Dumm gelaufen: Kai’s Seenotfall – An der dänischen Küste gestrandet

Hoch und trocken

Kai ist mit allen Wassern gewaschen. Der Duisburger war Kadersegler im 420er und 470er, absolvierte die Sportfördergruppe der Bundesmarine, ersegelte Erfolge im Laser und Contender, wurde Meister der Meister und segelt seit einigen Jahren immer längere Strecken mit seiner Sprinta 70. 2018 tourte er drei Monate lang größtenteils einhand von Kroatien aus durch das Mittelmeer.

Ein Jahr später dreht er im Sommer 2019 mit seinem Trailerboot wieder eine ausgedehnte Runde auf der Ostsee, größtenteils mit den beiden Töchtern. Auf dem letzten Stück des Rückwegs ist er aber wieder alleine unterwegs und erlebt einen der größten Schocks seiner langen Cruising-Karriere. “Moin Moin” strandete nach einer stürmischen Ankernacht.

Für SegelReporter hat er aufgeschrieben, wie es dazu gekommen ist:

So kann es passieren! Ich segel nun schon seit fast 50 Jahren auf allen möglichen Gewässern in der Weltgeschichte herum, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.

Man mag das Ereignis aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und mir glauben, dass ich das Ereignis selbst aus unterschiedlichsten Perspektiven analysiert habe. Jeder kann sich seine Gedanken dazu machen und versuchen, sich in meine Situation hineinzuversetzen.Vielleicht hilft das auch anderen, etwas daraus zu lernen. Dann hätte sich der Bericht schon gelohnt.

Die Geschichte:

An einem der letzten Tage meines Sommertörns Ende August bin ich mit meiner Sprinta 70 “Moin Moin” am Rande des Großen Belts auf dem Weg von Vejrö – teuerste Insel der Ostsee, die einem wohlhabenden Bankier gehört, und wo man mich üppig als 15m Schiff abrechnet – zu meiner ersten Ankernacht in der Bucht beim Naturhafen Albuen an der Süd-West-Spitze Lollands.

Angenehme Etappe platt vor dem Laken Richtung Südwestspitze von Lolland.© kk

Der Törn gestaltet sich anfangs sehr entspannt. Platt vor dem Laken bei zwei Windstärken aus nördlicher Richtung komme ich gut voran, bis der Wind schließlich auf halber Strecke gänzlich einschläft. Die Sonne brennt erbarmungslos. Ich verstecke  mich hinter dem Großsegel, werfe den Außenborder an und gebe Gas, um noch rechtzeitig bei Sicht den angepeilten Ankerbereich erreichen zu können.

Tolles Wetter bei der Einfahrt zum Fahrwasser. © kk

Die Ansteuerung auf Albuen gestaltet sich etwas schwierig, weil das enge Fahrwasser mit nur 1,50m Tiefe in der Fahrrinne nur von drei nicht befeuerten Tonnenpaare angezeigt wurde. Da ist auch mit meinen 1,20 m Tiefgang langsames Herantasten angesagt, was auch im Hafenführer so beschrieben wird.

Der Weg von Vejrö nach Albuen.

Als ich die Enge hinter mir lasse, befinde ich mich auf einem idyllischen, ruhig gelegenen runden Teich. Weiter hinten in der Ecke gibt es nur einen kleinen Steg für Vereinsmitglieder. Dort steht auch ein kleines Häuschen, das einmal für eine Lotsenstation gebaut worden war. Zu diesem Häuschen sind unter Wasser Kabel verlegt worden, sodass ich schon aufpassen muss, wohin ich meinen Anker werfe.

Die flache Bucht Söndernor gegenüber von Langeland. Die gestrichelte Linie zeigt die Anfahrt aus nördlicher Richtung. © kk

Immer wieder piept mein Tiefenalarm mit teilweise weniger als 40 cm Wasser unter dem Kiel. In Luv der Bucht – der Wind hat auf Südwest gedreht – fahre ich das Ankermanöver und grabe den Anker gründlich in den Boden ein. Er hält im Rückwärtsgang bei Vollgas. Routinemäßig aktiviere ich auf dem I-Pad den Ankeralarm und mache es mir gemütlich. Der Anker fällt um 18:00 Uhr.

