Logbuch eines Fast-Untergangs. Teil drei

"Die einzige Erklärung: Das ist ein Montagsboot."

Von Oliver Schmidt Rybandt

Der Containerfrachter setzt seinen Weg fort. Er hat den Havaristen mit einer Batterie ausgeholfen. © O. Schmidt Rybandt

Fortsetzung vom ersten und zweiten Teil

Der Skipper schreibt eine Email von Bord:  …Die Maschine kam nur sehr schleppend in Gang. Wir stellten fest, dass sie einfach viel zu viel Öl hatte. Also Öl ablassen, Motor starten und lenzen, lenzen, lenzen. Dann haben wir unser Gennackerbaum-Rumpfstabilisierung-Antidelaminationssystem noch mal verbessert und trimmten erst abends wieder voll, um Kurs auf Horta zu nehmen.

Die Wettervorhersage war der nächste Schock. So richtig flau, wie schon mal in Aussicht gestellt, soll es doch nicht werden. Vielmehr haben wir es mit einem Halbwindkurs mit frischem Wind zu tun, der in drei Tagen stürmisch werden soll.

Das hätte uns mit dem leckenden Knäckebrotrumpf noch gefehlt. Also müssen wir eben vor dem Sturm die 400 Meilen geschafft haben. Sollten wir dabei den Rumpf zu sehr beanspruchen, dann kämen wir immerhin bequemer in die Rettungsinsel als bei Sturm. Der blüht uns, wenn wir trödeln um den Rumpf zu schonen.

Riss im Boden des Rumpfes. Ein Montagsboot? © O. Schmidt Rybandt

Somit fahren wir nun vorsichtig aber zügig (im Klartext: gut sieben Knoten im Schnitt) um übermorgen noch Horta zu erreichen, bevor uns 40 Knoten Wind heimsuchen und mit unserem Knaeckebrotboden wohl kurzen Prozess machen würden. Da die Maschine nach fast zwei Wochen ohne Strom nun wieder zur Verfügung steht, können wir auch einfach definieren, dass wir das schaffen.

Der Eigner hat sich heute auch schon in einer Mail gemeldet. Obwohl sein Schiff ein Totalschaden zu werden droht, ließ er mit keiner Silbe Sorge um sein Boot durchblicken, sondern allein um uns.

Das macht die Situation etwas entspannter, denn ihm sind wir ja auch Rechenschaft schuldig über das, was wir hier tun. Er schien indes mit unseren Maßnahmen rundweg einverstanden zu sein.

So geht es hier ganz gut. Der Wassereinbruch ist konstant und nimmt noch nicht einmal zu, als wir wieder Fahrt aufnehmen. Somit wächst die Hoffnung, übermorgen Abend bzw. nachts in Horta zu sein. Bis dahin macht es gut,

Euer Olli und Grüße vom schlafenden Matze auf Freiwache

Tatsächlich können wir kurz vor den ersten Sturmböen Horta erreichen, wo uns der Hafenmeister noch spät abends um halb zwölf direkt in den Travellift ordert. Somit ist das Boot in Sicherheit und wir können in einem hübschen Hotel trocken übernachten.

Vorher noch ein Besuch im berühmten Café Sport, wo wir sogar noch was zu essen bekommen.

Was war also passiert? Erstmal habe ich eine große Nachlässigkeit begangen, indem ich die Maschine bei der Übernahme des Bootes nicht genau unter die Lupe genommen habe. Die Information vom Eigner, der Motor sei gerade von der Volvovertretung der Insel gewartet worden und hätte auch einen Ölwechsel bekommen, hat mir gereicht.

Während der ersten Tage an Bord und auch die ersten zwei Tage auf See sprang die Maschine ja auch problemlos an, qualmte nicht und lief schön rund. Der Motor hat ja auch nur wenige hundert Betriebsstunden hinter sich. Ein genauerer Umgang mir der Maschine hätte zumindest die Aktion mit dem Containerschiff erspart. Damit wäre aber immer noch der Rumpf kaputt.

