfen, so ein Ergebnis der Studie. Aber vor der Rund Rügen Langstrecke waren die Vitamin-C-Lutschtabletten in der Apotheke ausverkauft. Und dann ist wohl auch die Tomatensuppe nicht hilfreich. Jarisch erste Regel zur Seekrankheits-Verdrängung heißt: “Vor und während des Törns auf stark histaminhaltige Nahrung verzichten. Auf dieses Weise wird die unnötige Aufnahme von körperfremdem Histamin vermieden”.

Erlaubt sind demnach alle frischen Speisen mit Ausnahme von Spinat und Tomaten! Und was enthält eine Tomatensuppe? Richtig, vermutlich Tomaten. Da ist sie die Wurzel des Übels. Das Problem mit der Seekrankheit ist der große Einfluss der Psyche. Es kann ja auch sein, dass allein der Gedanke an die fatale Tomatensuppe ausreicht, damit es klick macht und das Gehirn auf “Gulp” umschaltet. Keine Chance für eine schlüssige Erklärung.

Rotwein, Weizenbier, haltbar gemachte Nahrung wie Salami, Hartkäse oder Dosen Thunfisch sollen übrigens auch absolute Killer sein. So hatte Matthias am Stralsunder Fischbrötchen Stand einer hübschen Makrele den Garaus gemacht. Die hat natürlich überhaupt keine Probleme damit, sich zusammen mit der Tomatensuppe frei zu schwimmen.

Ohne Suppe im Magen stellt sich Erleichterung ein. Jetzt endlich schlafen. Alles scheint gut. Aber plötzlich krampft es wieder. Ich gehe raus an die frische Luft. Schleppe mich ins Cockpit. Der Wind heult. Die Zähne schlagen aufeinander. Es ist bitter kalt. Nicht genug angezogen? Kälte ist auch ein Übel-Beschleuniger. Mann, ist das nervig. Im zehn Minuten Abstand ziehen sich die Bauchmuskeln zusammen. Fremdgesteuert. Als hätte ich eines dieser elektrischen Muskel-Trainingsgeräte umgeschnallt. Gutes Six-Pack-Training, rede ich mir ein. Der Muskelkater stellt sich jetzt schon ein.

Dabei hatte alles so schön angefangen. Wir sind mit unserer virtuellen Team Race Truppe Extra Dry unterwegs. Acht Menschen, die oft beim Computer-Segeln mit der Virtual Skipper Software per Headset miteinander gelacht, gezittert und geschrien haben. Aber die wenigsten kennen sich von Angesicht zu Angesicht. Ein Holländer, ein Ammerseer, ein Rostocker, ein Schweriner, zwei Rheinländer aus Hamburg, ein Berliner, ein Steinhuder. Ein echtes Segeln-Blind-Date.

Dazu mehr im zweiten Teil

Meine alten YACHT Stories zum Thema:
auf yacht.de unter quicklink “seekrank” eingeben.
http://www.yacht.de/pdf/seekrankheit_y0105.pdf
http://www.yacht.de/pdf/seekrankheit_y2407.pdf

Carsten Kemmling
avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden
https://yachtservice-sb.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *