Fundstück SEGELN: Schwarzer Humor, unbequeme Wahrheit

Verklärte Selbstquälerei

Wörterbuch zu Wahrheiten aus dem Seglerleben. © C. Stock

Wer segelt, muss einen gewissen Hang zum Masochismus haben. Das ist uns Seglern längst bekannt, auch wenn wir es lieber nicht so genau wissen wollen. Neulich stolperte ich über ein fast dreißig Jahre altes Wörterbuch, dessen Lektüre die Augen öffnet für die Wahrheit über unsere zur Sportart verklärte Selbstquälerei.

Schon auf der Titelseite heißt es zutreffend: „Segeln ist die Kunst, naß und krank zu werden, um mit hohen Ausgaben langsam nirgendwohin zu treiben“.

Wer das Wesentliche am Segeln so auf den Punkt bringt, kann kein Segler sein. Oder doch? Jedenfalls ist der US-amerikanische Autor Henry Beard ein Humorist, der ansonsten so schöne Werke schreibt wie The Official Rules of Bad Golf. Und Illustrator Roy McKie bebildert normalerweise Kinderbücher.

Schwarzer Humor

Umso verblüffender ist, wie oft die beiden in ihrem vor schwarzem Humor triefendem „Wörterbuch für Landratten, Seebären und Badewannenkapitäne“ den Nagel auf den Kopf treffen. Da heißt es beispielsweise unter dem Stichwort Stauraum: „Hohlraum zwischen Außenhaut und Verkleidung einer Yacht, in welchen Kleider und andere persönliche Gegenstände untergebracht werden, um dort eindringendes Seewasser oder Flüssigkeit aus der Bilge aufzusaugen.“

Abriss-Heck. © C. Stock

Ähnlich erfahrungsgesättigt ist der Eintrag zum Thema Schraube: „Unter-Wasser-Winsch, deren Zweck es ist, alle über das Heck außenbords hängenden Leinen und Angeln aufzurollen.“

Der Großbaum wird folgendermaßen definiert: „Waagerecht montierte Holzstange, an der das Segel festgebunden ist. Erfahrene Rudergänger räumen mittels des Großbaumes das Deck von dumm herumstehenden Crewmitgliedern (siehe auch Halse).“

Regattasegler werden sich ebenfalls wieder erkennen, etwa wenn es über den Spinnaker heißt: „Außerordentlich großes, aus sehr teuerem und extrem leichtem Stoff gemachtes Spezialsegel, dass vom vorderen Ende eines Schiffes ins Wasser gehängt wird, um die Fahrt zu verlangsamen.“

Zum Thema Katamaran heißt es mit frappierender Logik: „Doppelrumpfkörper: Seine wichtigsten Merkmale sind die Breite. Dadurch wird die Kollisionsgefahr verdoppelt, die Zeit bis zum Untergehen aber halbiert.“

Seekarte zum Schutz gegen Rotweinflecken

Unter dem Stichwort Kurs wird kurz und bündig beschrieben, was besonders Fahrtensegler nur zu gut kennen: „Die Richtung, welche ein Skipper steuern will und aus welcher der Wind kommt.“ Überhaupt, beim Thema Navigation laufen die beiden Humoristen zu großer Form auf. Die Seekarte gilt ihnen als „großer Papierbogen, der dazu dient, polierte Holzflächen vor Tee- oder Rotweinflecken zu schützen“.

Missbräuchliche Verwendung der kleinen Knotenkunde. © C. Stock

Und welcher Segler kennt nicht den Frust beim Auftreiben von Ersatzteilen, wie sie dem Eintrag zum Thema Katalog zugrunde liegen: „Herstellerliste für Ersatzteile, die entweder zur Zeit nicht lieferbar sind oder seit zehn Jahren nicht mehr produziert werden.“ Das bleibt auch im Zeitalter des Online-Shopping aktuell…

Eine von Beard/ McKie häufig angewandte Methode zu unserer Erheiterung ist das Wortspiel. Das Lenzventil definieren sie beispielsweise so: „Spezialeinrichtung an Bord von Segelyachten, welche es erlaubt, die beim Sport störenden Frühlingsgefühle abzulassen.“

Purer Klamauk ist auch der Eintrag zur Curry-Klemme: „Allergische Reaktion eines Seglers auf zu stark mit Curry gewürzte Speisen, tritt vor allem bei Segeltörns rund um Ceylon auf und äußert sich als eine Verkrampfung der Mastdarmmuskulatur, weswegen die Speisen stattdessen durch die andere Öffnung ausgeschieden werden.”

Eines meiner Lieblingsstichworte in diesem schönen Wörterbuch betrifft ein etwas aus der Mode gekommenes Vorsegel: „Die italienische Hafenstadt Genua ist eine der beliebtesten Städte aller Skipper, weil auf allen Segelyachten immer wieder “Hochrufe” auf diese Stadt ausgebracht werden. (“Genua hoch!”)

In diesem Sinne ein Prosit auf den Segelsport!

Henry Beard/ Roy McKie: SEGELN. Ein Wörterbuch für Landratten, Seebären und Badewannenkapitäne. Ins Deutsche übertragen von Dr. Michael Funke. Tomus-Verlag, München 1983.

avatar

Christian Stock

Näheres zu Christian findest Du hier
Spenden
https://yachtservice-sb.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *