Ankerbucht-Lockdown: Yacht strandet im Sturm – Langfahrtsegler organisieren Rettung

Shitstorm nach dem Sturm

Eine Yacht geht im Gewitter auf Drift. Die Crew der „She San“ hilft und dreht dabei ein Video. Doch nach der gelungenen Rettungsaktion gibt es Eine böse Überraschung.

Die Solidarität unter Langfahrtseglern wird ja immer wieder beschworen. Und jetzt mal ehrlich: Ohne dieses „einander helfen“, für „den anderen dasein, wenn’s kritisch wird“ und eben ohne „deine Probleme sind auch meine Probleme“, also ohne echte Hilfsbereitschaft würde Blauwasser- und Langfahrtsegeln nur halb soviel Spaß machen. Ganz davon abgesehen, dass jeder, aber auch wirklich jeder Fahrtensegler irgendwann einmal selbst in eine suboptimale Situation gerät, die mit Hilfe der anderen deutlich besser zu meistern ist. 

Reto und Angela © she san

Und so handelten eben auch Angela und Reto nach diesem ungeschriebenen Segler-Gesetz, als sie mit vielen anderen Yachten im Lockdown-Modus vor einer malayischen Insel ankerten, einen Gewittersturm abwetterten und eine benachbarte Yacht auf Drift ging. 

Turbulenter Anfang

Doch schön der Reihe nach. Die Bayerin Angela und der Schweizer Reto sind seit 2015 auf Langfahrttörn. Auf einem Belize 43 Katamaran unter Schweizer Flagge starteten die beiden mit gemischtem Erfahrungs-Background: Reto war damals bereits erfahrener Seesegler, Angela eher erfahrene Langstreckenradlerin. Entsprechend stellten sich die beiden zu Beginn ihres Törns durchaus das eine oder andere Mal die Frage, ob es wirklich eine gute Idee gewesen sei, das beschauliche Heim in der Schweiz aufzugeben, um jetzt „einfach so“ um die Welt zu segeln. 

Gewittersturm zieht auf © she san

Zumal die erste Zeit gelinde gesagt turbulent verlief: In der zweiten Woche mussten sie Motorprobleme auf ihrer „She San“ beheben, in der dritten verloren sie ihren Kat beinahe in einem Sturm und in der vierten Woche hätten sie die Yacht beinahe abgefackelt. 

Seitdem segelten sie die mehr als respektable Strecke von 30.000 Seemeilen, sind über drei Ozeane (Mittelmeeer, Atlantik via Panamakanal jetzt Pazifik) und 28 Länder in Malaysia angekommen. Wo sie jetzt – wenig überraschend – im Corona-Lockdown in der Bucht von Telagia vor Anker liegen müssen. Angela beschreibt die Situation so: 

„Und wieder einmal geht ein schweres Gewitter über das Ankerfeld der Yachten. Allesamt hängen wir hier im Corona Lockdown fest und warten bis die Movement Control Order zu einem Ende kommt. Dies ist das heftigste Gewitter, das wir hier bisher hatten, der Ankergrund ist nicht überall gut, mehrere Yachten gehen auf Drift durch die Bucht. Die Yacht „Huia“ allerdings ist unbemannt und kommt erst beim Bodenkontakt zu stehen. Wir sorgen uns und rätseln was wir tun können, doch Wind, Regen und ablaufende Tide sind gegen uns.

Am nächsten Morgen scheint die Sonne wieder, die „Huia“ liegt mittlerweile ganz dicht am Strand der Paradise 101 Ferien und Partyinsel.“

Rettung durch das Fisheye

Im Video oben zeigen die beiden minutiös wie sie und befreundete Yachties (letztendlich erfolgreich) versuchen, die „Huia“ wieder frei zu bekommen. Mit dem vereinten Einsatz von mehreren Beibooten drücken sie die Stahlyacht vom Strand weg. Durch die Fisheye-Perspektive des Kamera-Objektivs entstehen teils interessante, wenn nicht sogar skurrile Eindrücke . 

Wurde seit 2,5 Jahren nicht bewegt – dann ging sie auf Drift © she san

Die Yacht wird gemeinsam gerettet und mit einem nagelneuen Ersatzanker, den Angela und Reto dem Besitzer der „Huia“ für 100 Dollar verkaufen, wieder sicher in Position gebracht. 

Doch dann folgt eine Episode, die so gar nicht in die vielzitierte Solidarität der Szene passen will. 

Angela und Reto hatten die ganze Hilfsaktion auf Video aufgenommen. Unter den Helfern war ein brasilianischer Segler, den die beiden offenbar schon zuvor kennen gelernt hatten und auf den Angela „bisher eigentlich etwas gehalten hatte“, beschreibt sie auf Facebook. Der Brasilianer erzählte ihnen auch die Geschichte der gestrandeten Yacht: „Sie ist seit zweieinhalb Jahren schon hier, der Besitzer ist in Mexiko. Er ist Musiker, hat sich hier in der Bucht in ein Mädchen verliebt, und als sie schwanger wurde, gingen sie nach Mexiko um das Kind zu bekommen. Jetzt ist das Kind gross genug für das Schiff, aber durch die MCO (Movement Control Order) kann er nicht zurück kommen.“

Der Shitstorm bricht los

Angela und Reto hatten während der Hilfsaktion die ganze Zeit gefilmt und stellten kurze Zeit nach Einsatz das Video online. Angela beschreibt das auf ihrer Facebok-Seite so (Auszüge): „Und was passierte nun gestern, kurz nach dem Publizieren des Videos auf Youtube und Facebook? Er (der Brasilianer, die Red.) startet einen Shitstorm, der sich gewaschen hat. Reto reagiert erst gar nicht, denn er meint, der mache Spaß!

Das ist kein Spaß, sehen wir bald, wir werden als opportunistisch beschimpft, da wir unseren Ersatzanker um 100 Dollar verkauft haben und unter der Vorgabe helfen zu wollen, eigentlich nur mit einem Video Profit machen möchten.

Um die Wogen eins zu eins mit ihm zu glätten anstatt in allen Social Media Kanälen rumzustreiten schreibe ich ihm direkt über Messenger und rufe ihn an: „I call my lawyer if you don’t take the video down“ bleibt bei uns von dem Shitstorm hängen.

Schade, war eigentlich ein gutes Video. Auch Ignacio (der Besitzer der gestrandeten Yacht) hat uns sofort gratuliert und bestätigt „Thanks, amazing editing and filming“. Er hat mit dem Video kein Problem.

Hier nochmal für alle die gekürzte Version, es fehlen leider 3 Minuten, die sicher nicht langweilig waren.“

Rettung mit reichlich Dinghies © she san

Ob da wohl die eine oder andere Inkompetenz auf dem Video dokumentiert wurde? Oder welches Interesse könnte sonst ein Helfer daran haben, das Video der Rettungsaktion neu schneiden zu lassen?

Ihre Reise haben die beiden minutiös und sympathisch in wohl sortierten Blog-Nachrichten und mit vielen Videos und Fotografien dokumentiert. Interessanter Lesestoff für die restlichen Tage im Lockdown. 

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