Anlegen unter Segeln: So gelingt der Aufschießer an einem Steg ohne Schäden

Unter Segeln an den Steg

Wer bei einer defekten Maschine ohne fremde Schlepphilfe in einen Hafen gelangen möchte, muss dies unter Segeln in Angriff nehmen – sofern der Hafen genügend Platz bietet.

Das Boot nähert sich langsam dem Steg. Durch Holen der Großschot nimmt es Fahrt auf und mit dem Fieren wird es langsamer. Das Gleiche wird durch Anluven oder Abfallen erreicht. Ist der Steg erreicht, lässt der Rudergänger die Schot ausrauschen, während die Restfahrt des Bootes am besten mit der Vorspring gestoppt wird © Jan Bindseil

Das Segeln in die Marina ist heute kaum noch möglich und in vielen Häfen sogar ausdrücklich verboten. Dennoch kommt eventuell die Stunde, an denen unter Segeln festgemacht werden muss.

Das Gute vorweg: Moderne Fahrtenyachten und auch Charterboote lassen sich sehr genau manövrieren und reagieren fast schon jollenartig auf die Bewegung des Ruders. Schlecht ist hingegen, dass das Anlegen unter Segeln mit den „dicken Pötten“ heutzutage kaum noch geübt wird und die nötige praktische Erfahrung fehlt, wenn es dann doch sein muss

Dabei ist ein Maschinenausfall gar nicht so selten. Verstopfte Filter und Leitungen sind noch immer ein häufiges Problem bei Bootsdieseln. Aber nicht nur verstopfte Filter führen zum Versagen des Bootsdiesels. Die meisten Dieselmotoren werden nur sporadisch gewartet und stehen in einer für sie eigentlich gefährlichen Umgebung. Seewasser und Metall waren schleßlich noch nie die besten Freunde. Schon aus diesem Grund sollte jede Skipperin und jeder Skipper nach wie vor in der Lage sein, notfalls das Boot unter Segel sicher an den Steg zu manövrieren. Wir haben ein paar Manöver und Tipps rund um das Manövrieren unter Segeln festgehalten.

Manövriereigenschaften behalten

Die Genua blockiert nicht nur die Sicht nach vorn, sondern erfordert auch mehr Hände und Aufmerksamkeit bei Manövern. Zumal sie im unpassendsten Augenblick beginnt zu killen und zu schlagen. Daher sollte der Hafen am besten nur unter Großsegel angelaufen werden. Auch um nicht zu viel Geschwindigkeit aufzubauen. Allerdings sollte aufgepasst werden, dass das Schiff bei wenig Wind noch manövrierfähig ist und nicht ohne Ruderwirkung durch den Hafen treibt. Die Segel komplett einzuholen und nur mit Restfahrt an den Steg zu gleiten, halten wir für nicht ratsam, zumal das Großsegel auch durch ein Backstellen als wirkungsvolle Bremse genutzt werden kann. Eine Pütz bremst übrigens auch ganz vortrefflich, wenn sie achtern ausgebracht wird.

Zudem hat es gegenüber dem Vorsegel während des Manövers die Vorteile, dass mit ihm das Boot drehfreudiger, also schneller auf das Ruder reagiert. Bei modernen Fahrtenyachten ist das Großsegel wesentlich größer als noch bei vielen Schiffen aus der IOR-Ära, sodass eigentlich genug Vortrieb möglich sein sollte. Möchte man Fahrt aufnehmen, wird es schnell losgeworfen.

Längsseits anlegen

Viel Wind und ablandig

Mit ablandigen Winden ist das Manöver relativ einfach und ohne Risiko verbunden: Aufschießer fahren und mit weit aufgefierter Schot jemanden vom Vorschiff aus mit der Vorleine an Land absetzen. Mit dieser Windrichtung ist es zumeist problemlos möglich, erst einmal mit dem Bug festzumachen, sei es in der Lücke zwischen zwei Booten an einem Kopfschlengel oder an einem Pfahl. Allerdings sollte der Steuermann dann in etwa die Stoppstrecke seines Bootes kennen. Ist jedoch nach dem Aufschießer noch zu viel Fahrt im Schiff, fällt er mit Hartruder einfach ab, fährt eine Halse und steuert den Steg erneut an.

