50 Jahre Knierim: SR-Interview mit Gunnar Knierim über “Varuna”, Murmann und den Cupper

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Am 6. Januar 1965 gründete Bootsbaumeister Günther Knierim in einem alten Rettungsschuppen die Knierim-Werft. Was in Laboe einst mit Reparaturen von Fischkuttern, Yacht-Refits und ersten Kasko-Bauten aus Sperrholz seinen Anfang nahm, ist heute zu Deutschlands führender Werft für Highend-Yachten in Custom-Bauweise avanciert.

Seit einem halben Jahrhundert baut die Kieler Knierim Yachtbau GmbH am Nordostseekanal  besondere Boote unter Verwendung modernster Fertigungstechnologien, die stets für Furore sorgten. Dafür stehen Namen wie „UCA (2003), „Container“ (2009), „Bank von Bremen“ (2006), „Varuna“ (2012) oder der America´s Cupper „Germany I“ aus 2006.

Segelreporter war zu den Jubiläumsfeierlichkeiten am Wochenende vor Ort und interviewte Weftchef Gunnar Knierim.

SR: Gunnar, 50 Jahre Knierim Yachtbau. Wie viele Yachten haben seit 1965 die Werfthallen verlassen und was geht einem da zum runden Geburtstag durch den Kopf?

GK: Über 50 verschiedene Yachten sind es bis heute. Aber wir haben irgendwann aufgehört zu zählen, da wir immer die Optis vergessen haben – allein das waren über 100 (lacht). Aber 50 Jahre sind in der Tat eine lange Zeit. Und das ist für uns ein guter Anlass, das mal Revue passieren zu lassen, sich an alles zu erinnern, was man so gemacht. Und da gab es ja Vieles: Von der Gründungsphase in den 60ern über den Umzug in die neuen Werfthallen bis hin zu immer wieder neuen, spannenden Großprojekten.

SR: Wenn Du mal die für die Werfthistorie wichtigsten Yachten benennen solltest, welche wären das?

GK: Für eine Werft sind im Bau alle Yachten wichtig. Aber die spektakulärsten sind sicherlich die Planet Solar und das AC-Boot, das immerhin der erste deutsche Cupper war. Da war das Medieninteresse etwas ganz Besonderes. Auch die erste UCA war ein Meilenstein für die Werft: Einen 86-Füßer in Kohlefaser zu bauen, das macht man ja nicht alle Tage. Der Bau von UCA war eine neue Dimension für uns im Bootsbau.

SR: Eigentlich fing Vater Günther Knierim ja, wie viele Werften damals, ganz klassisch mit Reparaturen und dem Bau von ersten Sperrholzbooten an. Wie kam es zur Spezialisierung auf leichte, schnelle Regatta-Yachten?

Varuna Knierim

Die Ker 51 “Varuna” sorgte für großes Aufsehen in der internationalen Segelszene. © Knierim

GK: Mein Vater Günter hat früh mit dem Regattasegeln angefangen und schnell erkannt, dass leichte Boote schneller sind. Das hatten die Italiener und Neuseeländer eindrucksvoll vorgeführt. Deshalb hat er schon früh Zedernholz und auch Wabe eingesetzt, selbst bei kleinen Yachten. Wir haben das nur konsequent fortgeführt.

SR: Günther Knierim konnte mit Konstrukteur Georg Nissen und Segelmacher Niels Springer 1983 die Mini-Tonner WM gewinnen. Du selbst hast es 10 Jahre später den Admiral´s Cup auf der Illbruck geholt. Halfen diese eigenen Erfolge, um in dem Regatta-Segment Fuß zu fassen?

GK: Unbedingt. Entweder bist Du in der Szene involviert oder fällst hinten runter. Um bei Ideen ernst genommen zu werden, helfen natürlich eigene Erfolge. Ich wäre momentan gern öfter dabei, aber das passt leider oft zeitlich nicht mehr.

SR: 2001, kurz nachdem Werftgründer Günther Knierim das Ruder aus der Hand gab, kam es zum Umzug von Laboe an den Nordostseekanal. Warum eigentlich?

GK: Das Gelände in Laboe war wunderschön, wurde aber letztlich zu klein. Wir hätten dort unsere Ideen und Projekte nicht mehr umsetzen können. Der Großteil der in den letzten Jahren gebauten Yachten wie „UCA“, „Caro“ oder „Varuna“ wäre dort logistisch nicht möglich gewesen.

SR: Der jüngst verstorbene Unternehmer und ehemalige Arbeitgeberpräsident Dr. Klaus Murmann, der zeitlebens ein begeisterter Regattasegler war, ließ bei Euch 2002 seine UCA bauen, die als schnellstes Schiff die Daimler Chrysler North Atlantic Challenge gewann (2003). Murmann investierte auch in das Unternehmen. Was bedeutet sein Engagement für die Werft rückblickend?

GK: Dr. Klaus Murmann hat daran geglaubt, dass es möglich ist, in Deutschland wieder große Regattaboote zu bauen, die internationale wettbewerbsfähig sind, und uns dabei tatkräftig unterstützt. Durch Herrn Murmann hatten wir die Chance, das Unternehmen schneller aufzubauen und zu dem umzustrukturieren, was es heute ist.

