Corona-Krise: Segeln in der Quarantäne – Belgier schließen ihre Nordsee

Segelwelt steht still

Puh, knapp noch rausgekommen aus Tirol. Und nun? Business as usual? Irgendwie klemmt die Tastatur. 14 Tage Home-Quarantäne sind nicht so dramatisch. SR ist schließlich in den ersten acht von zehn Jahre am heimischen Rechner entstanden. Aber wie banal ist die Standard-Segel-News angesichts der globalen Krise?!

Auf der DSV-Website stehen Hygiene-Tipps im Vordergrund. Wenn es um Existenzen geht, tritt das schönste Hobby der Welt in den Hintergrund. Bilder und News aus der Segelszene wirken im Kontext der Corona-Krise erschreckend platt.

Dabei tut es wirklich weh. Draußen lacht die Sonne. Wind streicht durchs Blätterwerk. Dieses Rascheln weckt die Lebensgeister. Der Blick aufs Wasser macht kribbelig. Winterschlaf war gestern. Längst steht die Saisonplanung. In den Häfen riecht es nach frischem Antifouling. Krantermine sind eingeloggt. Die Vorfreude auf die ersten frischen Saisonmeilen wird größer.

Auch die Regattasegler scharren mit den Hufen. Erste Leistungsvergleiche stehen an. Endlich auf dem Wasser wieder die Klingen kreuzen. Freunde treffen. Wie die Kumpels wohl den Winter überstanden haben? Wer kommt besonders gut aus den Startlöchern?

Die Segelwelt steht still

So war es früher. So ist der gewohnte Rhythmus. Aber nichts ist, wie es war. Die Segelwelt steht still. Ebenso wie der Rest der Welt. So gut wie alle Regatten, Veranstaltungen, Clubversammlungen sind abgesagt. Von der America’s Cup World Series in Sardinien über die 470er WM, aber auch dem traditionellen Ansegeln am Verein wie dem Clipper Race um die Welt.

Clipper Round the World Race

Das Clipper Race um die Welt wurde abgebrochen. © clipper race

Selbst die Nordsee ist verschlossen. Zumindest wenn man einen Zugang über Belgien sucht. Die Belgier haben gerade jede Form der Freizeitschifffahrt in ihren Hoheitsgewässern bis zum 3. April verboten. Die Dänen verschließen schon länger ihrer Grenzen. Und das werden sicher nicht die einzigen Einschränkungen bleiben.

Es muss wohl so sein. “Das Verringern von sozialen Kontakten”, wie es die Kanzlerin nennt, ist der wirksamste Schutz gegen das rasche Ansteigen der Infektionen und die mögliche Überforderung der Krankenhäuser.

Andererseits – nur so ein Gedanke –  stehen wir Segler doch gut da. Es wäre schließlich nicht die schlechteste Strategie, Menschen auf einem Segelboot zu isolieren. Effektiver kann Quarantäne kaum sein.

“Auf Wachstumskurs”

Das Schicksal von Seglern, die nicht segeln dürfen, ist banal, angesichts einer Krise, bei der Menschen sterben. Aber anderswo dreht sich die Welt noch so weiter wie bisher. Einige wenige Pressemeldungen poppen im Postfach auf. Der Deutsche Boots- und Schiffbauer-Verbandes (DBSV) vermeldet, dass er “weiter auf Wachstumskurs” sei. Marinepool weist darauf hin, dass “trotz COVID-19” Lieferungen möglich sind. Bei Helly Hansen heißt es: “Vertrauen muss verdient werden” und es wird über die Kampagne mit dem American Magic Team berichtet. AWN feiert seine Hausmesse. Und der Deutsche Toruing Yacht-Club (DTYC) vom Starnberger See – zweifacher Segelbundesliga-Meister – freut sich über die neue Fahrzeug-Partnerschaft mit ALPINA.

