Jollenkreuzer Törn: Kurs Helgoland – Abenteuer auf der Nordsee

Einmal zur "Langen Anna"

Die Duisburger Stefan Mauer und Kai Cording haben das Wattenmeer für sich und ihren Jollenkreuzer entdeckt und schon intensiv auf SR berichtet. Nun haben sie ihr Traumziel abgehakt.

Die Faszination für das Wattenmeer hatte uns schon als Kinder gepackt: Kumpel Kai an Bord des elterlichen Jollenkreuzers, mich durch die jährlichen Sommerferien auf den westfriesischen Inseln. Aus einer Laune heraus entstand die Idee, mit einem alten Zugvogel nach Vlieland zu segeln, und aus heimatlicher Verbundenheit mit dem Segelreporter begann die Korrespondententätigkeit über derartige Ausflüge.

Seit wir uns den alten Jollenkreuzer auf dem Baggersee gönnen, gehen wir jedes Jahr ein langes Wochenende auf große Fahrt. Zur Premiere gab´s Kaiserwetter im ostfriesischen Wattenmeer, das uns nach Belieben zwischen Watt und Nordsee pendeln ließ, weil die Seegatten zahmer waren als die heimische 6-Seen-Platte in Duisburg.

Danach lernten wir das Weltnaturerbe zwei Jahre in Folge geographisch und meteorologisch von seiner anderen Seite kennen. Im westfriesischen Wattenmeer zwischen Texel und Schiermonnikoog haben uns bis zu 28kn Wind schon auf der „geschützten“ Wattseite die Hosen nass gemacht – von innen und außen. Sturmfock und kleines Reff waren Dauerbrenner und der verbogene Mast zeugt bis heute von den Kräften, die Wind und Welle auf das Rigg ausgeübt haben.

Der Törnverlauf. Erst nach Helgoland dann zurück ins Watt. © Stefan Mauer

Beide Male hatte uns der Westwind soweit nach Osten geblasen, dass wir die Rückreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln antreten mussten, um Auto und Trailer am Ausgangspunkt einzusammeln.

Tour zur langen Anna

Dieses Jahr ist wieder Ostfriesland an der Reihe. Um die Segelzeit zu maximieren, haben wir uns darauf verlegt, nachts zu slippen und loszufahren – LED-Positionslaternen machen es möglich. Beim Packen fällt Kai eine kleine, alte Flagge in die Hände: grün-rot-weiß gestreift. “Grün ist das Land, rot ist die Wand, weiß ist der Sand, das sind die Farben von Helgoland.” – Wie oft hatten wir schon über eine Tour zur Insel philosophiert – und festgestellt: alles eine Frage des Wetterfensters – wenn es passt, kann man auch mit einem Jollenkreuzer zur langen Anna und zurück.

Klar bei Gastlandflagge: Helgoland. © Stefan Mauer

Für den Fall der Fälle hatten wir ein bisschen aufgerüstet und dem Boot zusätzlich zu seinen Auftriebskörpern einen Kentersack für den Masttopp spendiert. Neben einem Nicosignal und einem UKW-Handsprechfunkgerät komplettierte die App „SafeTrx“ der DGZRS unsere Sicherheitsausrüstung. Sie loggt die Schiffsposition und kann im Notfall von den Seenotrettern abgerufen werden. Schwimmwesten und Lifebelts sind obligatorisch, ebenso wie GPS-Handgerät und aktuelle Seekarten.

Vollmond als Leuchtfeuer © Stefan Mauer

Die Tide gibt wie immer den Takt vor und das Zeitfenster um 3h früh lässt keinen Fährverkehr befürchten, der unserem Stapellauf in die Quere kommen kann. Das größte Problem beim Nachtslippen ist übrigens nicht die Dunkelheit, sondern geschlossene Langzeitparkplätze. Sehr freundlich und zuvorkommend empfiehlt sich die Spiekeroog Garage in Neuharlingersiel, wo wir Auto und Trailer einfach vor die Tür stellen und den Schlüssel in den Briefkasten werfen dürfen.

Im Licht des Sonnenaufgangs

Um 03:45h geht es mit ablaufendem Wasser los. Die Wetterprognose ist zu schön um wahr zu sein. Der Vollmond macht die sternenklare Nacht zu einer perfekten Kulisse für das gut befeuerte Fahrwasser. Aufgrund der lauen zwei Windstärken wechseln wir schon nach wenigen Minuten von der Vorsichtsfock auf die große Genua und kommen im Morgengrauen gut voran. Im Seegatt zwischen Spieker- und Langeoog biegen wir an der Ansteuerungstonne Otzumer Balje rechts ab und nehmen im Licht des Sonnenaufgangs Kurs auf den Lummenfelsen.

Es wird ein Traumsegeltag. Kurs Helgoland ist ein Anlieger und der leichte Wind reicht als Vortrieb für den Jollenkreuzer. Wir machten es uns auf Backbordbug gemütlich und genießen das Meer, das Leben und uns.

Kurs Helgoland in stabiler Seitenlage. © Stefan Mauer

Ein bisschen spannend ist nur das Queren der Fahrwasser von Jade, Weser und Elbe, weil die sommerlichen Temperaturen eine typisch diesige Sicht produzieren. Entsprechend spät kommt der rote Felsen in Sicht. Die Hafeneinfahrt ist nicht ohne Holeschlag zu machen. Also segeln wir gleich einfach um die Insel rum.

