Kielzugvogel-Törn: Mit Uralt-KZV über die Nordsee nach Vlieland

Die perfekte Welle

Gleich ist sie da, die perfekte Welle… © Kai und Stefan

Gleich ist sie da, die perfekte Welle… © Mauer/Kording

Eine Armada durchs Watt

Der nächste Morgen bestätigt die Vorhersage. Strahlender Sonnenschein und  3-4 Windstärken aus Süd-West sind wie gemalt für den Heimweg. Auch die Tide läuft gut. Gegen Mittag ist alles aufgeklart, von Sturm- auf Normalgroß gewechselt. Im Gegensatz zum Hinweg nutzt diesmal eine Armada von Yachten und Plattbodenschiffen das gute Wetter zur Reise durch das Watt.

Der Zugvogel kommt bei Wind und Welle leicht ins Gleiten. Die Bedingungen sind wie gemalt und der alte Knickspanter macht im Nordseeschwell leichte Beute. Ein ums andere Schiff wird kassiert und viele der Passierten entpuppen sich als Schaulustige vom Vortag, die begeistert winken.

Irgendwann nähert sich die Katamaranfähre „Vlieland“ in Luv und belegt den Kieler mit einer gnadenlosen Abdeckung. Diese Chance nutzt eine moderne 14m Yacht und zieht vorbei. Ein hartes Rennen beginnt. Die Crew kämpft um jeden Meter und pumpt den Zugvogel mit raumen Schoten die Wellen hinunter. Auf den geringen Tiefgang bauend verlässt die Crew die Fahrrinne um Weg zu sparen. Zu ihrem Erstaunen kopiert der mehr als doppelt so lange Goliath die Idee und fährt kurzerhand den Hubkiel ein.

Die perfekte Welle

Die ungleichen Konkurrenten sind noch 4 sm von Harlingen entfernt. Durch den niedrigen Wasserstand und die schützenden Sandbänke haben selbst drei bis vier Windstärken keine Auswirkungen mehr auf die Wasseroberfläche. Zu wenig Welle, um den wanderfahrenden Kieler ins Gleiten zu bringen. Goliath setzt sich ab.

Da passiert etwas ganz Erstaunliches. Eine Welle taucht auf. Eine große Welle. Eine lange Welle. Fast surreal anzusehen mitten in diesem Flachwasser: Die Heckwelle der Katamaranfähre. Die perfekte Welle!

Rangefahren, abgefallen, angepumpt und ab geht die Post. Die beiden reißen an den Schoten und surfen das alte Holz bis zum Kiel aus dem Wasser. Wieder und wieder die gleichen Bewegungen: Anluven, dichtholen, abfallen, fieren und pumpen, pumpen, pumpen, um diese eine Welle ja nicht zu verlieren. Wellenreiten ohne Strand!

Goliath hat das Rennen verloren; die Welle hat die beiden Davids vorbei gespült und 500m Vorsprung verschafft, die sie locker nach Hause fahren. Die Hafeneinfahrt von Harlingen markiert den Zieleinlauf nach 2 Stunden und 48 Minuten. Der alte Zugvogel ist die 21 Seemeilen gemittelt mit fast 8 Knoten geflogen und hat nur eine Stunde länger gebraucht als die 70m lange Fähre mit 4 x 850PS.

Das beindruckt auch den Skipper einer stattlichen Motoryacht, der die Jungs auf der Nordsee passierte und hier in der Hafeneinfahrt festgemacht hat. Er springt von seinem Nachmittagstee auf, rennt zur Reling und ruft „great sailing, great sailing“.

…und wieder raus mit den Plünnen © Kai und Stefan

…und wieder raus mit den Plünnen © Mauer/Kording

Zugvögel zieht es im Herbst nach Süden. Dieses Ziel steuert der hölzerne Verwandte noch am gleichen Abend wieder an: hochgeslippt, abgeriggt, verpackt, angehangen und ab auf die Autobahn. Ganz automatisch wie nach so vielen Regattawochenenden, früher. Die beiden Freunde denken an das nächste Reiseziel. Wozu hat man so ein schnelles, seetüchtiges Schiff?