SR: Das wohl ungewöhnlichste Boot der Firmengeschichte dürfte der Solarkatamaran Turanor Planet Solar aus dem Jahr 2010 gewesen sein, – bis heute das größte von Solarenergie betriebene Wasserfahrzeug der Welt. Stellt ein Mehrrümpfer, der anschließend allein mit Sonnenkraft die Welt umrunden sollte und mithin extremen Belastungen standhalten musste, im Bau eine besondere Herausforderung dar?

GK: Ja, schon was die bloße Größe angeht, war das Boot extrem. Genauso die technische Ausrüstung: Die Solar- und Batterietechnik war komplettes Neuland für uns und die Ausmaße des Bootes zwangen uns, eine größere Halle anzumieten. Und natürlich muss ein Mehrrümpfer anders ausgesteift werden als ein Monohull. Hinzu kam, dass das Boot von Beginn an eine enorme Medienpräsenz hatte, was uns natürlich auch forderte, letztlich aber auch Prestige brachte.

SR: Knierim wird immer mit Hightech wie Kohlefaser-Bau in Zusammenhang gebracht. Und seit 2005 gibt es den Unternehmenszweig Knierim Tooling, der unter anderem mit hochmodernen 5-Achs-Fräsen produziert, von denen zwei mehr als 30 Meter lang sind. Mal für den Laien: Was leisten diese Fräsen im Formenbau?

GK: Dank der Fräsen wird alles präziser. Bei Formen, gerade bei 3D-Oberflächen, die handisch kaum noch baubar sind wie bei Windflügel- oder Rumpf- und Decksformen, sind die Fräsen unverzichtbar. Auch im Bootsbau sind sie nicht mehr wegzudenken. Viele Bauteile von Rennyachten werden heute gefräst, da es auf absolute Präzision ankommt, um Gewicht zu sparen. Letztlich arbeiten die Fräsen aber auch schnell und sparen Arbeitszeit, was uns wettberbsfähig hält.

SR: Wohl kaum ein Regatta-Boot beschäftigt die deutsche Segelszene derzeit so wie die neue „Varuna“, eine Jason Ker 56, die hier vor uns in der Halle steht und demnächst die internationale Regatta-Szene aufmischen soll. Mal abgesehen von der mattschwarzen Farbgebung, was ist technologisch betrachtet das Besondere an der Yacht? Ein paar Hard-Facts…

GK: Die neue „Varuna“ wird ein extrem leichtes, reines Offshore-Boot mit Canting Kiel und Doppelruderanlage. Da sie eben Offshore segeln soll, liegt die Priorität auf Wasserdichtigkeit unter Deck. So haben wir auf unnötige Bohrungen wie für Genuaschienen zugunsten von sowieso leichteren Padeyes verzichtet.

Der hydraulisch bis zu 40 Grad neigbare Schwenkkiel, dessen Bombe einen Großteil der 7,6 Tonnen Gesamtgewicht ausmachen wird und 4,07 Meter unter die Wasseroberfläche reicht, erhöht das Geschwindigkeitspotenzial auf weit über 30 Knoten. Die neue Varuna wir eine „aufgeladene Maschine“, wie wir hier sagen.

SR: Das Regatta-Debüt wird vorraussichtlich schon das Rolex Fastnet Race Mitte August sein. Hat sie Siegchancen oder braucht die Crew mehr Zeit, um sich auf das Boot einzustellen?

GK: Generell kostet es einige Zeit, sich auf ein Boot einzustellen, manchmal eine ganze Saison. Ob es hier länger dauert, bleibt abzuwarten. Eine Siegchance ist da, aber dazu gehört schließlich auch ein Designbüro.

SR: Ein Blick in die Zukunft. Lässt sich schon was über kommende Projekte nach „Varuna“ sagen?

GK: Unser nächstes Projekt ist eine Finot Conq 53, ein sehr schneller Cruiser-Racer. Darüber hinaus gibt es bereits einige weitere Anfragen. Wir sehen der Zukunft positiv entgegen.

 

 

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Hinnerk Stumm

... segelt seit Kindertagen, von Jolle bis Dickschiff. Sein Motto: „Segeln ist letztlich völlig überbewertet!“ Weiteres ...
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3 Kommentare zu „50 Jahre Knierim: SR-Interview mit Gunnar Knierim über “Varuna”, Murmann und den Cupper“

  1. avatar Fastnetwinner sagt:

    Hallo Steffen, herzlichen Glückwunsch zu Deiner Werft!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  2. avatar JR GER 74 sagt:

    Lieber Gunnar, lieber Steffen,

    alles Gute zum halben Jahrhundert innovativen Bootsbau des lässigsten Duos seit Bud Spencer und Terence Hill…

    Der Ehren- Vorsitzende des Kieler Jugendsegelboot Stammtischs.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 0

  3. avatar Gunnar Knierim sagt:

    Von Gunnar Knierim zu Gunnar Knierim: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH zum halben Jahrhundert innovativstem Bootsbau in Deutschland. Ich wünsche viele erfolgreiche weitere Jahrzehnte und kreative Ideen. Ich hoffe, wir lernen uns bald mal persönlich kennen. Beste Grüße vom Ammersee, Gunnar Knierim

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