Der kleine rote Anker in Lee des Naturhafens Albuen bezeichnet die Stelle, wo der Anker gefallen ist. Der Wind hat auf Südwest gedreht. © kk

Ich hatte zuvor bei gutem Netzempfang den aktuellen Wetterbericht aus dem Netz geholt und hörte dazu die Angaben per Funk ab. Nichts, aber auch gar nichts lässt ein mulmiges Gefühl aufkommen. Einzig und allein der niedrige Wasserstand in der Bucht erzeugt leichtes Unwohlsein.

Aber der Abend im Cockpit ist herrlich. Das Essen schmeckt und nach einem wunderschönen Sonnenuntergang wird es sehr schnell dunkel. Und wenn ich dunkel sage, meine ich dunkel! Um mich herum ist es tief schwarze Nacht! Selbst mit meinem Scheinwerfer sind Landumrisse nur schwer auszumachen. Dafür glitzert der Sternenhimmel klar und strahlend über mir.

Wunderschöner Sonnenuntergang vor der stürmischen Nacht. © kk

Schließlich gehe ich mit meinem Buch unter Deck und versenke die Nase in eine Segelgeschichte.

Plötzlich wird es am Himmel sehr hell. Ich denke noch, dass wohl irgendwelche Touris Fotos schießen…
Dann wieder und wieder….
Oh! Doch keine Touris? Ein Wetterleuchten?

Bei dem nächsten Blick zum Himmel sind die Sterne auch schon verschwunden. Hmmm, sollte tatsächlich ein Wetter aufziehen? Der Luftdruck scheint relativ stabil. Na ja, es wird wohl weit weg sein. Schade, dass das Netz nun so schlecht ist.  Sonst könnte ich die Blitzer-App öffnen und die Zugbahn eines möglichen Gewitters verfolgen.

Um 22:00 Uhr lassen die ersten Böen das Boot schaukeln. Die Fallen klappern heftig.
Eine halbe Stunde später messe ich 5 Bft. Ich verzurre alles windfest und stecke sicherheitshalber noch mehr Kette. Nun sind 13 Meter Kette und etwa 40 Meter Seil draußen bei einer Tiefe von 1,40m. Das sollte doch bei diesem Untergrund satt reichen. – Denke ich…

0:00 Uhr, der Wind heult laut in der Takelage. Das Wasser beginnt zu fliegen. 8 Bft sind es sicher. Ich bekomme ein immer schlechteres Gefühl und fange an, meine Optionen durchzugehen. Ablegen und einen sicheren Hafen ansteuern? Nicht gut bei diesem starken Wind und kaum Sicht. Die Gefahr irgendwo draufzubrummen oder das Unterwasserkabel mitzunehmen ist zu groß. Der Anker hält ja auch bombensicher.

Inzwischen blitzt und donnerte es in der Nähe. Es fängt an, zu regnen. Was für eine Schaukelei, was für ein Krach unter Deck. Ich komme nicht zur Ruhe und setze meinen Kopfhörer auf. Pink Floyd dudelt mich in einen entspannten Zustand. So gelingt es einigermaßen, das Umfeld auszublenden.

1:00 Uhr. Wie elektrisiert schrecke ich in meiner Koje auf. Das Schiff stampft nicht mehr so in der Welle, wie zuvor. Dann ist da ein Geräusch, ein Kratzen am Rumpf. Grundberührung!!!

Die ersten Gedanken, die mir in den Kopf schießen: Hat der Sturm das Wasser aus dem Becken gedrückt? Das war mir schon einmal in einem anderen Hafen passiert…

Ich schnappe mir den Scheinwerfer und wage einen Blick nach draußen.
Das Herz rutscht in die Hose. In unmittelbarer Nähe ist Land zu sehen!

Plötzliche Schieflage in der Nacht. © KK

Wie konnte das passierten? Ich begreife es nicht in diesem Moment. Nur mit einer Unterhose bekleidet springe ich hektisch ins Cockpit und reiße den Außenborder an. Brav springt er sofort an. Aber das Schiff krängt schon so stark, dass er kaum noch das Wasser berührt.