 

17 Kommentare zu „Kielzugvogel-Törn: Mit Uralt-KZV über die Nordsee nach Vlieland“

  1. avatar Peter sagt:

    wunderbar!

  2. avatar Mirko sagt:

    Balsam für die Ü40-Seele! Toll!

  3. avatar o.h. sagt:

    Das einige Leute immer glauben man müsste mind. 40ft unterm Hintern haben um sich aufs Meer zu trauen. Dabei sind die Menschen schon immer mit wesentlich kleineren und offenen Eimern übers Meer gefahren.

  4. avatar Sven Gräpel sagt:

    Wie genial ist das denn!? Supertrip und sehr kurzweilig geschrieben.

  5. avatar Schärenkreuzer sagt:

    so gut möchte ich auch gerne segeln können…!
    Diese Art Berichte sind mMn das Beste,
    was in den einschlägigen Segelmedien publiziert wird!
    Danke

  6. avatar T.K. sagt:

    Wunderbarer Artikel, ähnliches haben wir mit unserem Zugvogel bis vor 16 Jahren auch gemacht – allerdings als Schwertversion 😉

    BTW: Die Waddenzee ist NICHT die NORDSEE! Auch wenn dort das gleiche salzige Wasser ist, so ist es doch etwas anderes als die Nordsee.

  7. avatar Minnisemmel sagt:

    Sehr genial!
    Das lockt doch zum Abenteuer!
    Mit wie wenig man doch sooo viel bekommen kann! Daran werdet Ihr Euch noch im hohen Alter mit wackelnden Köpfen erinnern können und Eure Enkel werden das nicht glauben. Tolle Opis! 😉
    Mehr davon!

  8. avatar Andreas Lackner sagt:

    Da werden Erinnerungen an meine Segel-Anfänge wach… und am Mattsee im schönen Salzburger Land gibt’s immer noch (Kiel-)zugvögel…

  9. avatar Jense sagt:

    Sensationell !! Vielen dank mauersegler und kaipirinha !! See u @ rumtopf-Regatta in essen . Cheers Jense

  10. avatar Rainer S. sagt:

    Super Artikel,
    macht Lust auf Segeln und erinnerte mich an spaßige gemeinsame Erlebnisse aus alten Laserzeiten.

  11. avatar Axel W. sagt:

    Toll!

    Der schönste Bericht den ich zum Thema in letzter Zeit gelesen habe, gekonnt geschrieben, macht Spaß zu lesen, da bekomme ich Lust selbst loszusegeln.
    Ich bin selbst (stolzer) Eigner einer Förjolle Bj 1963, das Boot ähnelt einem Schwertzugvogel ist jedoch mit einer Trapezeinrichtung und dem Rigg eines Kielzugvogels bestückt. Die Förjolle ist wie die Zugvögel von Herrn Lehfeld konstruiert worden. Ich habe es in mehreren Jahren von den Rumpfplanken an neu aufgebaut und bin in den letzten Tagen fertig geworden. Dieses Jahr wirds wohl nichts mehr, aber auf nächstes Jahr freue ich mich schon sehr…

    Bitte schreibt mal wieder so einen klasse Bericht.

  12. avatar Johannes sagt:

    Hi Stefan, super Trip und toller Artikel mach weiter so… Wir sehen uns… Und vielleicht mal aufem Wasser

  13. avatar Kl.brise sagt:

    Hi Jan-Himp, sooo lässig.
    Klasse geschrieben und natürlich gesegelt, aber das Du beides kannst, das weiss ich ja.
    Lg kl.Brise

  14. September 2012 hab ich den Artikel schon einmal gelesen, dank meinem fortgeschrittenen Alter habe ich inzwischen erfreulicherweise die Hälfte schon wieder vergessen, so das ich ihn heute mit mindestens dem selben Genuss noch einmal gelesen habe…
    Ist inzwischen ein weiterer KZV-Törn hinzugekommen von dem ich noch nichts weiß?

  15. Mega Cool so ein Trip! Das inspiriert zu eigenen Abenteuern. Bei uns nahe München gibt’s leider nur kleinere Seen.

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