Einem der weltweit ältesten, noch segelnden Schiffe droht der Verfall

Rettet die Norden!

Als der Großsegler Peking, der am 8. September 2020 unter der Anteilnahme tausender begeisterter Zuschauer an ihren Liegeplatz in Hamburg verholt wurde, im Jahr 1911 vom Stapel lief, transportierte der kleine, hölzerne Frachtsegler Norden bereits seit 41 Jahren unverdrossen seine Ladung entlang der rauen norwegischen Westküste. Im Gegensatz zur Peking ist die Norden seit nunmehr 150 Jahren als Segelfrachter, Kümo und Traditionsschiff ohne Unterbrechung in Fahrt und ist heute eines der ältesten noch fahrenden Segelschiffe weltweit. Doch das Schicksal der tapferen, alten Norden ist in ernster Gefahr…

NORDEN unter Vollzeug – der Klassiker ist mit 150 Jahren eines der ältesten noch segelnden Schiffe weltweit. Bild: Volker Gries/ www.tallship-fan.de

Im Jahr 1870 wurde Norden im norwegischen Ort Skanevik an einem Fjord zwischen Stavanger und Bergen aus guter nordischer Kiefer gebaut. Das Schiff ist vom Typ her eine sogenannte “nordische Jacht”, die zu tausenden als Frachter, Lotsenschiffe, Fischerboote und Behördenkutter die Küsten Nordeuropas von Norwegen bis zum Baltikum entlang segelten und nicht wenige von ihnen auch bis nach Übersee. Als universelle Frachtschiffe beförderten sie Trockenfisch, Holz, Getreide, Post u.v.a. entlang der norwegischen Küsten und in die europäischen Nachbarländer und zum Teil auch nach Übersee.

Norden gilt in der nordeuropäischen Szene als schneller Segler. Bild: Volker Gries/www.tallship-fan.de

Norden ist ein typischer Vertreter ihrer Klasse, und mit knapp 20 Metern Länge über Deck und knapp sechs Metern Breite bei circa 90 Tonnen Verdrängung eine der größeren Yachten, die unter anderem – so ist es in der Historie überliefert – Trockenfisch von den Inseln der Lofoten nach Süden und Bauholz und wieder zurück in den Norden Norwegens transportierte.

Sie muss schon damals ein guter Segler gewesen sein, denn Anfang der 1940er-Jahren hielten es die Eigner nach einem Grundsitzer für lohnend, das alte Schiff grundlegend zu überholen und auch das Heck neu zu verzimmern und ihm eine schärfere Linie zu geben. Den Angaben der Zeitzeugen zufolge segelte Norden anschließend auf allen Kursen einen Knoten schneller als zuvor.

Fülliges Vorschiff, Spiegelheck, Beiboot an Davits und scharfe Linien unter Wasser – typische Merkmale einer echten sog. Hardangerjakt. Bild: Volker Gries/www.tallship-fan.de

Nach gut 90 aktiven Jahren als Frachtsegler folgten ab den 1960er-Jahren weitere als motorisierter Küstenfrachter mit großem Ruderhaus, Dieselmotor aber ohne Rigg. Ende der 1070er-Jahre wurde Norden aufgelegt und nach Deutschland verkauft.
Die Versuche der Eigner, das damals schon über 100 Jahre alte Schiff zum Segler zurückzubauen, gelangen nur unvollständig. Norden befand sich bald in einem beklagenswerten Zustand, aber immerhin stand wieder ein über 26 Meter hoher Mast auf dem Kielschwein, ein dreizehn Meter langer Großbaum ragte über das elegante Spiegelheck hinaus und ein acht Meter langer Klüverbaum reckte sich kühn über den Vorsteven. Norden war wieder unter Segeln!

Die Norden in den 1960ern als Küstenmotorschiff

So kaufte Peter Fleck, ein passionierter Segler seit Kindesbeinen, gelernter Berufsseemann und Nautiker aus Bad Schwartau in Schleswig-Holstein das Schiff im Jahr 1988 und überführte Norden vom Liegeplatz in Bremerhaven in den Museumshafen Lübeck. Rigg, Antriebsmaschine, eine Vielzahl von Planken und so einiges mehr wurden in den nächsten Jahren Zug um Zug erneuert und das Schiff so fit gemacht.

Wer an Deck von Norden steht, atmet lebendige Geschichte. Etwas roh, oft kantig, und vor allem üppig dimensioniert ist alles, was man auf dem Schiff anfasst. Seien es die Abmessungen der Festmacherpoller, die Durchmesser des Tauwerks, die Dicke der Planken, die Dimensionen des Riggs – alles ist für hohe Belastung, schwere Arbeit und für die Jahrhunderte gebaut.

