Kieler Woche Segelparade: Wenn Cruiser und Racer aneinander geraten…

"Selten dämlich"?

Bei der Kieler Woche 2020 ist die große Windjammer-Parade immer ein Höhehepunkt. Diesmal sorgte eine vermeintlich wildgewordene Regattayacht für Unmut unter einigen Beteiligten.

“Halbtrocken 4.5” inmitten der Segelparade.

Die Segelparade zum Abschluss der Kieler Woche ist das maritime Highlight, das gerne auch in der Tagesschau auftaucht. In diesem Jahr musste sie wegen Corona mit rund 120 Schiffen kleiner als üblich ausfallen, aber der von der 65 Meter langen “Alexander von Humboldt II” anführte und von vielen Fahrtenyachten begleitete Zug aus der Innenförde gestaltete sich immer noch imposant (NDR-Bericht).

Es wurde wie gewohnt eng auf dem Wasser. Und das insbesondere, weil plötzlich eine Regattayacht inmitten der Schiffe auftauchte. Mit ihren schwarzen Kohle-Tüchern kreuzte sie durch das Feld der Parade und musste sich Anfeindungen einiger Skipper anhören.

“Verantwortungslos”

Als danach noch ein Facebook-Video von dem Vorfall gepostet wurde, setzte sich die Aufregung fort. Es fielen die Worte “Schwachmat”, “verantwortungslos”, “selten dämlich”. Aber die Wahrheit hinter dem Aufreger sieht anders aus. Es handelt sich nicht um einen wildgewordenen Racer-Skipper, der einer großen Öffentlichkeit zeigen möchte, was für ein schönes, schnelles Schiff er hat.

Die Wahrheit hört sich anders an. Es handelt es sich um die Mills 45 „Halbtrocken 4.5“ von Michael Berghorn, der beim “Silbernen Band” teilnahm, der Seesegel-Langstrecken-Regatta zur Kieler Woche. Die Ziellinie lag vor dem Sportboothafen Düsternbrook. Er musste mitten durch die Parade kreuzen, wenn er die Regatta nicht aufgeben wollte.

Schließlich war er mit seiner Crew durch die Nacht gesegelt, 134 Seemeilen von Kiel aus in die dänische Südsee, um Aeroe herum, durch den engen Svendborgsund und entlang der Insel Langeland bis zurück nach Kiel. Insgesamt benötigte “Halbtrocken 4.5” als erste Yacht 18,5 Stunden. Für den berechneten Sieg reichte es aber nicht. Es wurde Rang vier.  Vielleicht auch weil die unglückliche Begegnung mit der Parade zu viel Zeit kostete.

“Unglücklich”

Crewmitglied Sören Petersen versucht die Wogen der Entrüstung zu glätten und erklärt: “Wir haben auch noch auf Höhe Laboe versucht, die Wettfahrtleitung über Funk zu erreichen, um abzustimmen wie wir uns verhalten sollen… leider haben wir niemanden erreicht. Es war unglücklich… keine Diskussion.

Eine Entscheidung musste getroffen werden und wir haben uns unseren Weg gesucht.
Zur Planung… ja schwierig. Es haben viele Dinge dazu beigetragen. Die Kieler Woche musste dieses Jahr alle Langstrecken und Mittelstrecken von Düsternbrook starten und dort auch das Ziel aufbauen. Normalerweise war die letzten Jahre immer Ziel am Leuchtturm soweit ich weiß. Ein bisschen anderer Wind in Stärke und Richtung als vorhergesagt führte dazu, dass wir schneller in Kiel waren als gedacht.

Vielleicht noch eine kleine Ergänzung … Boote die ohne Nationalflagge oder mit Zahlenwimpel am Achterstag durch die Gegend fahren, segeln eine Regatta. Wir haben das nicht zum „Spaß“ gemacht, oder um Leute zu ärgern oder jemanden zu gefährden oder um auf uns aufmerksam zu machen. Ja, wir haben das Boot im Griff, sonst wären wir das Risiko nicht eingegangen. – Und nochmals Entschuldigung!”