2020 Superyacht Challenge Antigua © Claire Matches

Es gibt auch noch Orte auf dieser Welt, wo scheinbar bedenkenlos gesegelt wird. So ging die Superyacht Challenge Antigua mühelos über die Bühne. Auf der karibischen Insel scheint man die Gefahr, sich den Virus durch Segler einschleppen zu lassen, zu negieren – angesichts des drohenden wirtschaftlichen Verlustes, der mit einer Absage einher gegangen wäre. 15 Eigner durften ihre 100-Fußer schicken. Die Veranstalter fanden die Rennen “bizarr”, meinten damit aber sintflutartige Regenfälle. Sie mögen potenzielle Krankheitserreger von Bord gewaschen haben. Aber einen Infizierten gibt es inzwischen auch schon im karibischen Paradies.

In Australien sind es 351. Die 18-Footer-Segler lassen sich dadurch nicht beunruhigen. Wie jedes Jahr ziehen sie in Sydney ihre JJ Giltinan Trophy durch, die inoffizielle Klassen-WM. In Neuseeland ist man da sensibler. Es gibt kaum Erkrankungen, aber damit das so bleibt, sind die Grenzen dicht.

18-Footer in Sydney. © Frank Quealey

Die Kiwis sagten sogar aus der Ferne die America’s Cup World Series (ACWS) in Sardinien ab, obwohl Luna Rossa der Organisator ist. Die Italiener schäumten ob der Bevormundung, bestätigten aber schließlich die Entscheidung. Die Briten haben ihre Zelte auf der Insel längst abgebrochen. Sie hoffen, dass wenigstens ihr eigenes ACWS Event in Portsmouth Anfang Juni stattfinden kann.

Segeln mag nur ein profaner Spaß sein, aber für Veranstalter, viele Freiberufler oder Mittelständler in der Branche nehmen die Einbußen durch Corona existenzbedrohende Züge an. Schließlich ist der Geschäftszweig eng mit dem Tourismus verknüpft. Hier schlägt die Krise besonders hart zu. Das ist beileibe nicht lustig. Einige maritime Unternehmen dürften im Laufe des Jahres auf die versprochenen Notkredite der Staatsbank KfW angewiesen sein. Die dramatischen Verluste sind kaum auszugleichen.

Entbehrungen umsonst?

Unklar ist auch die Situation der Olympiasegler. Vier Jahre lang haben sie sich auf die Erfüllung ihres Traumes vorbereitet. Die meisten der Nationen-Tickets sind vergeben. Auch die nationalen Entscheidungsserien nähern sich dem Ende.

Aber nun könnten die Entbehrungen umsonst gewesen sein. Denn viel deutet darauf hin, dass die Olympischen Spiele 2020 nicht stattfinden. IOC-Präsident Bach hält zwar nach wie vor am Termin der Eröffnungsfeier fest (24. Juli 2020). Auch weil Japan schon bis zu 30 Milliarden Dollar investiert haben soll.

Aber der Druck wird größer. Selbst Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, sagt: “Vor allem stehe jetzt derzeit die Gesundheit der Weltbevölkerung an erster Stelle”, das sportliche Ereignis trete in den Hintergrund. “Es geht um das Überleben der Menschheit, nicht um Gold, Silber und Bronze.”

Olympia-Verschiebung

Kein gutes Omen: Der Fackellauf für die Sommerspiele ist am Freitag bereits einen Tag nach dem Start im antiken griechischen Olympia abgebrochen worden. Zu viele Menschen wollten dabei sein. Die Gefahr der Virus-Ausbreitung schien zu groß.

Eine Möglichkeit scheint die Verschiebung auf den Sommer 2022 zu sein. Es wäre ein dramatischer Schlag für die Athleten. Jetzt sind sie fit. Jetzt sind sie auf dem Höhepunkt ihrer Sportkarriere. Wer weiß, was in zwei Jahren ist.

Frederike Loewe und Anna Markfort beim 470er-Training vor Mallorca. © Löwe/Markfort

Das 470er Frauen-Team Frederike Löwe und Anna Markfort beschreibt die Situation: “Eigentlich sollten wir gerade die ersten Rennen unserer 2020 WM beendet haben, unsere erste Qualifikation für die Olympischen Spiele.” Aber die WM in Mallorca wurde abgesagt. Dann entschieden sie sich, zum Training vor Ort zu bleiben, aber die Spanier riefen den Notstand aus.

