Gestorben: Als Rüdiger Nehberg über den Atlantik segelte – Einbaum mit Selbststeuerung

"Ich bin Seekrank-Weltmeister"

Was für ein skurriles Interview. Erst eine 14-stellige Telefonnummer wählen, es klickt am anderen Ende der Leitung, dann plätschert es lange, schließlich meldet er sich tatsächlich. Rüdiger Nehberg, der irre Überlebenskünstler. Er sitzt auf einem Einbaum mitten im Atlantik.

“Ich hasse das Meer”, sagt Nehrberg in der ZDF-Reportage. © Nehberg

20 Jahre ist es her, dass Nehberg im Senegal gestartet war, um auf dem Wasserweg allein nach Brasilien zu kommen. Eine spektakuläre Aktion, mit der der Hamburger Konditor auf die Gefährdung der im Amazonasgebiet lebenden Yanomami-Indianer und die Abholzung des Regenwaldes aufmerksam machte.

Ursprünglich wollte er sich nur treiben lassen. Schließlich setzte er aber doch Segel und bat in der Redaktion um Know-How-Hilfe. Die allgemeine Meinung: Der ist verrückt!

Aber Nehberg zog seinen Plan durch. Basis seiner Konstruktion war ein 350 Jahre alter Baumstamm, der ihm von einem Schweizer Förster überlassen worden war, als er von Nehbergs Aktion zugunsten des Regenwaldes hörte. Es sein eine schöne Sache, wenn der Baum helfen könne, seine Baumgeschwister zu retten.

Dreimal über den Atlantik

Der Abenteurer, der 2000 in Deutschland durchaus schon eine gewisse Bekanntheit erlangt hatte, seit er 1971 bei seinem ersten Abenteuer den Blauen Nil in Äthiopien und dem Sudan mit einem Floß befahren hatte. Zuerst entstanden seine Expeditionen aus reiner Abenteuerlust. Seit 1982 verband er die Aufmerksamkeit für seine Aktionen mit dem Kampf erst für das Überleben der Yanomani-Indianer in Brasilien und später gegen die Praxis der Genitalverstümmelung.

So lautete die Botschaft auf seinem Segel:

500 Jahre Brasilien.
Tausende  von Jahren indianische Kulturen.
Millionen von Jahren amazonischer Regenwald.

Zeit zu handeln!

Beschützt die eingeborenen Völker!
Respektiert ihre Landrechte!
Erhaltet den Regenwald!

Denn nur Vielfalt ist die Garantie für eine lebenswerte Zukunft

Er verkaufte seine Konditorei-Läden in Hamburg, die er 25 Jahre lang mit bis zu 50 Mitarbeitern betrieben hat, wurde zum Profi-Aktivisten und lebte von seiner Medienpräsenz, die den Bücher-Verkauf ankurbelte. Der gute Zweck seiner Aktionen wie auch seine erfrischende, mitreißende Art brachten ihm viele Sympathien ein.

“The Tree” beim Testen der Windpilot-Selststeueranlage. © Nehberg

Für seine Aktion “The Tree” testete er Modelle seiner Konstruktion im Bach vor dem Haus. Atlantik-Brecher konnte er nicht simulieren, aber sicher war er kein Hasardeur. Zuvor hatte er schon zweimal den Atlantik überquert. 1987 mit einem Tretboot und drei Jahre später zusammen mit Menschenrecht-Aktivistin Christina Haverkamp erstmals zu den Yanomani mit einem Bambusfloß. Die Reise trug dazu bei, dass den Indianern ein geschütztes Reservat zugestanden wurde.

Angst vor dem Wasser

Die Überfahrten funktionierten, auch wenn Nehberg offen zugab, dass er eigentlich Angst vor dem Wasser habe. Er überwand das Defizit beim Training mit der Kampfschwimmer-Einheit in Eckernförde.

Sein Baumstamm war dann schließlich auch nicht so hilflos auf dem Wasser unterwegs, wie Nehberg manchmal glauben machen wollte. Er ließ eine Selbststeuerung von Windpilot installieren, und die hielt das 18 Meter lange und 12 Tonnen schwere Gefährt mit seinen beiden Bambus-Auslegern so gut auf Kurs, dass er den Transit in 43 Tagen schafft.

Die Windfahne auf dem “Achterschiff”. © Nehberg

Im Interview damals erinnere ich mich besonders an seine drastische Beschreibung der Seekrankheit. Er werde immer seekrank auf dem Wasser. “Ich bin Weltmeister in dieser Disziplin.” Unglaublich, dass er sich dennoch auf dem Wasser quälte. Aber Nehberg spricht am Satellitentelefon äußerst prägnant über den Kreislauf der Natur, während im Hintergrund seine Baum-Konstruktion über die Atlantik-Wellen quietscht:

Seine Spuckerei habe schließlich etwas Gutes. Dadurch ziehe er quasi eine Köder-Spur durch das Meer. Fische schwimmen quasi immer um seinen Baum herum. Er könne sie harpunieren, essen und übergebe sie (sich) dann wieder ins Wasser. Ein echter Kreislauf.

Nehberg feiert seine Überfahrt zum Anlass der 500-Jahr-Feier von Brasilien als großen Sieg für die Yanomani. Durch die große mediale Aufmerksamkeit ließ sich die brasilianische Regierung einen Kompromiss abringen.

Nun ist Rüdiger Nehberg im Alter von 84 Jahren verstorben. Eine spannende Persönlichkeit, der einem durch seine erfrischende Fröhlichkeit ein Lächeln auf das Gesicht zaubern konnte.

Ein starker Typ. So sprach er 2014 über die Vorstellung von seinem Ableben:

Rüdiger Nehberg Website

Nehberg über sein Leben

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Gestorben: Als Rüdiger Nehberg über den Atlantik segelte – Einbaum mit Selbststeuerung“

  1. avatar Robert Voigt sagt:

    Ein inspirierender Mensch. Meine Hochachtung vor seinem Lebenswerk Danke!!!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

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