Kielzugvogel-Törn: Mit Uralt-KZV über die Nordsee nach Vlieland

Die perfekte Welle

Mädchensegel an KZV-Palme © Stefan und Kai

Mädchensegel an KZV-Palme © Stefan und Kai© Mauer/Kording

Bodenbretter als Signalgeber

Die Stimmung ist famos, bis das Wetter zu seiner alten Form zurück findet: Regen und mächtig Wind bedeuten Wasser von allen Seiten. Die Bodenbretter mutieren zum Signalgeber: Wenn sie aufschwimmen, wird die Kiste hoch an den Wind gestellt und einer geht nach Lee und pumpt, bis sie wieder an ihrem Platz liegen.

Der Kieler läuft prächtig und mit dem Strom im Rücken ist das Land bald außer Sicht. Nach einer Weile hellt sich das Wetter auf und der Windspeed sinkt auf 4-5 Bft.

Die Stimmung steigt: Zeit für Filmaufnahmen. Klappe die erste: „Kamera schaut nach achtern. Der Rudergänger starrt hypnotisierend auf das Hand-GPS. Er kommentiert hysterisch und mit Nachkommastellen die zweistellige Reisegeschwindigkeit“. Als der Kameramann bei rund 11 Knoten bugwärts schwenkt, entdeckt er eine riesige Fahrwassertonne direkt voraus. Das Manöver des letzten Augenblicks verdient seinen Namen, vermeidet Kleinholz und bringt die Frage auf, ob das Boot überhaupt versichert ist.

Zwischen Insel und Sandbank laufen knapp 4 Knoten Strom und die Kreuzerei wird eine zähe Angelegenheit. Es geht so gut wie nicht voran, aber der Stolz verbietet, vorbei motorende Yachten um Schlepp zu bitten. Nach 1 Stunde ist es geschafft.

Kopfschütteln nach 50 Wenden

An der Mole stehen zahlreiche Segler, die das schlechte Wetter am Auslaufen gehindert hat. Die tun das, was Yachties bei solchen Anlässen tun: Hände in die Hosentaschen und aufs Wasser gucken. Das Verfolgen der letzten 50 Wenden muss der Grund dafür sein, dass einige immer noch den Kopf hin und her drehen, als das Boot endlich in den Hafen segelt.

Zugvögel sind in Holland so gut wie unbekannt, und das Holzschiff ist mit seinen Decksintarsien eine echte Augenweide. Rund 20 Seemeilen Abstand zum Festland bei gefühlten 2 Windstärken zuviel für eine Nussschale, die bei 4 Knoten Strom von einer außenbords hängenden Besatzung in den Hafen gesegelt wird – die Yachties gaffen wie die Ölgötzen.

Sind Sie lebensmüde?

Der Hafenmeister weist einen Liegeplatz am Hauptsteg unterhalb der Mole zu. Innerhalb der nächsten 15 Minuten schlendert der gesamte Hafen vorbei, um einen Blick auf das schöne Boot samt Inhalt zu werfen.

Rasch ist der Steg mit Ausrüstungsgegenständen bedeckt, dann werden die Bodenbretter aufgenommen. Eine holländische Yacht spendiert heiße Senfsuppe. Als Revanche wird wassergekühltes Bier aus der Bilge gereicht.

"Wo schlafen Sie denn?" © Kai und Stefan

“Wo schlafen Sie denn?” © Mauer/Kording

Vorsichtige Fragen werden gestellt: Von „wo schlafen Sie denn?“ (ein deutscher Segelschüler) über „sind Sie eigentlich lebensmüde?“ (eine rüstige Holländerin) bis zu „is this a four-twenty“ (ein englischer Einhandsegler). Als die Pumpe trocken läuft, kommt das Parkett wieder rein und wird trocken gewischt, um zwei Isomatten und Schlafsäcke aufzunehmen. Eine Ganz-Persenning bedeckt die Schlafstatt, als die beiden mit Bierdosen bewaffnet dem Dörfchen Oost Vlieland zustreben.

Die Dosen sind nur der Anfang, denn es gilt, die Nacht kurz und den Schlaf fest zu gestalten. Das geht eine Weile gut, bis Schauerböen um 7 die Baumwollpersenning so beackern, dass es im Schiffsbauch zu tropfen beginnt…

Unter Persenning = dunkel, aber (fast) trocken © Kai und Stefan

Unter Persenning = dunkel, aber (fast) trocken © © Mauer/Kording

Morgens signalisiert  das Heulen in den Wanten eine mehr als steife Brise, die sich laut Bericht erst im Tagesverlauf abschwächt. Der Folgetag soll sonnig werden, die Vernunft befiehlt Ruhe bewahren.