Angekommen in Horta. Das Schiff wird noch in der Nacht mit dem Kran aus dem Wasser gehoben. © O. Schmidt Rybandt

Immerhin waren wir auf einem Boot, das für schnelles Segeln gebaut wurde, mehr als 2000 Meilen am Wind unterwegs und haben dabei teilweise reichlich Wind nebst kapitaler Welle über uns ergehen lassen.

Diese Fahrzustände sind nicht gerade eine Erholung für Boote gerade wenn sie flache Rümpfe haben. Unser Vorschiff hat offensichtlich das harte Segeln gegen die Welle nicht überlebt. Haben wir das Boot überbeansprucht oder ist die A35 dafür nicht gedacht?

Beides ist nicht der Fall. Auf der Rücküberführung von der Transquadra waren 5 A35 zur gleichen Zeit auf der gleichen Route unterwegs. Die waren zum größten Teil schneller als wir und sind noch nicht mal dem Sturm ausgewichen.

Trotz der hohen Belastung war dort keine Delamination zu verzeichnen. Wir waren die einzigen Betroffenen. Festigkeitsverlust wegen Altersermüdung fällt ebenfalls aus. Das Boot war ja noch nicht mal zwei Jahre alt.

Die einzige Erklärung bleibt für meine Betrachtung, dass wir ein Montagsboot hatten. Der Rumpf wird im Vakuuminjektionsverfahren gebaut. Dabei muss etwas schief gelaufen sein. Bei einer Werft wie Archambault muss das ein Einzelfall sein, anders käme nicht der gute Ruf von Emanuel Archambault zustande, der durchaus weiß, wie man gute Boote baut.

Daher würde ich jederzeit wieder eine A35 fahren. Das Boot macht unter allen Bedingungen Spaß und ist normalerweise recht seetüchtig. Immerhin ist es mit 4600kg kein Leichtgewicht. Aber im Nachhinein habe ich natürlich das Unwohlsein vergessen, welches mich beschlich, als das Pumpen nicht mehr ausreichte, den Wassereinbruch unter Kontrolle zu halten.

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Carsten Kemmling

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7 Kommentare zu „Logbuch eines Fast-Untergangs. Teil drei“

  1. avatar Axel sagt:

    Glückwunsch zum glücklichen Ausgang – es zeigt sich halt immer wieder dass man beim Segeln mit allem rechnen muss.

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  2. avatar Harald sagt:

    Das ist klasse Seemannschaft, so ein lediertes Schiff nach Hause zu bringen

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  3. avatar Daniel sagt:

    Also erstmal einen Glückwunsch das das noch gut ausgegangen ist. Hätte auch schlimmer kommen können. Die Entscheidung ohne größere Rücksicht auf den Bug weiter zu fahren war echt beeindruckend ich kenne einige Segler die sich auf den Rumpf konzentriert hätten und das wär (wie mann ja gesehen hat) falsch gewesen. Also Respekt und ich hoffe ihr erlebt nicht nochmal so ein Höllenritt.

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  4. avatar Marcin sagt:

    Habe mich gefreut die Story nochmal mit Details zu lesen, und dachte mir gut dass Freund Matze dabei war und nicht Freund Jürgen ; ) hihi

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  5. avatar Urs sagt:

    Meinen Glückwunsch kann mich dem nur anschliessen sehr cool und gekonnt. Hätte den fast neuen Motor wenn der frisch aus der Inspektion kommt auch nicht supergenau überprüft. Das war echtes Pech… Respekt für Eure Problembewältigung!

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  6. avatar Sven sagt:

    Mich beschleicht das gefühl das wenn der Olli aufs wasser geht auch immer das Abenteuer mit an Bord steigt……..dann ist er zumindest nie allein!
    (berichte aus eigener erfahrung)

    Aber immer meistert es die Situationen!!Respekt !

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  7. avatar Christian Novak sagt:

    Hmm ich überlege gerade ob sich 2 Frauen auch für die härtere Beanspruchung des Rumpfes entschieden hätten :-)))

    Tolle Leistung von euch !
    Respekt.

    Lg Christian

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