Everglades Challenge: Joachim “Schappi” Harpprecht zurück aus Florida – ein Toter

Abenteuer in den Sümpfen

Contender-Legende “Schappi” Harpprecht hat es nach dem 300-Seemeilen-Rennen durch Floridas Everglades gerade noch geschafft, die USA zu verlassen. Sein Erlebnisbericht ist vom Unglück eines Teilnehmers geprägt.

Das Everglades Challenge 2020 machte in diesem Jahr unrühmliche Schlagzeilen, weil der 73-jährige Amerikaner Jim Slauson verunglückte. Er kenterte mit seiner Jolle und blieb verschwunden.

In der Nacht, als es passierte war auch Joachim Harpprecht im Rennen. Der Contender-Spezialist, der noch im vergangenen Jahr im Alter von 66 Jahren bei der Weltmeisterschaft im Feld von 128 Booten auf Rang zehn segelte, nahm zum zweiten Mal in Folge an der Abenteuer-Regatta teil, die in den USA längst einen Kult-Status erreicht hat.

Joachim “Schappi” Harpprecht im Ziel der Everglades Challenge 2020. © Watertribe.com

Gestartet wird an einem Strand der Tampa Bay in Florida. Danach stehen längere Strecken entlang der Küste im Golf von Mexiko auf dem Programm wie auch endlos erscheinende Touren durch die „Kanäle“, Sümpfe und Seegrasfelder der Everglades. Mit Pythons, Alligatoren und Seekühen als treue „Außenbordkameraden“.

Es gilt, zwei Herausforderungen mit einem Boot zu meistern: dank minimalem Tiefgang möglichst rasch durch die flachen, mitunter sumpfigen Gewässer der Everglades zu kommen und dennoch seetauglich genug sein, um vor den Küsten im Golf von Mexiko nicht umgeworfen zu werden.

Boot vor Ort selbst gebaut

Harpprecht war im vergangenen Jahr bei seiner Premiere mit reichlich Gepäck nach Tampa geflogen: Einem dreigeteilten Mast, Gabelbaum, Beams, Segel, Trampolin und einem Schnittmuster für 3 Sperrholzplatten. Der Bootsdesigner (u.a. Musto Skiff) und Bootsbauer baute vor Ort bei einem Contender-Freund in zwei Wochen einen kleinen Katamaran, mit dem er bei den Everglades Challenge mitmachte.

Der Everglade-Challenge Kurs

Dabei bringt er lange “Wattwanderungen” im Schlick der Sümpfe mit dem Boot im Schlepptau hinter sich, wundert über den Sprung eines großen Barsches auf das Trampolin, freut sich über Delfin-Besuch und erschrickt über die Begleitung eines großen Hais.

Das Abenteuer hielt, was es versprach, und deshalb startet Harpprecht die Wiederholung für 2020. Hier erzählt er seine Geschichte:

“Jeder ist für sich selbst verantwortlich”

“Gut 100 Boote warten am Strand von Mullet Key bei St. Petersburg, USA wegen Starkwind auf das Ende der Startverschiebung. Die Bandbreite der Teilnehmer reicht vom Nacra 20 mit Kat-Legende Randy Smith (65, Doppel-Olympia-Silber-Gewinner im Tornado) über diverse Kajaks bis hin zum Stand-up-Board. Gegen 11 h lässt der Ostwind auf 20 kn nach, so dass die ca 5 Seemeilen über die freie Bucht bis zur nächsten Landabdeckung für den Großteil der Flotte machbar scheint.

‘Chief’, der Organisator der Everglades Challenge 2020, (Watertribe.com) bietet zusätzlich einen zweiten Startpunkt weiter südlich in Landabdeckung an und verweist nochmals darauf, dass jeder Skipper für sich selbst verantwortlich ist.

Gerefft und etwas unterpowert habe ich auch in den ca. 1,5 m hohen Wellen keine Probleme,  reffe in der Landabdeckung wieder aus und erreiche um 18.30 h den ersten Checkpoint bei Englewood. Mein kleiner Selbstbaukat ist zwar sehr schnell, aber segelt recht nass und unbequem.

4 Beaufort und Sternenhimmel

Am nächsten Tag möchte ich bei auflaufendem Wasser den Checkpoint 2 in Chokoloskee bei Everglades City erreichen. Ab Marco Island wird es dunkel. Herrliches Segeln bei 4 Bft und Sternenhimmel. Dann noch 12 sm Kreuz und weitere 8 sm durch den Indian Pass bis Chokoloskee. Um Mitternacht habe ich es geschafft.

Vier Stunden Pause, dann wieder in den nassen Neo. Um 4 Uhr nachts starte ich bei ablaufendem Wasser durch die vielen Mangroveninseln wieder ins offene Wasser Richtung Flamingo. Bei Tagesanbruch herrliches Segeln unter Gennaker mit 10 kn und mehr. Plötzlich liege ich im Bach und bin hellwach! Der Wind hatte schlagartig von ca 3 auf 5 Bft aufgebriest und war spitzer geworden. Es hat mich umgeworfen. Nun also schwimmend zuerst den Gennaker zurück in die Tüte, dann den Kat an der Kenterleine aufrichten.

