SR trifft Andreas Gabriel am Rhein. Die Bilanz nach einem Monat.

Das Geheimnis des Geschichtenerzählers

Idyllisches Nachtlager in einem Rheinarm. Das Minizelt steht immer neben dem Kajakmaran. © A. Gabriel

SegelReporter Andreas John hat Andreas Gabriel, den Mann mit dem selbstgebauten Kajakmaran gegen Ende der Rhein-Passage in Oberwesel getroffen. Er ist der Faszination dieses Mannes schon bei den ersten Interviews in Tönning erlegen.

Nun wollte er wissen, wie der Abenteurer den ersten Monat hinter sich gebracht hat. 650 Straßenkilometer gen Süden. Wie funktioniert das System? Warum helfen ihm die Menschen? Wie wird er satt ohne Geld? Woher bekommt er den Sprit für seinen kleinen Quirl?

John trifft ihn auf einer fünf Meter hohen Spundwand am Rhein. Der Fluss strömt vorbei. Sehr schmal durch den notorischen Niederschlagsmangel der vergangenen Wochen. Wenn die Schuten bergab rauschen scheint kaum noch Platz am Rand für Gabriels abenteuerliche Kajak-Konstruktion.

Die Heckwellen schäumen die Böschung hinauf. Wie hat er das bloß geschafft? „Der Rhein hat mich mächtig durchgeschüttelt“, sagt Gabriel. „Ich war darauf vorbereitet. Man hatte mich gewarnt. Aber das war wirklich kein Mädchenkram.“

Der Mann sieht gut aus. Das Haar ist blonder geworden, der Bart dichter, die Bräune tiefer. Das Lachen ist so natürlich und ansteckend wie vor einem Monat beim ersten Treffen. Gabriel sprüht vor positiver Energie.

Ein kurzes Hallo, eine herzliche Begrüßung und schon stecken wir tief drin in seinen Abenteuern der letzten Wochen. Das ist seine Welt. Andreas Gabriel ist ein Geschichtenerzähler, ein Unterhalter. Wie ein Stammesältester am Lagerfeuer. Er erlebt und lässt die Menschen teilhaben. Nicht wie ein nerviger Straßenkünstler, der nach seiner Darbietung den Hut hinhält.

Der Mann mit der gelben Jacke plakatiert keine Vorführungen. Es gibt kein Anfang und kein Ende nach Plan. Mit ihm kommt man einfach ins Gespräch, ist fasziniert und mittendrin in seiner Strory. Es entsteht das Bedürfnis, Teil seiner Geschichte zu sein. Irgendwann. Ganz subtil. Man gibt, was weiterhilft.

Ohne Zwang oder Nötigung. Gabriel geht mit seinen Stories in Vorleistung. Er nimmt die Menschen mit auf seine Reise. Er verlangt keine Gegenleistung. Und genau deshalb bekommt er sie.

Wie das konkret funktioniert? „Ich frage immer nur nach einem Platz zum Anlegen und für mein kleines Zelt“, sagt Gabriel. Danach scheint alles wie von selbst zu gehen. Die Menschen sind neugierig und erkundigen sich nach dem komischen Vogel mit der Öljacke und dem auffälligen Gefährt.

Der Mann ist ein Meister der Kommunikation. Er spricht Leute an ohne Scheu. Ganz natürlich. Egal ob Bürgermeister, Sportvereinspräsident oder Rentner. Höflich, respektvoll, mit Demut. Aber es schillert sein Selbstbewusstsein. Die Gespräche sind spannend. Durchdrungen von einer gewissen Magie. Unglaublich, wie sie funktioniert. Ein Beispiel erlebe ich live mit.

Ich lade ihn zum Essen ein in Oberwesel. Er antwortet: “Wenn du magst, gerne, freue mich darauf.” Ehrlich, aufrichtig, nett. Ein Rentner auf dem Abendspaziergang zeigt uns den Weg zum „Lämschen“.