Die Lehre aus der Geschichte: Wenn Cruiser und Racer aneinander geraten…handelt es sich oft um ein Missverständnis.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

8 Kommentare zu „Kieler Woche Segelparade: Wenn Cruiser und Racer aneinander geraten…“

  1. avatar Fastnetwinner sagt:

    Sicherlich unglücklich orchestriert von Mission Control. Aber am Ende hat ein segelndes Boot ja immer noch Wegerecht vor einem Boot unter Motor. Von daher: Alles richtig gemacht Berghorn & Co!

    PS: Lustige Kommentare da unter dem FB-Video. Gut zum Schmunzeln, ernst nehmen kann man sie ja kaum…

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    • avatar Jens sagt:

      ….das stimmt ja nicht grundsätzlich. VERMUTLICH fand das ganze im Fahrwasser statt,da sagt die Seeschiffahrtstrassenordnung was Phase ist, falls lokal nicht noch detaillierter geregelt.

      Die Haltung von Segelreporter für ein “dumm gelaufen” kann ich da nicht nachvollziehen und ist zu einseitig gen Regatta geprägt.

      Auch wenn der Begriff Seemamschaft abgedroschen ist, trifft es hier zu.

      Extrem unsportlich ,…im Tennis wird man für weniger disqualifiziert

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 0 Daumen runter 28

      • avatar Jonas sagt:

        Wegen der Sache regen sich die Leute auf?

        Wenn man genau hinschaut und schon mal bei dieser Parade mitgefahren ist, dann sieht und weiss man, dass da ausreichend Platz zum durchfahren war.

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      • avatar Fastnetwinner sagt:

        “Extrem unsportlich”: Ist ein Korso von Hobby-Motorboorfahrer-oder Segelbootfahrer-unter Motor jetzt Sport??? Das deckt sich vermutlich nicht mit den gängigen Definitionen von Sport, oder?

        “ist zu einseitig gen Regatta geprägt.” ??? Die Kieler Woche ist doch wohl eine Regatta oder nicht? Es geht doch da um gar nichts anderes. Und wenn da irgendwelche Hobby-Motorboorfahrer-oder Segelbootfahrer-unter Motor eine Art Auto-Korso zur See veranstalten (super für die Umwelt…), dann noch mitten im Regatta-Gebiet, dann ist das natürlich völlig rücksichtslos. Wenn hier irgendeine türkisch/arabische Familie im Rahmen einer Hochzeit ein Autokorso veranstaltet, dann grätscht die Polizei da binnen kleiner einer Sekunde dazwischen….

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  2. avatar Fritz sagt:

    Fahrwasser??!!

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  3. avatar ottomol sagt:

    Es gab da offenbar generell ein kleines Planungs- bzw. Abstimmungsproblem zwischen Wettfahrtkomitee und Behörden. Zwischen 10:30 und 13:30 gab es für die Teilnehmer am Silbernen Band keine „legale“ Möglichkeit in die Förde zu kommen weil dazu laut BfS 172/20 zwingend dass VTG hätte benutzt werden müssen das aber laut Segelanweisungen ein Hindernis war…
    Wir sind etwas später reingekommen und hatten u.a. auch noch diverse vorwiegend niederländische „Traditionsschiffe“ im Weg deren Passagiere uns aber interessiert beobachtet und/oder eifrig fotografiert haben. Insofern würde ich das mal als „Win-win“-Situation bezeichnen und bedanke mich für die Organisation einer tollen Regatta auch unter diesen ungewöhnlichen Bedingungen!

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    • avatar Stefan sagt:

      Wenn die Teilnehmer ein Hindernis benutzen, dann müssten sie doch eigentlich disqualifiziert werden. Oder?

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  4. avatar klaus sagt:

    Gibt es irgendwo einen link zu besagtem Video?

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