Weiter geht’s mit Vollzeug halbwind entlang der Thousand Islands. Später legt der Wind noch mehr zu, völlig überpowert erreiche ich endlich in die Landabdeckung von Sable Island. Ich binde das zweite Reff ein – und werde später trotzdem nochmal umgepustet.

Erstmal abwarten

Inzwischen überall White Caps, der Wind weht geschätzt mit 35 Knoten. Ich ziehe den Kat auf den Leestrand von Middle Cape und warte erst mal ab. Im Wetterbericht der Coast Guard über Seefunk wird ein Abflauen des Windes angekündigt, wenigstens die White Caps in Lee verschwinden und ich entschließe mich vor Dunkelheit bis Flamingo zu segeln.

Die 10 sm Kreuz vom South Cape bis Flamingo wird nochmal hart, der kleine Kat kämpft sich tapfer durch die ca. 1 m hohen Wellen, die kleine Selbstwendefock hilft beim Wenden. Die 3. Kenterung an diesem Tag kostet nochmals Kraft und ich berge vor dem endgültigen Aufrichten die Fock, damit der Kat nicht gleich wieder umgepustet wird.

In der Dämmerung stehe ich kurz vor der Hafeneinfahrt, muss aber wegen des starken Ebbstroms lange für die letzten Meter kämpfen. Zu meiner Freude bin ich 3. Boot der ganzen Flotte am Checkpoint Flamingo!

Boot von “Sailorman” gefunden

Leider muss ich auch erfahren, dass das Boot von „Sailorman“ gekentert aufgefunden wurde, er selbst aber nicht. Auch am nächsten Morgen noch keine Spur von Sailorman, 72 Jahr alt und einhand mit einem der bewährten 2 mastigen kleinen Einrümpfer vom Typ Core Sound 17 Mark 3 unterwegs.

Am Montag, als der Starkwind einsetzte, zeigte sein SPOT Satelliten-Tracker, dass er rechtwinklig mit dem Wind vom Kurs abwich. Allerdings drückte er mehrfach die OK-Taste, heißt “mir geht es gut”. Ein verhängnisvoller Irrtum! Sailorman, ein erfahrenenr Skipper litt unter Diabetis. Ob das eine Rolle spielte?

Musste er sein Boot zu lange konzentriert segeln? Hatte er deshalb Gesundheitsprobleme und traf falsche Entscheidungen? Wollte er schon vorher auf den mit einer Lasche gesicherten Notrufknopf drücken und drückte aus Versehen auf OK? Warum aktivierte er nicht seinen EPIRB Notsender, den jeder an seiner Schwimmweste tragen muss? Ist das im Wasser treibend bei 35 kn Wind und Gischt überhaupt möglich, wenn man die übliche Jollen „Schwimmweste“ trägt? Den genauen Sachverhalt werden wir vermutlich nie erfahren.

Eine Fehlentscheidung

Unter diesen Eindrücken beschließe ich, mich etwas zu erholen und erst mit dem Nachmittagshochwasser direkt Richtung Osten die schmalen Rinnen der Florida Bay zu durchsegeln. Eine Fehlentscheidung. Durch den Starkwind war einfach zu viel Wasser aus der Bucht gedrückt worden, und am Abend liege ich wieder im Hafen von Flamingo, mein schöner guter Platz über Alles war weg! Was soll’s. Steh zu der Entscheidung und bringe die Tour sicher am nächsten Tag zu Ende, denke ich.

Am nächsten Morgen Wind aus Nordost! Also dann doch nicht weiter auf der Südroute. Erneuter Versuch direkt nach Ost. Ich kann die markierten, sehr engen Channels größtenteils anliegen trotz wenig Schwert und hochgeklappter Ruderblätter und komme problemlos am Nachmittag im Ziel in Key Largo an.

Sieger über Alles nach ca. 300 sm ist Randy Smith auf dem NACRA 20 Zeit: 1 Tag und 4 h!!! 42 Crews im Ziel, davon 24 Segler, 1 von 3 SUPs! Ich lande auf Gesamtplatz 16. Siebter unter den Einhandseglern,

Gedenkminute

Nach der traurigen Abschlussfeier mit Gedenkminute fahre ich von Miami mit dem Mietwagen nach Tampa, mein Boot schenke ich dort einem 14 jährigen Segler mit dem Rat, sich langsam an den Kat heranzutasten. Das soll’s erstmal gewesen sein mit dem Florida-Abenteuer.

Dann kommt auch die Corona-Krise nach Florida. Tampa fertigt keine internationalen Flüge mehr ab. Ich muss zurück nach Miami. Die Reise wird eine Odysee. Der Flug London Hamburg gecancelt, Umbuchung nach München. Von dort weiter mit dem im Zug gen Norden. Umsteigen in Frankfurt um 00.30 Uhr, Weiterfahrt gegen 5 Uhr – das kenne ich doch vom Checkpoint Chokoloskee…

Ausführlicher Erverglades Challenge Film:

Ein Kommentar „Everglades Challenge: Joachim “Schappi” Harpprecht zurück aus Florida – ein Toter“

  1. Ein später und wenig beachteter Bericht der Florida Coast Guard berichtet dass Sailorman’s Boot ursprünglich aufrecht gefunden wurde, und erst durch die Rotorwinde des Helikopters umgeworfen wurde. Wenn das so stimmt würde ich den plötzlichen Kurswechsel eher als Indiz für ein Überbordgehen interpretieren.

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