Zwei Rumpsteaks, Bier und Wein, garniert mit spannendem Gespräch. Andreas erzählt von seinen Erlebnissen. Schnell sind drei Stunden vergangen. Ich lasse die Rechnung kommen. Der Wirt kassiert persönlich die 39 Euro. Er setzt sich an unseren Tisch und erkundigt sich: „Macht ihr Urlaub?“

Plötzlich rauscht die Chefin in weiß aus der Küche. Sie zischelt dem Wirt ins Ohr. Ich höre Wortfetzen. “Habsch en Anruf bekommen…gib ihnen das Geld wieder raus!” Der Wirt gehorcht. Ich bin verwundert, lehne ab. Aber der Mann lässt sich nicht beirren. Lächelnd sagt er: “es isch wie es isch.”

Ich zögere. Andreas war kurz draußen und steht jetzt hinter mir. “Nimm es an, der Herr hat recht.” Draußen brauche ich so meine Zeit das alles einzuordnen. Wir wissen nicht, wer uns eingeladen hat. Andreas glaubt, es war der Bürgermeister, den er gestern kennenlernte. Sein Motorboot lag neben dem Kajakmaran am Steg. Spontan lud er Andreas am nächsten Morgen zum Frühstück auf seinen Weinberg ein.

Aber der war es nicht. Andreas schickt die Auflösung später per SMS: “Für unser Essen verantwortlich: Bertil M. Nicht der Bürgermeister, ein Kumpel von ihm, Tiefbauer – geile Type ! Ich habe den Hafen grad verlassen mit noch 60 € mehr, Wein und zu essen. Ich danke! Sitze hier ganz ruhig und bin sprachlos über das alles!“

Jeden Tag erlebt Gabriel ähnliche Stories. Nicht alle starten von Anfang an positiv. Zum Beispiel der erste Tag in Oberwesel. Der Doppelkajak-Skipper erzählt: „Auf der Karte war hier ein Yachthafen eingezeichnet. Nun bog ich aber ab in ein Hafenbecken mit ein paar Sand und Kiesschuten. Mit dem Fernglas im Anschlag fand ich drei Schwimmschlengel mit 20 cm Tiefe – gerade ausreichend für meine Karre.

Aber eigentlich war alles da: nebenan 1a Sportplätze, wo ich vielleicht duschen könnte. Da habe ich am Abend während des Trainingsbetriebes den Verantwortlichen gesucht, der das hätte entscheiden können.

Er musste sich aber an den Präsidenten wenden, und der sagte mit ganz ernstem Gesicht: NEIN, geht nicht… Nach einer Pause…Es sei denn, wenn ich ein Probetraining absolviere. Ich lasse spontan meine Tasche fallen, raffe die gelbe Öljacke zusammen und sprinte einmal auf und ab, sage „puh, ganz verschwitzt“. Der Präsident lächelt und zeigt Richtung Dusche.“

In Bröhl ist es auch erst zäh. Gabriel merkt, dass er hier nicht willkommen ist. Der Hafenmeister mag ihn nicht umsonst liegen lassen. Er vertagt die Entscheidung, der Feierabend ruft.

Der Nordfriese bemerkt, dass das Clubhaus gerade gestrichen wird. Das Sockel-Blau auf der Rückseite fehlt noch. Gabriel erfragt, wo die Farbe gelagert wird. Er macht sich an die Arbeit. Noch am Abend ist alles fertig. Das Eis ist gebrochen. Der Hafenmeister reagiert am nächsten Morgen perplex. Er treibt eine Tüte mit Brötchen auf, die er Gabriel als Proviant mitgibt.

Was macht die Faszination dieses Mannes aus? Er erklärt es so: „Vielleicht habe ich mir erhalten, was normalerweise schnell verloren geht. Das kindliche Urvertrauen. Damals glaubte man doch, dass alles irgendwie schon passen wird. Und das tut es auch. Manchmal sollte man einfach sein Leben leben und nicht so viel an morgen denken.“

Recht hat er. Eine schöne Philosophie. Anwendbar auf viele Lebenslagen. Auch auf unser SR-Abenteuer. Manchmal kommt im Tageschaos dieses Urvertrauen abhanden. Diese Gabriel-Coaching Einheit macht es wieder sehr präsent. Eine Lektion, die ich so schnell nicht vergessen werde.

Zum Thema:

3. Teil SR-Interview “Frei von schlechten Gedanken”
2. Teil SR-Interview “Jetzt spinnt er total”
1. Teil SR-Interview “Ich wollte nur Äpfel und Zwiebeln”

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Andreas John

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