Im ehemaligen Laderaum sind ein großer Salon und die Pantry eingebaut. Bild: Christian Schneider

Für einen Yachtie, der es gewohnt ist, mit ummanteltem Tauwerk, leichten Materialien umzugehen, eine andere Dimension. Eine Halse bei Starkwind mit einem 130 Quadratmeter Großsegel aus schwerem Tuch an einem Großbaum mit den Abmessungen eines Telegrafenmastes fährt niemand mehr eben mal aus der Hand. Eine Winsch gibt es nur für den 80 Kilogramm schweren Anker – mit Handbetrieb, versteht sich.

Doch wer sie segeln sieht, der ist begeistert von der feinen Linienführung, dem Deckssprung, der schönen Form ihres Vorschiffs, dem eleganten Heck und dem gewaltigen, hohen Rigg.

Der Steuerstand mit Blick auf die Achterkajüte der Norden. Bild: Christian Schneider

„Man sagt, sie segelt gut und schnell…“ hieß es bald anerkennend an den Küsten Nordeuropas und nicht wenige Yachties zupften irritiert an den Schoten ihrer modernen GFK-Schiffe, wenn knapp 90 Tonnen dunkles Holz mit rauschender Bugwelle unter bis zu 380 Quadratmeter Segelfläche bei frischer Brise von achtern aufkamen. Unter dem Motto „Heute segeln wie gestern“ hatten Gäste und Freunde alter Schiffe gegen einen Obolus die Gelegenheit, zu erleben, wie ein solcher Veteran zur See richtig segelt und trugen so ihren Teil dazu bei, das Schiff zu erhalten.

Glorreiche Zeiten der Norden unter Segel

Sylvester 1989/90 war sie eines der ersten Schiffe unter bundesdeutscher Flagge, das zum Jahreswechsel in Wismar in der damaligen DDR einlief. 1992 führte die erste von mehreren Reisen zum legendären großen Festival traditioneller Schiffe und Yachten nach Brest und Douarnenez in der Bretagne, im 123.Jahr ihres Bestehens besuchte Norden ihren norwegischen Bauort Skanevik, es folgten weitere Reisen nach Irland, England und Skandinavien. 2015 unternahm Fleck mit Norden die letzte längere Reise wieder nach Norwegen, in das eigentliche Heimatland des Schiffes.

Blick über das Vorschiff mit dem Ankerspill, der Nagelbank mit den Vorsegel-Niederholern und dem Klüverbaum. Bild: Christian Schneider

Doch die Jahre hinterließen ihre Spuren. Immer neue behördliche Auflagen machten es immer schwieriger, in Deutschland ein solches Schiff zu betreiben und die Unkosten über Gästefahrten wieder einzuspielen. Während alte Schiffe in anderen Nationen gefördert werden und als Kulturgut betrachtet, wiegen in Deutschland die Stimmen der Almbauern schwerer als die der Seeleute und ein altes Schiff braucht schon vier Masten, um öffentlich wahrgenommen zu werden. Die Umstände und Beschränkungen der Corona-Pandemie taten ihr Übriges. Die Unterhaltung und die dringenden Überholungsarbeiten sind derzeit finanziell nicht machbar.

Bordhund Johnny ist bereits ein erfahrener „Salzbuckel“. Bild: Christian Schneider

„Die Planken, die ich mal erneuert habe, sind zum Teil nun auch schon 30 Jahre alt…“ so Eigner Peter Fleck. „Machen wir uns nichts vor: Es steht eine Grundüberholung an…“, weiß auch der nun 64-jährige Schipper, den auch gesundheitliche Probleme plagen. Am liebsten wäre es Fleck, wenn das Schiff wieder in gute Hände nach Norwegen käme. „Dort ist sie ein Teil der Seefahrtsgeschichte des Landes“, ist Peter Fleck überzeugt.

Der Preis? Peter Fleck ist Realist: „Verhandlungssache – wenn der, der sie übernimmt auch wirklich in der Lage ist, das Schiff zu erhalten. Das steht für mich im Vordergrund.“

Seemann vom echten Schrot und Korn – Nach 32 Jahren möchte Eigner Peter Fleck das alte Schiff in gute Hände abgeben. Bild: Christian Schneider

Norden schwojt an der Pier. Auch wenn die Notwendigkeit einer großen Überholung offensichtlich ist – Nach 150 Jahren ist das Schiff immer noch eine stolze Botschafterin der großen Zeit hölzerner Frachtsegler und Erinnerung an die tüchtigen, norwegischen Bootsbauer, die einst den Kiel in Skanevik legten und an alle, die sie segelten.
Wer führt diese Geschichte weiter…?

Infos + Kontakt:  www.jagtnorden.com

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