Ich bin wirklich aufgelaufen. Das Boot beginnt immer mehr zu krängen. Nun sitzt auch das Ruder auf. Die Wellen lassen die Pinne rhythmisch hin und her schlagen.

Was soll ich nun machen???
Als erstes muss ich wissen, was passiert ist. Ein Blick auf das piepsende I-Pad zeigt den Driftweg, den ich bis dahin unbemerkt zum Strand zurückgelegt habe.

Der Drift-Weg von “Moin Moin” bis zum Auflaufen (rotes X)

Ich bewaffne mich mit Trockenanzug, Mütze und Schwimmweste, schalte das Deckslicht ein und leuchte ins Wasser. Man kann den Grund sehen. Als ich aussteige, reicht das Wasser bis zu den Waden.

Beim Versuch, das Schiff wegzudrücken, erkenne ich schnell die ziemlich ausweglose Situation. Alleine komme ich hier nicht wieder weg. Das steht fest.

Da ich an Land waten und mich so retten kann, besteht keine Lebensgefahr.
Aber das Boot schlägt immer noch weiter auf die Sandbank. Die Stöße lassen den Salonboden erzittern. Er beult sogar nach innen ein. Jeder Stoß fühlt sich so an, als wenn ich selbst geschlagen würde.

Ich habe Angst um mein Schiff!

Als Erstes erreiche ich meine Frau mit dem Handy. Ich schildere meine Situation mit der Bitte, von zu Hause aus in einer Stunde einen Notruf abzusetzen. Die Position und Fakten kann ich ihr gut übermitteln.

Danach startete ich die App der DGzRS (Safe TRX), wo ich registriert bin. Bremen Rescue stellt bei einem Anruf sämtliche Daten mit Bild meines Schiffes zur Verfügung.

1:15 Uhr. Über den „Hilfe“ Button erreichte ich bei der DGzRS eine nette Dame und erklärte ihr mein Problem. Sie will sich wieder melde und kündigt an, dass bei meiner Postition wohl die dänischen Kollegen helfen würden.

Nach einer halben Stunde wundere ich mich, dass sich noch niemand meldet. Dann fällt mir siedend heiß ein, dass ich im Handy noch einen „nicht stören“ Modus eingestellt habe. Nur meine Familienangehörigen können mich erreichen. Fluchend deaktivierte ich diese Funktion und wartete nochmals 15 Minuten ohne eine Reaktion zu bekommen.

1:45 Uhr. Kurz bevor ich einen zweiten Anruf wage, fällt mir ein, dass ich ja das Funkgerät einmal einschalten könnte. Und siehe da, schon werde ich angesprochen:
„Sailing Vessel Moin Moin, Moin Moin, Moin Moin, here is Warship ‘Schleswig Hostein’….“

Die Fregatte “Schleswig Holstein” kommt zu Hilfe.

Die Fregatte der Bundesmarine? 139 Meter lang, 230 Mann an Bord? Uff! Was wollen die denn von mir? Das dürfte knapp für sie werden in der flachen Einfahrt?
Eigentlich erwartete ich ja Dänen. Dachte ich…

Ich antworte, bin offenbar schwer zu verstehen, wechsele auf einen anderen Kanal, und dann klappt es besser. (Richtig gut funktioniert es erst später nach dem Wechsel der Funkbatterie. Nach vier Wochen Betrieb klappt zwar immer noch das Abhören, aber beim Senden bricht offenbar jeweils die Leistung ein.)

Die “Schleswig Holstein” steht tatsächlich gerade im großen Belt. Nach Übermittlung meiner Situation einigt man sich, ein Jet-Speedboot für einen Schleppversuch zu schicken.

3:00 Uhr. Es dauerte ziemlich lange, bis das Speedboot in der Dunkelheit die Einfahrt findet. Es hat nur eine sehr einfache Technik an Bord, und der Skipper muss sich auf die Radar-Angaben vom Mutterschiff verlassen.

