Erkenntnisse zum Mann-über-Bord-Manöver: Lieber kein Quick-Stop unter Segeln

"Neuer Ansatz"

Wie bekommt man eine Person wieder zurück an Bord, die im Sturm über Bord gefallen ist? Über die möglichen Manöver wird viel diskutiert. Ein US-Ausbilder beschreibt zwei Versionen, die besonders gut funktionieren sollen.

Adam Loory ist General Manager von UK Sailmakers International in New York. Aber seit über 20 Jahren doziert er am örtlichen SUNY Maritime College zum Thema Sicherheit auf See und organisiert praktische Seminare. Loory beschreibt, wie er in diesem Zusammenhang von Rich du Moulin viel gelernt hat, einem der verdientesten US-Hochseesegler. Er war langjähriger Kommodore des Storm Trysail Club, einem Verein zur Förderung des Blauwassersegelns mit mehr als 1000 Mitgliedern.

Zusammen hätten sie neue Gedanken zum Mann-über-Bord-Manöver entwickelt, schreibt Loory. Denn in den vergangenen Jahren habe es einige Vorfälle gegeben, die einen unglücklichen Ausgang nahmen. Über Bord gefallene Personen seien entweder ertrunken, bevor sie von der Yacht erreicht worden waren, oder bei dem Manöver überfahren worden.

Die generellen Regeln: “Je schneller die Person geborgen wird, desto größer ist die Erfolgschance. Der erste Anlauf sollte funktionieren. Man muss nahe dranbleiben, damit man die Person im Blick behalten kann. Je weiter man sich entfernt, desto länger dauert die Bergung.”

Schwerwettertraining mit moderner Yacht, die unter Segeln kaum zum verunfallten MOB manövriert werden kann. © SUNY Maritime

Eine andere Lektion, die Loory gelernt hat: “Es dauert zu lange, ein Boot unter Segeln direkt neben der Person im Wasser zu stoppen. Denn die meisten Segler benötigen dafür mehrere Anläufe.” Das liege insbesondere an der Bauart moderner Boote. Die seien bei starkem Wind und langsamer Geschwindigkeit wegen der schmalen Anhänge kaum zu manövrieren. Das gelte auch für Yachten mit Doppelruder.

“Deshalb schlagen wir einen neuen Ansatz vor, bei dem der Motor des Bootes eingesetzt wird.” Zwei verschiedene Lösungen hätten sich bewährt, damit man in eine Position kommt, etwa vier Meter in Luv der zu bergenden Person. Sie eignen sich besser als der vielfach empfohlene Standard-Schnellstopp. Wichtig: Vor dem Manöver dürfen keine Leinen im Wasser hängen, damit sie nicht den Propeller blockieren.

MOB-Training © SUNY Maritime

Die beiden empfohlenen Techniken:

1. Lifesling als Wurfleine

2. Lifesling mit dem Midline-Lift

So funktioniert es, wenn man eine Bergung mit der Lifesling als Wurfleine durchführt:

  • “Man über Bord” schreien, Lifesling auswerfen, eine Person als Ausguck bestimmen, die den MOB im Auge behält
  • MOB-Taste auf dem GPS drücken
  • In den Wind steuern und das Boot stoppen
  • Leinencheck und dann Motor starten, im Leerlauf bleiben
  • Vorsegel bergen
  • Großsegel bergen und auf der dem Lifesling gegenüberliegenden Seite fixieren.
  • Erneut vergewissern, dass alle Leinen aus dem Wasser sind und Gang einlegen
  • Zum MOB fahren und das Boot, Bug voraus, 3 – 4 Meter in Luv von ihm positionieren
  • Lifesling dem MOB zuwerfen
  • Das Fall an einer Schlaufe der Lifesling befestigen und den MOB per Winsch hochziehen

Auf diese Weise verliere die Person am Steuer nicht die Sicht auf den MOB und könne unter Motor ausreichend Abstand halten, um die Person im Wasser nicht zu gefährden. Die Lifesling kann dann mit Wind von hinten zum Ziel geworfen werden.

Der alternative Midline-Lift wurde von Profis entwickelt, die 100-Füßern oder großen Trimaranen segeln. Diese Schiffe lassen sich nicht nur bei langsamen Geschwindigkeiten besonders schlecht manövrieren, sondern stellen durch ihre Masse auch eine noch größere Gefahr für die Person im Wasser dar.

Aber der Midline-Lift eignet sich laut Loory auch sehr gut für kleine Crews wie etwa Cruising-Paare. Bei diesem Manöver

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Carsten Kemmling

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2 Kommentare zu „Erkenntnisse zum Mann-über-Bord-Manöver: Lieber kein Quick-Stop unter Segeln“

  1. avatar Norbert Klär sagt:

    Moin

    ganz netter Artikel, aber ich denke (vor allem bei kleinen Crews, d.h. 2 Leute auf einem Boot), wenn da einer über Bord geht, heisst dass für den auf dem Boot, alles alleine machen. Und hier wäre für mich entscheidend

    die Person im Auge behalten können, d.h. wenn immer möglich in unmittelbarer Nähe bleben
    gerade im Küstenbereich oder draussen auf See, wo sich schnell eine entsprechende Welle aufbaut, sollte das Prio haben
    dann sehe ich das Hambuerg- bzw. Münchner-Manöver als geeignet an, eine Person im Wasser anzulaufen, da man hierbei gegenüber dem Quickstopp immer noch die Option hat Kurs und Geschwindigkeit ggf. zu regulieren

    was ich an den Videos sehr bedingt aussagekräftig finde, ist der Umstand, dass die Person im Wasser aktiv an der Rettung/Bergung teilnmmt, dass muss keineswegs die Regel sein, und hier setzt dann für das Crewmitglied an Bord der nächste schwierige Teil an: die Leinenverbindung mit der im Wasser treibenden Person herstellen, was gerade bei modernen Booten mit entsprechend hohem Freibord schwierig ist

    als Anregung ist der Artikel ganz nett, aber von Seiten der Praxis halte ich ihn nicht für brauchbar …

    fair winds
    Norbert

  2. Sagen wir es so – Es gilt :

    Entfernung ist Mist
    Manövrierbarkeit ist notwendig aber ein direktes Anfahren vlt. nicht notwendig
    Zeitraum soll so kurz wie möglich sein
    Mithilfe ja/nein entscheidet über die Strategie

    Das mit irgendwelchen “Standardmanövern” ideal abzudecken ist Unsinn.

    Meine Prämissen:
    + Fahrt sofort raus und Standort sicher stellen und/oder Sicht- und Rufkontakt behalten ( je nach Sicht- und Wetter, Wellen )
    + Manövrierbarkeit sicher stellen ( evtl. Segel bergen ) – nach Möglichkeit schon auf dem Rückweg ( natürlich motorunterstützt )
    + Leinenkontakt herstellen ( wenn Hilfe möglich ) und den MOB über die Leine zum Boot holen ist schneller und sicherer als viele Anläufe

    Die Idee von vornherein die Lifesling-Leine in ein Fall zu binden ist interessant – allerdings ist dann die Länge der Leine arg kurz bemessen ( auf unseren Kleinbooten mit 10..15m Mast ).

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