Das ist schon eine amtliche Ehrenrunde, weil man auch noch um ein Naturschutzgebiet herum muss. Aber wir haben alle Zeit der Welt und genießen den Anblick der langen Anna durch das Segel-Fenster. Die Regatta-Freunde, die wir eine Woche vorher beim Palby Fyn Cup versetzt haben, quittierten unsere euphorischen Bilder hämisch „Früher war es gut, wenn man das Feld im Fenster sah. Jetzt genügt schon eine Insel“.

Heuschnupfenanfall

Egal, wir sind am Ziel und laufen gegen 15 Uhr in den Helgoländer Hafen ein. Es folgt die  obligatorischen Inselrunde zu Fuß – Am angeblich pollenfreisten Flecken Deutschlands – von wegen! Ich bekomme den Heuschnupfenanfall meines Lebens. Und sah aus, als wäre ich bei der G20-Demo in eine Pfefferspraykanone geraten. Allem unverzollten Sprit zum Trotz liege ich vor Sonnenuntergang in der Koje.

Am nächsten Tag treibt uns der Einkaufszettel süchtiger Freunde zurück an Land und mir die gute Helgoländer Luft erneut die Tränen in die Augen. Durch einen Schleier sehe ich Kai mit einer Seekarte für das nordfriesische Wattenmeer an der Kasse stehen.

Er sagt: „Eigentlich kommt man bei der aktuellen Windrichtung locker bis nach Sylt. Und wenn nicht, könnten wir uns im Amrumer Watt trocken fallen lassen“. Mir ist´s egal, ich will nur noch weg, und so starten wir kurz darauf Richtung Sylt, nachdem wir noch einmal ausgiebig mit Windprognose, Tidenkalender und Seekarte Rücksprache halten.

Aber Windfinder Pro irrt in puncto Stärke. Wir dümpelten fast 2 Stunden vor der Düne, weil der Wind nur noch für Pollenflug reicht. Der Nordwind soll später auf West drehen, was für die Rückreise eine lupenreine Kreuz bedeutet hätte. Also kassierten wir den Plan, gehen auf Gegenkurs und peilen als Tagesziel Norderney an. Ein Clubkamerad weilt dort im Urlaub und hat uns eine Kiste Bier versprochen.

Alleine auf Hoher See

Eine leichte Brise schiebt uns unter Spi aus dem Pollenkegel. Wir haben die großen Pötte hinter uns gelassen haben, die auf Reede darauf warten, in die Elbe einzulaufen. Endlich wieder alleine auf hoher See. Die Sonne ist ein Genuss. Und dieser Blick: Kein Land in Sicht. Das erleben wir Binnenländer leider viel zu selten.

Irgendwann ist in Lee wieder Land auszumachen, und darüber eine interessante Wolkenformation. Sieht aus wie ein zur Wurst gerolltes weißes Bettlaken, nach oben und unten klar begrenzt und ein paar Kilometer lang. Ich will noch schadenfroh darauf hinweisen wollen, dass es wahrscheinlich am Festland regnet, komme aber irgendwie davon ab, weil wir Schutzfaktor 50 nachcremen müssen. Dann schläft der Wind komplett ein. Statt von gemütlichen ein bis zwei Windstärken aufgepustet fällt der Spi müde in sich zusammen.

Wir liebäugeln gerade mit dem Aussenborder, als ein Windstrich in Sicht kommt. Hier spiegelglatte See, dort dunkle Kräusel auf dem Wasser, die sich flott nähern. Mit einem Ruck füllt sich der Spi, allerdings von der falschen Seite. Der hektischen Halse folgt ein ungläubiger Blick erst zum Verklicker, dann in den Himmel. Über uns hängt eine zur Wurst gerollte weiße Bettlakenwolke. Sie hat die angekündigten drei Windstärken aus West im Gepäck.

Lange Anna im Fenster © Stefan Mauer

Die Windrichtung und -stärke ist zwar angekündigt, aber so eine lupenreine 90-Grad Kippe haben wir noch nicht erlebt. Wir sind eine Weile recht kleinlaut: wenn da mehr Wind drin gesteckt hätte… Mit dem Spi auf der falschen Seite… unschön.

Immerhin rauschen wir jetzt wieder mit ordentlich Fahrt Richtung Langeoog, unser modifiziertes Tagesziel. Für die westlicheren Inseln haben wir einfach zu wenig Strecke gemacht…

Der zweite Teil folgt: Trockenfallen auf Wangerooge Ost

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8 Kommentare zu „Jollenkreuzer Törn: Kurs Helgoland – Abenteuer auf der Nordsee“

  1. Einen Trip ins Restaurant oder auch in den Wellness Bereich vom Lundenbergsand http://hotel-lundenbergsand.de/ sollte hier nicht vergessen werden. Traumhaft schöne Deiche mit vielen Schafen, Erholung und Ruhe pur, das dazugehörige Ferienhaus kann ebenfalls für Familien gebucht werden. Preis/Leistungsverhältnis passt auch, ggf. etwas „gehobener“ da Küche und Spa-Bereich nicht üblich sind bei einem Hotel in dieser Preisklasse. Empfehlung vons uns!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 0 Daumen runter 10

  2. avatar Klugscheißer sagt:

    Grün ist das Land, rot ist die Kant, weiß ist der Sand, das sind die Farben von Helgoland!

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  3. avatar Minnisemmel sagt:

    Was ist denn mit Eurer Segellatte passiert?
    Toller Törn!
    Bin gespannt wie es weiter geht.
    Weiter so!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

    • avatar kaic holzwurm sagt:

      Gut aufgepasst 🙂 Loch in der Lattentasche und leider verloren ! Der Mini-Baumarkt auf Helgoland hatte aber einen dünnen Alustab der von der Breite passte und flux konnte das unschöne Killen am Gross behoben werden.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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