Handicap-Segeln: „Miss Isle“ von der Queen geehrt – Per Mundsteuerung round the island

Königliche Anerkennung

Miss Isle, Schwerbehinderung, Mundsteuerung

Miss Isle vor der Tower Bridge, hier freilich mit einigen Helfern für das anstehende Anlegemanöver © miss isle

Schwerstbehindert und trotzdem Segeln? Mit Boxhandschuhen und Integralhelm vor sich selbst geschützt, macht Natascha Lambert Furore auf ihrem Mini 6.50. Die Queen ist „highly impressed“.

Wo hört Behinderung auf und fängt die Freiheit an? Die 20-jährige Natascha Lambert, von ihren Freunden und Fans nach ihrer Heimat, der Isle of Wright, kurz „Miss Isle“ genannt – hat das längst ausgelotet. Was für vermeintlich Normale nahezu übermenschlich anmutet, ist für die lebenslustige, schwerbehinderte Seglerin längst zum Alltag geworden: Sie steuert ihren Mini 6.50 mündlich. Und meistens einhand! „Dieses Gefühl von Freiheit, wenn ich die ersten Schläge des Tages segle… das ist so unbeschreiblich, dass ich jedes Mal weinen könnte!“

Behinderung, Mundsteuerung

Über ein kompliziertes Saug- und Pumpsystem steuert sie ihren Mini mündlich © miss isle

Blick nach vorn

Miss Isle leidet unter Cerebral-Parese, auch Hirnlähmung genannt. Die damit verbundenen Handicaps äußern sich vor allem durch Störungen des Nerven- und Muskelsystems (häufig spastisch), vor allem bei der Bewegungskoordination. Ihre Krankheit entwickelt sich schleichend, ihr Zustand verschlechtert sich fortlaufend, wenn auch derzeit glücklicherweise noch in kleinen Schritten.

Trotz dieser Behinderungen ist Natascha alias Miss Isle Seglerin geworden, und zwar Einhand-Seglerin! „Was stört es mich, wenn mein Vater oder mein Coach zur Sicherheit auf dem Schlauchboot hinter mir herfahren oder bei manchen Manövern wie Reffen an Bord kommen? Ich schaue sowieso immer nach vorne, beim Segeln wie im Leben!“ berichtet sie auf ihren Blogs.

Miss Isle steuert und manövriert ihren pinkfarbenen, hochseetüchtigen Mini 6.50 mündlich mit einem komplizierten, aber höchst funktionellen Pump-und Saug-System, das ihr Vater über Jahre hinweg für sie entwickelte. Damit kann sie mittlerweile nicht nur den Kurs halten, sondern auch wenden, halsen und den Segeltrimm verändern.

Miss Isle, Schwerbehinderung, Mundsteuerung

Immer lachend, wenn es der Körper denn zulässt © miss isle

Dabei ist ihr Körper immer in einen Sitz geschnallt ist, der Kopf mit Integralhelm geschützt und ihre Fäuste mit Boxhandschuhen gepolstert. “Ich muss mich eben vor mir selbst schützen,” sagt sie dazu lapidar – ihre Körper zuckt und krampft mitunter völlig unkontrollierbar.

Dass es „hinterm Horizont“ auch für sie weitergeht, hat Natascha bereits mehrfach bewiesen: Sie segelte einhand rund Isle of Wight, überquerte den Ärmelkanal (SR berichtete), loggte 500 Seemeilen bei ihrem letztjährigen Törn nach Wales (SR Bericht), „kletterte“ dort auf einend er höchsten Berge Großbritanniens und segelte kürzlich mal eben rüber nach London, um unter der Tower Bridge hindurch an den St. Katharine-Docks festzumachen. „Okay, das ist jetzt nicht unbedingt ein seglerischer Traum, aber durchaus werbewirksam fürs Spendensammeln!“ stellte sie nach dem Törn klar.

Segelschulbank drücken – auch für Schwerbehinderte

Denn neben ihren sportlichen Ambitionen, neben ihrem ganz persönlichen Stückchen Freiheit, engagiert sich Natascha Lambert zudem für andere kranke Menschen. Sie sammelt bei jedem Törn, bei jeder aktion Gelder für die „Ellen MacArthur-Krebs-Stiftung“ (53.000 Pfund kamen bereits zusammen) und macht Werbung für ihre erst neulich eröffnete „Miss Isle School of Sip & Puff-Sailing“.

Miss Isle, Schwerbehinderung, Mundsteuerung

Die u.a. von Artemis mitfinanzierte Segelschule für Schwerstbehinderte “sip & puff” © miss isle

Dort fließen die mittlerweile umfangreichen, technischen Erfahrungen mit dem speziellen Steuersystem zusammen, dort trainieren spezielle Segellehrer, oft gemeinsam mit Natascha, auf deren Mini 6.50 andere Schwerbehinderte, die erkunden wollen, ob die Freiheit auf den Meeren wirklich grenzenlos ist.

Bleibt die Frage: Kann es einen würdigeren Kandidaten für die „British Empire Medal“ geben, als Natascha? Das hat sich wohl auch die Queen gefragt, die dem Vernehmen nach die schwerbehinderte Seglerin höchstpersönlich auf die „Queen’s Birthday Honour’s List“ setzen ließ.

Guten Wind, Natascha, alle sind gespannt auf die nächsten Aktionen!

Website sip puff

Facebook Miss Isle

Spenden

2 Kommentare zu „Handicap-Segeln: „Miss Isle“ von der Queen geehrt – Per Mundsteuerung round the island“

  1. Super Bericht! Super tolle Seglerin und Mensch.

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  2. Was für ein wundervolles Projekt. Und was für ein glückliches Gesicht auf den Bildern. Toll!

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