Amerikaner schaffen bis 2025 die Papierseekarte ab. 200-Jährige Tradition vor dem Ende

Adieu Papierseekarte!

Bis zum Jahr 2025 soll die Papierseekarte in den USA der Vergangenheit angehören. Die Pläne der digitalen Navigation gehen aber noch viel weiter.

Mitte November kündigte das Office of Coast Survey der U.S. National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) an, die Produktion der Papierseekarte endgültig einzustellen. Schon 2014 fiel der Entschluss, die Papierkarte nur noch auf Nachfrage (on Demand) zu drucken. Ähnlich verfährt das BSH in Deutschland mittlerweile auch.
Doch der jetzt angekündigte Schritt stellt wohl eine Zäsur in der Navigation dar. Innerhalb von fünf Jahren plant die NOAA nun den schrittweisen Übergang zu elektronischen Produkten. Nach und nach werden die entsprechenden Dienstleistungen im Print, zu denen neben den on-Demand-Karten auch die elektronischen Rasterkarten gehören, eingestellt. Bis 2025 soll die Electronical Navigational Chart (ENC) die Papierkarte also endgültig ersetzen. In diesem Zuge hat die Behörde auch angekündigt, den Detaillierungsgrad der elektronischen Karten zu verbessern.

Über Umwege zur Papierkarte

Doch ein kleines Türchen lässt die NOAA dennoch offen. Auf Grundlage der Vektorkarten sollen Nutzer sich online ihre eigenen Kartensätze erstellen und als hochauflösendes PDF abspeichern können. Entweder können die Karten dann daheim ausgedruckt oder der Druck in Auftrag gegeben werden. Das bietet zumindest die Chance, sich selber mit Kartensätzen in Papierform zu versorgen. Maßstab und Größe können dann individuell gewählt werden. Seekarten-Verlage bzw. Drittanbieter können ebenfalls weiterhin auf die Daten zugreifen und “eigene” Karten drucken.

Bisher betrifft das nur Berufsschiffer und Segler in den USA, die die Karten der NOAA nutzen. Doch die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich solche Trends auch schnell nach Europa hin ausbreiten. Das BSH druckt Papierkarten nur noch auf Nachfrage, die niederländischen Karten erscheinen seit fünf Jahren auch schon nicht mehr jährlich.

Elektronische Seekarten sind schon Standard

So scheint es, dass die Papierkarte tatsächlich ein Auslaufprodukt ist. So verlangt die International Maritime Organization (IMO) schon heute, dass alle großen Handelsschiffe auf internationalen Reisen elektronische Karten verwenden. Und in den USA begann die U.S. Coast Guard 2016 damit, dass kommerzielle Schiffe auf Inlandsreisen ENCs anstelle von Papierkarten verwenden dürfen. Auf Freizeitbooten ist der Kartenplotter schon nicht mehr wegzudenken, die Kartentische schrumpfen immer weiter zusammen und werden zur Allerlei-Ablage umfunktioniert.

In der Berufsschifffahrt sind Papierkarten selten. Hier beherrschen Displays die Brücke. Bild: Kai Köckeritz

Virtuelle Tonnen

Die Pläne mit den elektronischen Karten gehen aber noch viel weiter. In Zukunft soll die digitale Karte beziehungsweise das Electronic Chart Display and Information System (ECDIS) beispielsweise das Auslegen und die Wartung der Fahrwassertonnen obsolet werden lassen. Zumindest soll es das Netz aus Fahrwassertonnen stark ausdünnen. In Zukunft sollen die „Tonnen“ dann nur noch virtuell auf der elektronischen Seekarte zu sehen sein. Hier möchte man sich AIS zu nutzen machen. Über AIS setzt eine Landstation dann virtuell eine „Tonne“ an einem beliebigen Ort ab. Hier wird dann einfach über die AIS-UKW-Frequenz die Position der „Tonne“ gesendet. Auf dem Plotter wird das Signal dann als Markierung angezeigt. Der Vorteil dieser Virtual-AtoNs (Aids to Navigation) ist die Flexibilität bei äußerst geringen Kosten. Ein Sperrgebiet könnte beispielsweise so auf Knopfdruck geändert, ein Wrack kurzfristig markiert werden. Bisher muss der Tonnenleger raus und die Tonnen umsetzen.
Allein die Sportschifffahrt soll noch der Grund sein, wieso sich die Virtual-AtoNs noch nicht flächendeckend durchgesetzt haben.

