Anders leben: Polnische Obdachlose bauen sich einen 57-Fuß-Stahl-Schoner

„Nicht jammern – machen!“

Obdachlose, Polen, Boot bauen

Das etwas andere Projekt, um Obdachlose von der Straße zu holen © Basler Zeitung

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Mehr als 40 ehemalige Werftarbeiter und heutige Obdachlose bauen in Polen ihr ganz persönliches Traumschiff. Sie wollen damit um die Welt, oder vielleicht auch nur rund Ostsee.

Eigentlich ist es eine Geschichte, wie sie nur in Polen passieren kann. Sie handelt von Solidarnosc, der berühmten Gewerkschaft, die den Fall des Eisernen Vorhangs einläutete. Sie erzählt von einem charismatischen katholischen Priester, von Männern, die als Schweißer hart in den berühmten Werften von Gdansk arbeiteten, oft dem Alkohol und der Schwermut verfallen sind und dann „die Kurve nicht mehr gekriegt haben“. Sie wurden zu Obdachlosen. Dann bot sich ihnen eine Chance.

Es ist schon mehr als ein Jahrzehnt her, dass Vater Boguslaw im buchstäblichen Sinne „Nägel mit Köpfen“ machte. Der damals bereits berühmte und hoch geachtete katholische Priester hatte immer ein Herz für die Gestrauchelten, die Menschen, die nach Schicksalsschlägen oder einer persönlichen Krise nicht wieder auf die Beine kamen. Als ehemaliger Stahlarbeiter in den Werften von Gdansk wusste er genau, was die früheren KollegInnen bewegte, die in den Achtzigerjahren gemeinsam mit der Gewerkschaft „Solidarnosc“ mutig den Ostblock zum Wanken brachten.

Doch Vater Boguslaw sah auch, wie später viele der ehemaligen Mitstreiter ins soziale Abseits fielen. Als die polnische Werft- und Stahlindustrie vor dem „Aus“ stand und Tausende ihren Arbeitsplatz verloren, gab es viel zu tun für den charismatischen Seelsorger. 

Obdachlose, Boot bauen, Polen

Im Laufe der Jahre wurde mal in Hallen, mal im Freien gebaut © Malecki

Boguslaw begegnete derartigen Herausforderungen auf gewohnt hemdsärmelige Weise. Seine Ideen und Projekte, um Menschen „von der Straße zu holen“ oder sozial Gefährdete „wieder auf den richtigen Weg“ zu geleiten, sind legendär.

Als er wieder einmal vor ein paar Dutzend ziemlich verzweifelt wirkenden Obdach- und Arbeitslosen stand, die viele Jahre zuvor gemeinsam mit ihm in einer inzwischen nicht mehr existenten Werft geschuftet hatten, da soll er gesagt haben: „Ja Herr im Himmel, dann baut Euch doch Euer eigenes Schiff! Ihr sollt nicht jammern, sondern machen!“ 

Herr im Himmel!

Gesagt, getan. Der Priester ließ seine Beziehungen spielen, bekam mit seinen „Bootsbauern“ eine Halle zugewiesen, ein leerstehendes Haus als Unterkunft für die Beteiligten wurde notdürftig renoviert, ein Werftchef zeichnete höchstpersönlich einen Riss, es wurden Materialien gespendet, Werkzeuge über Nacht angeliefert und dem Projekt „57-Fuß-Stahlschoner für Obdachlose“ stand nichts mehr im Wege.

Nur wenige Monate später hatte das Boot Gestalt angenommen, erste Reisepläne wurden geschmiedet, es ging voran. Sogar die große, weite Welt hatte schon Notiz von dem vorbildlichen Vorhaben genommen. Es erschienen Artikel und Berichte in den USA, Deutschland, Frankreich und Skandinavien.

Aber dann verstarb Boguslaw im Jahre 2009. Auf seinem Grab schworen die Bootsbauer, dass sie das Projekt weiterführen werden. Der langsam, aber sicher wachsende Stahl-Schoner solle den Namen „Vater Boguslaw“ tragen. 

Obdachlose, Boot bauen, Polen

Eine etwas eigenwillige Form für ein eigenwilliges Projekt © Rzeznicki

Doch es fehlte die treibende Kraft. Die Arbeiten am Schiff wurden öfters unterbrochen, immer weniger Obdachlose beteiligten sich. Manchmal arbeiteten nur zwei oder drei Arbeiter mehr oder weniger planlos. Das Projekt drohte zu scheitern.

Neuer Schwung

Seit dem vergangnen Jahr hat sich allerdings wieder eine neue, begeisterte Truppe aus ehemaligen Werftarbeitern, Schweißern und sogar Seefahrern gebildet, die das 17 Meter lange Stahlschiff mit der etwas eigenwilligen Form – auch mit Unterstützung von Firmen- und Privatspenden – nun wieder vehement voran bringen will. 

Obdachlose, Boot bauen, Polen

Im zwei Jahren soll es losgehen © My Sinchew

Unter den Beteiligten sind Arbeiter, die seit vielen Jahren keinen Job mehr haben, und nun auf ihre alten Tage endlich wieder das machen können, wofür sie früher tatsächlich auf die Barrikaden gegangen sind: Schiffe bauen! 

Manche unter den selbsternannten Bootsbauern haben noch Seite an Seite mit dem berühmten Solidarnosc-Führer Lech Walesa gearbeitet. Verrückte Welt: Die einen verloren Jahre später ihren Job und versoffen ihre letzte Habe, der andere brachte es zum Friedensnobelpreisträger, zur Freiheits-Ikone und letztendlich sogar zum Staatschef. 

Auch wenn die „Vater Boguslaw“ bereits ansehnliche Gestalt angenommen hat, schätzen Fachleute, dass es mindestens noch zwei Jahre dauern wird, bis das Boot vom Stapel laufen kann. Doch dann soll alles erst richtig losgehen.

Die einen wollen gleich um die Welt segeln, die anderen – meist diejenigen, die schon ein wenig Erfahrung mit der See haben – erstmal nur in der Ostsee rumschippern. Und, wer weiß, vielleicht wird ja sogar ein Business aus dem dem Projekt. Angeblich sollen sich schon Charterunternehmen gemeldet haben, die das Boot und ihre Besatzung in ihr Programm aufnehmen wollen. 

Tipp: André Mayer

Spenden
https://yachtservice-sb.com

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