Gebrauchtboote II: Drei „Kleine“ mit Werterhalt

Solide, zeitlos, wertig

Der Spaekhugger – sieht unscheinbar aus, glänzt mit hervorragenden Segeleigenschaften © stumm

Der Spaekhugger – sieht unscheinbar aus, glänzt mit hervorragenden Segeleigenschaften © H.Stumm

Im zweiten Teil unserer kleinen Gebrauchtboot-Vorstellung geht’s vom „Wal im Schafspelz“ bis zum „Ur-Performance-Cruiser“. Die etwas kleineren Boote für Touren- und Regattasegler.

Spaekhugger: Wal im Schafspelz

Wer nach einem kleinen Kajütkreuzer für Tages- oder Wochenendtörns zu überschaubarem Geld sucht, ist mit dem dänischen Spaekhugger (dänisch für: Orca) noch immer gut beraten. 1968, im Jahr der Revolten entworfen, brach auch das eigenwillige Boot mit gängigen Konzepten: Die rundlichen Linien des Spitzgatters suggerieren zunächst Behäbigkeit, aber das an einem Wal angelehnte Peter Bruun-Design segelte von Beginn an allen davon.

1972 belegte das kleine Kielboot mit einem Ballastanteil von über 60 Prozent (auch heutige Performance Cruiser erreichen diesen Wert nicht) die ersten drei Plätze auf der damals weltgrößten Regatta „Sjælandt Rundt“. Noch immer überzeugt das Boot seglerisch, was auch in den gut 40-qm Segelfläche, die wegen des hohen Ballastanteils an dem gut trimmbaren 9/10-Riggs am Wind setzbar sind, begründet liegt. Darüber hinaus laufen die Wellen am Spitzgattheck und Löffelbug gut ab, was den Wal trotz seiner geringen Größe und dem flachen Freibord sehr seetauglich macht.

"Wal im Schafspelz" © stumm

“Wal im Schafspelz” © stumm

Die Kombination aus sportlichem Segeln und gutmütigem Handling beschert dem Speakhugger eine große Fangemeinde, im benachbarten Dänemark ist er längst Kult und bestimmt das typische Hafenbild. Neben der Normalversion wurde auch eine F-Variante (Family) mit voluminöserem Aufbau und komfortableren Ausbau gebaut, die heute etwas höher gehandelt wird. In über 25 Jahren wurden über 500 Spaekhugger an den Segler gebracht und es werden noch mehr, denn seit 2004 wird der kleine Wal im schwedischen Limhamm wieder auf Anfrage gebaut, im 45. Lebensjahr nun schon: Alter Däne, was ´ne Leistung!

Spaekhugger

Design:  Peter Bruun
Lüa:  7,44 m;  LWL:  6,30 m;  Büa:  2,33 m;  Tiefgang:  1,45 m
Verdrängung:  2.280 kg;  Ballast:  1.372 kg
Takelung:  9/10;  Großsegel:  18,4 m2
Fock:  16 m2;  Genua:  22 m2;  Spinnaker:  52,5 m2
Kojen:  4
Motor:  versch. AB & Einbaudiesel
Preis 1975 (ausgebaut):  knapp 40.000 DM
Preis heute:  um 10.000 €uro

Weitere Informationen: www.spaekhugger.dk, www.peterbruun.dk (Ersatzteile)

 

HR 29: Solide, zeitlos, wertig

Eine "Rassy" – Törnseglers Traum mit gutem Werterhalt © stumm

Eine “Rassy” – Törnseglers Traum mit gutem Werterhalt © stumm

Wer sich Bootsbau-Trends widersetzt, verzichtet auf kurzzeitige, kommerzielle Erfolge: Oft zugunsten eines langfristigen Werterhalts. Bestes beispiel dafür ist die schwedische Traditionswerft Hallberg Rassy aus Orust. Und wohl kaum ein anderes Boot ist zeitloser designt als die kleine HR 29, die in der langen Bauzeit zwischen 1982 und 1994 satte 571 mal gebaut wurde.