Die Kombination aus Kartenplotter und Papierkarten wird auf Sportbooten noch immer viel genutzt. Bild: Kai Köckeritz

So entstand die elektronische Seekarte

In den frühen 1990er Jahren erschienen die ersten elektronischen Seekarten auf dem Markt. Schon 1992 definierten die International Hydrographic Organization (IHO) und die IMO eine einheitliche Regelung, wie die Daten für amtliche elektronische Karten gesammelt, ausgetauscht und an Bord angezeigt werden müssen. Heraus kam die S-57- Karte, die auch das BSH aus ihren Daten erstellt. Wichtigster Punkt des Standards ist die Realisierung als Vektorkarte und nicht als Rasterkarte. Bei Rasterkarten werden bestehende Papierseekarten einfach als Grafik gespeichert und auf einem Bildschirm dargestellt. Da die Karte aber nur im Originalmaßstab ausreichend dargestellt werden kann, verpixelt sie bei höheren Vergrößerungen. Vektorkarten werden hingegen aufwendiger erstellt und unterscheiden sich grundlegend von Rasterkarten, indem alle Elemente der Karte wie Linien oder Seezeichen mit ihrer geographischen Lokalisierung in einer Datenbank gespeichert werden. Aus dieser Datensammlung wird quasi bei jeder Zoomstufe übergangslos ein neues Bild generiert. Da jedes Element noch mit weiteren Informationen ausgestattet werden kann, kann einer Tonne beispielsweise die Information mitgegeben werden, nur ab einer bestimmten Auflösung (Zoomstufe) eingeblendet zu werden. Durch diese Attribute genannten Zusatzinformationen kann die Vektorkarte wesentlich besser auf Monitoren dargestellt werden, da die Informationsfülle automatisch an die Auflösung angepasst wird – wenn die Attribute denn einheitlich und nach durchdachten Kriterien vergeben werden. Ein sicherheitsrelevanter Punkt der Vektorkarte: Bewegt sich die GPS-Position auf ein Element mit einem Attribut, das ein Flachwassergebiet angibt, kann das System eine Warnmeldung abgeben.
Doch auch Vektorkarten unterscheiden sich in ihrem Aufbau untereinander. Drei Systeme konnten sich etablieren: Die standardisierte S-57 baut auf sechs verschiedenen Zellentypen auf. Die Zellen entsprechen bei der BSH Karte in etwa den verschiedenen Maßstäben der Papierkarten und reichen von einer Zelle mit kleinem Maßstab (Übersegler) bis hin zum größten Maßstab in Form von Detailplänen. Da jede Zelle auf einer eigenen Vektorkarte basiert, kann sich die Darstellung wie beispielsweise die Farbe der Tiefwasserbereiche beim Wechsel durch die Zellen verändern. Beim Einzoomen in ein entsprechendes Seegebiet wählt das System die geeignete Zelle aus. Es kann passieren, dass zwei Zellen übereinander gelegt werden, sodass die einzelnen Maßstäbe nicht mehr richtig zueinander gehören und Tiefenlinien und andere Hilfsmittel deutlich versetzt sind.
Das zweite System basiert auf verschiedenen Ebenen und entspricht im Grunde der Zellenstruktur. Navionics setzt beispielsweise auf eine Datenbankstruktur, aus der stufenlos eine einzige Karte abgebildet wird. Sprünge zwischen verschiedenen Vektorkarten mit unterschiedlicher Farbgestaltung treten im Datenbanksystem nicht auf – jede Ansicht basiert auf der Ursprungskarte mit dem größten Maßstab.

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