Als das Boot endlich ankommt, läuft es prompt mit dem Jet-Antrieb auf und verbiegt die Lenkstangen. Ich wate ihnen im Wasser entgegen – vergesse aber, dass ich noch die Automatikschwimmweste angelegt habe. Man kann sich schon denken, was durch das Spritzwasser passiert! „Pffffft“ Ja! Ich verfüge spontan über sehr viel Auftrieb und kann den Kopf nicht mehr bewegen… Peinlich!

Die Situation am Morgen. Die Sprinta 70 liegt hoch und ziemlich trocken. © kk

Dennoch sind die Soldaten sehr nett und hilfsbereit. Leider führten die verschiedenen Schleppversuche nicht zum gewünschten Erfolg. Der Einsatz wird abgebrochen. Schließlich blockiere ich die 2r0 Mann Besatzung auf einer Fregatte mit 5500 TonnenVerdrängung. Ihr Zeitfenster schließt sich langsam.

Man bietet mir noch einen Lift nach Eckernförde an, ich lehne aber ab. Das Schiff will ich noch nicht aufgeben. Sie lassen mir Lunchpakete da und die Nummer des Diensthandys. Dann brausen sie wieder davon. Man wolle vom Mutterschiff aus die Kommunikation zu den Dänen aufbauen und würde mir weiter helfen…

Aber das ist längst noch nicht das Ende der Geschichte. Mehr dazu um zweiten Teil

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

4 Kommentare zu „Dumm gelaufen: Kai’s Seenotfall – An der dänischen Küste gestrandet“

  1. avatar Andreas sagt:

    Hi Kai,
    sehr gut geschriebene und interesante Geschichte.
    Wer noch nicht Grundberührug hatte ist auch nicht gesegelt
    Bin gespannt auf den zweiten Teil.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 19 Daumen runter 1

  2. avatar Mac sagt:

    Hey Kai.
    Mal ganz ehrlich, wer ankert bei gerade mal 40cm unterm Kiel, (!!dein Tiefenalarm hatte vorher schon ausgelöst!!), in einer Bucht, wo man weis, dass in der Ostsee locker 20-40cm “Tiedenhub” durch den Wind entstehen kann. Du hast selber geschrieben “..niedrige Wasserstand in der Bucht erzeugt leichtes Unwohlsein…” Warum bist du geblieben und nicht einen anderen Platz oder Hafen gesucht!
    .und dann auch noch davon ausgehen, das du auf dem Wasser “Handy-Empfang” hat
    … tut mir Leid aber wer selber sagt “..segel nun schon seit fast 50 Jahren..” dem hätte dies, als Fahrtensegler nicht passieren dürfen!
    ..und mal ehrlich das Liegegeld was du bezahlt hättest, das ist nur ein Bruchteil deines Bootschadens, vom Stress, den du hattest ganz zu schweigen.
    ..du kannst echt noch froh sein, dass keiner dir Bergekosten in Rechnung gestellt hat.
    Mac

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 13

  3. avatar addi sagt:

    Nachdem, was du über die Ausgangsbedingungen geschrieben hast (alles ruhig, Vorhersage gut), kann ich sehr gut nachvollziehen, dass du da geankert hast.
    Vielleicht hätte man früher “vom Acker machen” sollen, als das Wetter umgeschlagen hat, aber wer noch nie eine Fehlentscheidung getroffen hat, kann ja den ‘Daumen runter’ drücken…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 1

  4. avatar Henk sagt:

    So isset! Ich segele seit meinem 3. Lebensjahr und hab gut 40 Lenze auf dem Wasser. Auch ich habe schon falsche Entscheidungen getroffen und dafür bezahlt. Ich hatte aber noch nicht die Traute, Andere an meinen Fehlern teilhaben zu lassen. Respekt und vielen Dank dafür. Ich persönlich ergänze meine Einschätzung von Situationen immer wieder durch das Studium von Seenot- und Havarieberichten. Mitsegler, die weniger vorsichtig sind, bezeichnen mich dann auch gerne mal als Spassbremse, wenn ich unpopuläre Entscheidungen als Skipper treffe, insbesondere dann, wenn sich das Risiko nicht realisiert.
    … sagt Henk, Dein Pruuuuder

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

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