Inzwischen sei man wieder zuhause. Wie die gesamte deutsche Segel-Nationalmannschaft, die sich zur Vorbereitung der Saison auf Mallorca befand. Beim DSV heißt es: “Hier in Deutschland werden sie ihre Vorbereitung nun so gut es geht fortsetzen. Allerdings ist der Bundesstützpunkt in Kiel weitestgehend geschlossen. Sanitäranlagen und Trainigsräume sind geschlossen, die Bootshalle darf nur unter Auflagen betreten werden, um den Materialtransport nach Enoshima vorzubereiten.” Ob aber nun wirklich Material nach Japan verschickt wird, ist fraglich.

“Wir wissen nicht, was jetzt passiert. Wir wissen nicht, ob die Olympischen Spiele dieses Jahr stattfinden. Und wir wissen nicht, wie unsere nationale Qualifikation aussehen wird. “Es ist traurig, nicht zu wissen, wann und wo wir mit unseren internationalen Freunden und der Segelgemeinde wieder zusammenkommen, um auf dem Wasser zu trainieren und Wettkämpfe zu bestreiten. Wir sind jedoch optimistisch und glauben, dass wir bald wieder zur Normalität zurückkehren können, wenn jeder seinen Teil zur Bekämpfung dieser Situation beiträgt.”

Urlaubsmeilen auf der Ostsee

Die J/70 steht schon vor der Türe. Am Wochenende wäre der Saison-Auftakt beim NRV an der Alster über die Bühne gegangen. Danach dann beim HSC. Das Ostertraining an der Ostsee stand schon fest. Auf dem persönlichen 2020 Plan: Die achte Saison der Segel-Bundesliga. Dazu Kieler Woche und EM in Kopenhagen mit der J/70. Ein wenig Drachen-Segeln. Vielleicht die IDM auf dem Wannsee. Dazwischen ein paar Urlaubsmeilen auf der Ostsee.

Die Whatsapp-Gruppen haben schon geglüht. Nun ist es still. Wenig wird wohl so werden, wie geplant. Die Segelbundesliga geht zwar noch von einem geplanten Saionstart Anfang Mai am Chiemsee aus, zieht aber auch eine Verschiebung in Betracht.

Jetzt erstmal Quarantäne. In der Hoffnung, dass der Spuk bald vorbei ist. Bis dahin bleiben nur die Gedanken an vergangene schöne Stunden auf dem Wasser und die Vorfreude.

Wem die Phantasie fehlt, macht es wie dieser Italiener. Er hat schon mehr Erfahrung mit der Ausnahmesituation:

Wenn Segler zu lange in Quarantäne sind.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

2 Kommentare zu „Corona-Krise: Segeln in der Quarantäne – Belgier schließen ihre Nordsee“

  1. avatar Emmi sagt:

    Nein, Segelnachrichten sind nicht banal. Sondern ein Stück ersehnte Normalität.
    Und Segeln ist auch kein profaner Spaß. Segeln ist der Rausch, für den es sich zu leben lohnt.
    Also bitte nicht aufhören mit den Segelnachrichten. Sondern einfach weitermachen.
    Danke.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 0

  2. avatar Friedrich sagt:

    Ja, Carsten, Du sprichst uns aus dem Herzen und Emmi Du erst recht. Bitte bitte weitermachen. Wir segeln doch alle nur wenige Tage im Jahr wirklich auf dem Wasser und den Rest der Zeit im Kopf, in unseren Träumen (nachts und tags). Keine blöden Vergleiche, aber je beschissener die Situation, desto erlösender sind die Träume von prallen Spis und schäumenden Bugwellen, vom Countdown vor dem Start, von der Glitsche im Sonnenschein und der letzten total ätzenden 18h-Stunden-Kreuz.

    Verdammt, ich kann nicht mal allein den Frust mit Schleifpapier am Unterwasserschiff oder mit Politur an der Außenhaut wegarbeiten. Das Boot steht auf einer Insel…

    Es wird weitergehen, irgendwann. Bestimmt!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

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