Als nachmittags wirklich der Wind nachlässt, wird die Persenning leeseitig aufgemacht. Die beiden nutzen den Layday im windgeschützten Cockpit zum Chillen. Sie kontrollieren die Bilge und stellen fest, dass das Bier schön kalt ist und am besten schmeckt, wenn gute Freunde in Ruhe quatschen können. Und die Zeit dann wie im Flug vergeht.

17 Kommentare zu „Kielzugvogel-Törn: Mit Uralt-KZV über die Nordsee nach Vlieland“

  1. avatar Peter sagt:

    wunderbar!

  2. avatar Mirko sagt:

    Balsam für die Ü40-Seele! Toll!

  3. avatar o.h. sagt:

    Das einige Leute immer glauben man müsste mind. 40ft unterm Hintern haben um sich aufs Meer zu trauen. Dabei sind die Menschen schon immer mit wesentlich kleineren und offenen Eimern übers Meer gefahren.

  4. avatar Sven Gräpel sagt:

    Wie genial ist das denn!? Supertrip und sehr kurzweilig geschrieben.

  5. avatar Schärenkreuzer sagt:

    so gut möchte ich auch gerne segeln können…!
    Diese Art Berichte sind mMn das Beste,
    was in den einschlägigen Segelmedien publiziert wird!
    Danke

  6. avatar T.K. sagt:

    Wunderbarer Artikel, ähnliches haben wir mit unserem Zugvogel bis vor 16 Jahren auch gemacht – allerdings als Schwertversion 😉

    BTW: Die Waddenzee ist NICHT die NORDSEE! Auch wenn dort das gleiche salzige Wasser ist, so ist es doch etwas anderes als die Nordsee.

  7. avatar Minnisemmel sagt:

    Sehr genial!
    Das lockt doch zum Abenteuer!
    Mit wie wenig man doch sooo viel bekommen kann! Daran werdet Ihr Euch noch im hohen Alter mit wackelnden Köpfen erinnern können und Eure Enkel werden das nicht glauben. Tolle Opis! 😉
    Mehr davon!

  8. avatar Andreas Lackner sagt:

    Da werden Erinnerungen an meine Segel-Anfänge wach… und am Mattsee im schönen Salzburger Land gibt’s immer noch (Kiel-)zugvögel…

  9. avatar Jense sagt:

    Sensationell !! Vielen dank mauersegler und kaipirinha !! See u @ rumtopf-Regatta in essen . Cheers Jense

  10. avatar Rainer S. sagt:

    Super Artikel,
    macht Lust auf Segeln und erinnerte mich an spaßige gemeinsame Erlebnisse aus alten Laserzeiten.

  11. avatar Axel W. sagt:

    Toll!

    Der schönste Bericht den ich zum Thema in letzter Zeit gelesen habe, gekonnt geschrieben, macht Spaß zu lesen, da bekomme ich Lust selbst loszusegeln.
    Ich bin selbst (stolzer) Eigner einer Förjolle Bj 1963, das Boot ähnelt einem Schwertzugvogel ist jedoch mit einer Trapezeinrichtung und dem Rigg eines Kielzugvogels bestückt. Die Förjolle ist wie die Zugvögel von Herrn Lehfeld konstruiert worden. Ich habe es in mehreren Jahren von den Rumpfplanken an neu aufgebaut und bin in den letzten Tagen fertig geworden. Dieses Jahr wirds wohl nichts mehr, aber auf nächstes Jahr freue ich mich schon sehr…

    Bitte schreibt mal wieder so einen klasse Bericht.

  12. avatar Johannes sagt:

    Hi Stefan, super Trip und toller Artikel mach weiter so… Wir sehen uns… Und vielleicht mal aufem Wasser

  13. avatar Kl.brise sagt:

    Hi Jan-Himp, sooo lässig.
    Klasse geschrieben und natürlich gesegelt, aber das Du beides kannst, das weiss ich ja.
    Lg kl.Brise

  14. September 2012 hab ich den Artikel schon einmal gelesen, dank meinem fortgeschrittenen Alter habe ich inzwischen erfreulicherweise die Hälfte schon wieder vergessen, so das ich ihn heute mit mindestens dem selben Genuss noch einmal gelesen habe…
    Ist inzwischen ein weiterer KZV-Törn hinzugekommen von dem ich noch nichts weiß?

  15. Mega Cool so ein Trip! Das inspiriert zu eigenen Abenteuern. Bei uns nahe München gibt’s leider nur kleinere Seen.

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