Obwohl es schon früher die kleineren Modelle HR 24, 26 und 28 gab, sieht Werftchef Magnus Rassy die HR 29 als das Einstiegsmodell, in der der Traum von den großen Fahrten-Schwestern für viele greifbar wurde: „Die 29er hat viel mehr von den rassy-typischen Merkmalen. Ich denke da an die integrierte Scheuerleiste, das fast immer verbaute Stabteakdeck, die werftüblichen blauen Zierstreifen oder ihre Linien, die sich so eigentlich noch bei aktuellen Modellen wiederfinden.“

Zeitloses Design und hervorragende Verarbeitung = gute Wertigkeit © stumm

Zeitloses Design und hervorragende Verarbeitung = gute Wertigkeit © stumm

In der Tat wirkt die Silhouette noch immer ansprechend und zeitgemäß: Statt des Mittelcockpits früherer Rassy´s (HR 312) bekam sie schon das klassische Achtercockpit und der klar abgesetzte Aufbau mit den drei Alu-Fenstern findet sich so ähnlich auch noch beim derzeitigen Einstiegsmodell HR 310.

Ein voll abgetrenntes Vorschiff mit WC und V-Koje sowie ein rassy-typisch hochwertiger Mahagoni-Ausbau ermöglichen es kleinen Crews komfortabel Küstengewässer zu bereisen.

Viele aber wagten sich auch deutlich weiter heraus (s. Webseite), was das stäbige Fahrtenboot problemlos mitmacht: Seetauglichkeit, auch in schwererem Wetter, ist seit jeher ein Markenzeichen der Werft, die für ihre solide Bauweise mit großen Sicherheitsreserven berühmt ist. Und genau diese Kombination aus Werftrenommée, Wertigkeit und zeitlosem Design ist es, was die HR 29 preisstabil am Markt macht.

Hallberg Rassy 29

Design:  Olle Enderlein/ Christoph Rassy
Rumpf/ Deck:  GFK massiv/ Sandwich mit Vinylschaumkern
LüA:  8,90 m;  Breite:  2,83 m
Gewicht:  3.800 kg;  Tiefgang (Kielgewicht):  1,59 m (1.750 kg)
Mast:  9/10;  Segelfl. a.W.:  38 qm
Motor:  Volvo Penta 2002 S120B (18 PS)
Wasser:  120 l;  Diesel:  60 l
Neupreis 1987:  90.700 DM
Gebrauchte:  25.000 – 50.000 Euro (stark zustandsabhängig)

Weitere Informationen: www.hallbergrassy.com

 

X 99 – früher Performancecruiser

Wer eine sportliche Segelyacht sucht, mit der man sich sowohl auf Mittwochsregatten wie auch in direkter Konkurrenz messen kann, gleichzeitig aber auch den Wochenendtörn mit Familie nicht aus den Augen verlieren darf, sollte die X-99 ins Auge fassen. Die von Werftgründer Niels Jeppesen 1984 gezeichnete Yacht mit 7/8-Rigg und Backstagen bietet großen Segelspaß mit zahlreichen Trimmmöglichkeiten und ihre bis heute aktive Klasse gilt nach wie vor als größte, seegehende Einheitsklasse Europas: Allein zur WM 2011 vor Kiel gingen noch immer 40 Yachten an den Start.

Trotzdem lassen sich mit der zwar spartanisch, aber funktional ausgebauten und daher nur drei Tonnen schweren Yachten auch Fahrtentörns mit Familie unternehmen: Eine riesige, komplett unter das Achterschiff gelegte Achterkoje geht offen in den Salon über. Das Vorschiff für die Kleinen aber ist samt kleinem Pump-WC von diesem Lebensraum durch eine Tür abgetrennt. Auch eine notdürftige Pantry mit Schapps, Spüle und Kocher ist vorhanden, eine Kühlbox nachrüstbar.