Auf kleineren Booten lässt sich durch ruckartiges Hartruderlegen mit der Pinne nach jeder Seite, oder indem man den Baum nach vorn drückt, wirkungsvoll Fahrt aus dem Boot nehmen. Auch die alt bewährte Methode, eine Pütz zum Bremsen nachschleppen hilft effektiv, Geschwindigkeit aus dem Schiff zu nehmen.

Ist der Steg zum Längsseits­gehen jedoch lang genug, sollte die Crew seitlich vom Vorschiff übersetzen und zuerst die Vorleine festmachen, um das Abtreiben des Vorstevens zu verhindern. Darauf folgen die vom Steuermann auf den Steg geworfene Achterleine und beide Springs.

Wind von vorn

Weht der Wind während des Anlegens schräg oder idealerweise direkt von vorn, so erfordert das Manöver etwas mehr Fingerspitzengefühl. Denn dann gilt es während des Anlaufens so wenig Fahrt wie möglich durchs Wasser zu machen, aber trotzdem immer mit genügend Druck am Ruder, damit das Boot manövrierfähig bleibt. Die Großschot wirkt dann als Gashebel: Durch Holen der Schot wird das Boot schneller und nach dem Fieren langsamer. Zudem lässt sich durch leichtes Anluven oder Abfallen weiterhin die Fahrt im Schiff kontrollieren. Dabei kann der Steuermann leicht den Fehler machen, die Großschot zu weit aufzufieren, weil er fürchtet, mit zu viel Fahrt durchs Wasser längsseits zu gehen. Das Ergebnis: Das Boot wird zu langsam, reagiert nicht mehr auf das Ruder und fällt zum Steg hin ab. Dann ist ein Ramming zumeist nicht mehr zu verhindern.

Ist aber noch genügend Abstand zum Liegeplatz vorhanden, heißt es sofort handeln: Zügig hart Ruder legen (nicht ruckartig, da sonst die Strömung abreißt und das Ruder wirkungslos wird!), dabei die Großschot durchholen, um mit erhöhter Fahrt durchs Wasser mehr Ruderwirkung zu erreichen. Das Boot dreht nun schnell genug an, sodass der Bug von dem Steg klar kommt. Mit modernen Yachten, die nahezu auf dem Teller drehen, wird das Manöver auch mit geringem Abstand zum Liegeplatz gelingen. Auf traditionellen Langkielern oder träger auf das Ruder reagierenden Yachten bleibt dann zumeist nichts anderes mehr übrig, als zu versuchen, mit weit aufgefierter Schot und ausgebrachten Fendern das Schlimmste zu verhindern.

Auf kleineren Booten mit Pinnensteuerung kann der Rudergänger auch durch heftiges Reißen der Pinne von hart Backbord nach hart Steuerbord Fahrt aus dem Boot nehmen oder die Pütz als zusätzliche Bremse einsetzen. Wird das Groß back gestellt, kann das Boot ebenso verlangsamt werden.

In jedem Fall sollte sich der Rudergänger stets ein „Hintertürchen“ offen halten, damit er auch in einer kritischen Situation handlungsfähig bleibt.

Fazit

Egal, wie stark oder von welcher Seite der Wind auch weht: Entscheidend für das Gelingen eines Anlegers unter Segeln ist, dass der Steuermann mit der Großschot und dem Ruder stets das Boot im Griff hat, also seine Manövrier­fähigkeit durch genügend Fahrt durchs Wasser erhält.

Sollte das Boot nach dem Aufschießer noch zu viel Fahrt durchs Wasser machen, um die Crew sicher abzusetzen, ist dies kein Problem: Man fällt ab und wiederholt einfach das Manöver.

Ist das Boot zum Übersetzen der Crew nah genug längsseits manövriert, lässt es sich am besten mit einer möglichst lang ausgebrachten Vorspring aufstoppen. Um das Abtreiben des Bugs zu verhindern, wird danach gleich die Vorleine festgemacht, dann die Achterleine und Achterspring.

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