Kino-Start: “Styx” mit starker Frau am Steuer – Wie bekommt man einen Menschen an Bord?

"Aushalten und Arbeiten, wenn man seekrank ist"

Kaum zu glauben, wie viele Segelfilme in letzter Zeit über die Kinoleinwände flimmern. Der nächste ist “Styx” und startet Donnerstag, den 13. Er könnte aktueller kaum sein. Was tun, wenn man auf See auf Flüchtlinge trifft?

Gefühlt seit Robert Redfords Drama “All is lost” scheinen sich Dramen auf See in jüngster Zeit zu häufen und immer mehr zu einem eigenen Kino-Genre zu entwickeln. Besonders Schauspieler scheinen es zu mögen, da sie sich eindrucksvoll in Szene setzen können. Sie durchleiden Sturm, Einsamkeit auf See, Notlagen aller Art – eben viel von den Worst-Case-Szenarien, mit denen man sich als Segler durchaus schon mal beschäftigt.

Wenn Filmemacher solch einen Stoff für die Öffentlichkeit aufbereiten, muss das nicht immer realistisch sein. Und gerade bei Seglern sträuben sich schon mal die Haare, wenn sich die Produzenten nicht ausreichend von Segel-Spezialisten beraten lassen.

Styx, Kinofilm

Schauspielerin Susanne Wolff segelt als Rike durch den Kinofilm „Styx“ © Benedict Neuenfels

Aber man lässt sich gerne mit auf See nehmen, weshalb auch der jüngste größere Film auf einer Segelyacht Interesse weckt. “Styx” vom österreichischen Regisseur Wolfgang Fischer, dürfte dabei nicht zum Blockbuster taugen – der Film läuft auch eher in den kleineren Kinos – aber in der Segeszene wird er mit Spannung verfolgt werden.

Ärztin auf Einhand Törn

In der Deutsch-österreichischen Koproduktion die ab Donnerstag, den 13. September in deutschen Kinos gezeigt wird, spielt die gebürtige Bielefelderin Susanne Wolff (45) eine erfolgreiche Ärztin, die bei einem Einhand-Törn im Atlantik auf ein havariertes Flüchtlingsschiff stößt.

Sie war in Gibraltar gestartet und wollte bis zur Insel Ascension segeln, eine tropische Insel im Südatlantik auf der Höhe von Angola. Es soll eine Auszeit werden von ihrem stressigen Job als Notärztin Köln. Aber nach einem heftigen Sturm treibt sie plötzlich in der Nähe eines havarierten Fischtrawlers, der mit mehr als 100 Flüchtlingen überfüllt ist. Sie kann nicht alle aufnehmen – die Segelyacht würde sinken – Also was tun? Rike funkt um Hilfe, aber niemand hilft. Als ein Junge zur Yacht schwimmt, steht die Skipperin vor einer schweren Entscheidung.

Styx, Kinofilm

Ein Containerschiff fährt vorbei. Der Kapitän darf nicht helfen. © Benedict Neuenfels

Die Situation ist nicht weit von der Realität entfernt und könnte kaum aktueller sein. “Ärzte ohne Grenzen” hat gerade bekannt gegeben, dass Anfang des Monats erneut mehr als 100 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken sein sollen.

“Wasser des Grauens”

Vor diesem Hintergrund ist der Filmtitel “Styx” zu sehen. Dabei handelt es sich um einen Fluss aus der griechischen Mythologie. Er trennt die Welt der Lebenden von dem Totenreich und wird auch “Wasser des Grauens” genannt.

Starker Tobak, der nicht für leichte Unterhaltung gedacht ist. Aber bei Filmpreis-Jurys kommt der Stoff schon an. Auf der Berlinale 2018 wurde “Styx” als Eröffnungsfilm gezeigt und er konnte schon zahlreiche Preise gewinnen.

Styx, Kinofilm

Der havarierte Trawler im Hintergund. Wie helfen mit der kleinen Segwlyacht? © Benedict Neuenfels

Die FAZ schreibt zum Inhalt: “Die Küstenwache macht kaum Anstalten zur Rettung. Rike holt einen Jungen an Bord, der ins Wasser gesprungen ist. Und durchlebt dann stellvertretend das moralische Dilemma des Westens. Weitersegeln geht nicht, schon gar nicht für eine Ärztin; einem Einzelnen zu helfen, das heißt: allen anderen nicht zu helfen; allen helfen zu wollen, das hieße: mit ihnen unterzugehen. Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, der Film tue keine Sekunde lang so, als gäbe es eine Antwort auf dieses Dilemma. Das ist die Stärke von Wolfgang Fischers „Styx“. Und diese Stärke rührt wesentlich aus dem Spiel von Susanne Wolff als Rike.”

Wie bekommt man einen Menschen aus dem Wasser an Bord?

Im Interview mit der FAZ spricht die Schauspielerin vom bisher härtestem Dreh ihrer Karriere. “Es war mit Abstand das Projekt, bei dem ich am dichtesten an meine Grenzen herangekommen bin oder vielleicht sogar darüber hinaus; wo man viel über sich erfährt, was Geduld, was Verstehen oder Nicht-Verstehen anbelangt, oder Aushalten und Arbeiten, wenn man seekrank ist.”

Styx, Kinofilm

Segelszene. Alleine an Bord. © Benedict Neuenfels

Wolff kann einigermaßen segeln. Sie hat auf der Alster in Hamburg einen Segelschein gemacht und war dann mit ihrem Vater und Bruder mehrfach auf Törn. Aber sie sagt, es habe zu den Höchstschwierigkeiten gehört, die Rolle einer Profi-Seglerin realistisch darzustellen. “Da gibt es keinen Spielraum für Kreativität.”

Dabei war sie und das Filmteam von einem Problem überrascht, über das sich Segler viele Gedanken machen: Wie bekommt man einen Menschen aus dem Wasser an Bord? Die Szene als sie Szene, als sie den jungen Flüchtling Kingsley an Bord ziehen sollte, war viel schwieriger, als vermutet.

“Wir hatten alle gedacht, das schafft man, einen schlanken Jungen mit meiner Kraft ins Boot zu ziehen. Da haben wir ziemlich die Ohren angelegt und gemerkt, dass, wenn der Junge komplett bewusstlos wäre, es definitiv nicht ginge. Das haben wir einen ganzen Tag lang geprobt, und es funktionierte nicht, ihn einfach mit der Seilwinde nach oben zu ziehen. Ich habe mich dann während der Probe entschieden, ins Wasser zu springen und ihn mit meinem Körper nach oben zu hieven.”

Interview mit Wolfgang Fischer und Susanne Wolff auf der Berlinale:

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Kino-Start: “Styx” mit starker Frau am Steuer – Wie bekommt man einen Menschen an Bord?“

  1. avatar TK sagt:

    Gestern den Film in der Preview gesehen.
    Unabhängig davon, ob man sich jetzt mit der globalen Flüchtlingsproblematik auseinander setzen will oder nicht ist der Film aufgrund der authentischen Segelszenen und guten schauspielerischen Leistung sehr sehenswert.

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