Hervorragend in jedem Einsatzbereich: Als Familien- und als Regattaschiff © stumm

Hervorragend in jedem Einsatzbereich: Als Familien- und als Regattaschiff © stumm

Klar geht man in Komfortfragen Kompromisse ein, aber die werden durch ein großes Arbeitscockpit und immer noch hervorragende Segelperformance entlohnt. Der visionäre Entwurfsspagat aus sportlichen Segeleigenschaften und Tourentauglichkeit (im Grunde ist sie ja ein verfrühter Performance Cruiser) traf voll den Zeitgeist jener Jahre und war wesentlicher Erfolgsgrund der X-99: 605 Einheiten konnte X-Yachts in 20 Jahren Bauzeit bis 2004 absetzen. Dabei wirkt sie auch heute noch optisch ansprechend: Kein Rating stört die Ästhetik, keine Regel das auf maximale Geschwindigkeit ausgelegte Konzept. Der Leitgedanke hinter dem Design war von vornherein eine anvisierte „Einheitsklassen-Yacht, schnell genug, um vergleichbare Boote ähnlicher Größe, inklusive der Tonner-Klassen, zu schlagen“, erklärt Jeppesen seinen Entwurf.

Mutig in einer Zeit, in der fast alle Werften nach IOR zeichneten, aber der X-Gründer sah das Potenzial: „Es gab Mitte der 80er klar den Wunsch nach einer Yacht mit den Qualitäten der (ebenfalls formelfreien) X-79, nur als 10-Meter-Klasse.“ So wurde die 99 zu deren großer Schwester, mit entsprechend größerem Einsatzgebiet. Echte strukturelle Schwächen gibt es nicht. Dennoch ist die Preisspanne, ab 25.000 bis hin zu 45.000 Euro für die modifizierte MK2-Version, heute relativ hoch.

Was einerseits an der langen Bauzeit, andererseits an verschleißbedingten Qualitätsunterschieden liegt, denn fast alle wurden und werden im Regattaeinsatz gesegelt. Aber genau diese Fangemeinde aus Seglern, die für überschaubares Geld Regatta und Touren segeln wollen, hält die Preise seit Jahren beachtlich stabil: Vor gut 20 Jahren lag der Neupreis auch nur bei 65.000 Euro.

X 99

Design:  Niels Jeppesen
Bauweise:  Rumpf & Deck als GFK-Sandwich
LüA:  10,00 m;  LWL:  8,50 m;  Breite:  3,00 m
Tiefgang:  1,75 m;  Verdrängung:  3.000 kg;  Ballast:  1.300 kg (46%)
Takelung:  7/8;  Großsegel:  32,2 m2
Genua 3:  30 m2;  Spinnaker:  78 m2
Segeltragezahl:  5,52;  Theoret. Rumpfgeschw.  7,08 kn.
Kojen:  4+2
Frischwasser:  50 l;  Dieseltank:  30 l
Motor:  Volvo Penta (10 PS) mit Saildrive, frühe mit Bukh-Motoren
Neupreis 1990:  ca. 65.000 Euro
Gebrauchtboote:  25.000 – 40.000, neue MK2-Version bis 50.000 Euro

Weitere Informationen:  www.x-yachts.com, www.x-99.de

 

Immer kernig vorneweg: die X 99 © x99-equis

Immer kernig vorneweg: die X 99 © x99-equis

 

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Hinnerk Stumm

... segelt seit Kindertagen, von Jolle bis Dickschiff. Sein Motto: „Segeln ist letztlich völlig überbewertet!“ Weiteres ...
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3 Kommentare zu „Gebrauchtboote II: Drei „Kleine“ mit Werterhalt“

  1. Der Spæki ist wirklich eines der schönsten Boote, das ich kenne. In Marstal stehen seit Jahren 2 an Land. Hatte mal versucht, beide zu kaufen, aber da waren die Eigner noch nicht so weit. Wer einen sucht, sollte da mal nachhaken. Die sind von der Substanz gut, und sicher sehr billig, wenn verkauft werden sollten.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 1

  2. avatar MAUERSEGLER sagt:

    …gilt auch für die 3 Geschwister Marsvin, Grinde (mein Favorit) und Kaskelot (ca. 6,5/ 9,5/ 11,5 m). Schönes, sehr eigenständiges Design und super Segler

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  3. avatar christian1968 sagt:

    Grinde ist der absolute Hammer. Wir durften letztes Jahr eine besichtigen und haben uns sofort verliebt. Sieht immer noch modern aus, hat Platz ohne Ende und scheint auch extrem seetüchtig zu sein.

    Leider ziemlich teuer, so um 30 K.

    Spaekhugger sind bedeutend günstiger

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