Mallorca in der Nachsaison: Highlight Herbst-Törn

Sturmtief im Anmarsch

Unser Autor erlebte eine wechselhafte, aber schöne Mallorca-Premiere im letzten Herbst. Die Nachsaison im Mittelmeer kann auch im Corona-Jahr hoffentlich noch zu einem Highlight werden.

Ankern in einer der vielen Calas an Mallorcas Ostküste © Nikolas Woeckner

Mallorca! Insel der Gegensätze und eines der beliebtesten Reiseziele der Deutschen. Um zu ergründen, warum jedes Jahr Millionen Land- und vor allem abertausende Segel-Touristen auf die Balearen-Insel reisen, möchte auch ich nach Mallorca fliegen, um dort zu Segeln – wohlgemerkt zum ersten Mal in meinem Leben. Die meisten Kollegen oder Bekannten, denen ich von diesem Vorhaben erzähle wundern sich, dass man als Wassersportjournalist noch nie dort war.

Mein mögliches Zeitfenster für den Törn liegt allerdings im Oktober, dann wenn die Saison sich dem Ende entgegenneigt und viele Charterboote bereits fit für den Winter gemacht werden. Eine kurze Recherche zeigt, dass der Oktober statistisch betrachtet der regenreichste Monat auf Mallorca ist. Aber die Insel gehört ja zu Spanien und wie schlimm kann es da schon niederschlagstechnisch sein, denke ich mir. Ich war schließlich schon öfter, auch im Winter, auf dem spanischen Festland, und länger als ein, maximal zwei Tage hatte ich dort nie schlechtes Wetter erlebt.

Palma ist definitiv einen Besuch wert. Im Hintergrund ist die berühmte Kathedrale zu sehen © Nikolas Woeckner

Über die deutsche Charterfirma four seasons yachting ist am Stützpunkt porto colom yachting schnell ein Boot gebucht: Eine nagelneue Jeanneau Sun Odyssey 389 wird es für mich und meine drei Mitsegler sein. Das Boot erwartet uns in Porto Colom, an der Ostküste der Insel. Um dort hinzugelangen wird ein Transfer erforderlich sein. Über das Internet erfahre ich, dass wir mit Taxikosten von circa 80 Euro von Palma nach Porto Colom rechnen müssen. Hin und zurück also um die 160 Euro. Einer der Mitsegler entdeckt über ein Online-Vergleichsportal stattdessen einen Mietwagen für einen Wochenpreis von 80 Euro, inklusive sämtlicher Versicherungen. So können wir vor Ort auch noch bequem einkaufen fahren.

In den Wochen vor dem Abflug nach Palma checken meine Mitsegler und ich immer mal wieder den Wetterbericht für Mallorca, um die Vorfreude zu vergrößern. Meist herrscht dort sonniges Wetter und angenehme Temperaturen im Bereich der oberen 20 Grad, hin und wieder werden auch 30 Grad Celsius erreicht. Alles sehr vielversprechend. Dann allerdings nähert sich unser Reisetag und die Wetterlage schwenkt um. Etwas reißerische Internetportale beginnen sogar, eine Wetterlage namens Medicane ins Spiel zu bringen. Der Name Medicane ist vom Hurricane abgeleitet, dem tropischen Wirbelsturm! Uns soll also eine Art Wirbelsturm vor Mallorca erwarten? Na ganz toll! Für unsere Segelwoche sind nun von allen seriösen Wetterportalen durchgehend Sturm und Gewitter vorhergesagt. Besserung ist erst für die Zeit nach unserem Törn zu erwarten.

Die Wassertemperaturen im Oktober sind noch hoch genug zum Baden © Nikolas Woeckner

In Palma angekommen, bei strahlendem Sonnenschein wohlgemerkt, wird der Mietwagen bei der sehr günstigen aber auch für ihre Abzockemaschen berüchtigten Autovermietung Goldcar abgeholt. Das Personal am Schalter kann es nicht glauben, dass wir den Wagen für diesen Preis gebucht haben wollen, und setzt einfach noch weitere Versicherungen in Höhe von über 300 Euro auf die Rechnung. Nach etlichem Diskutieren bekommen wir schließlich den Wagen ohne den Abzocke-Aufpreis. Schnell haben wir die einstündige Autofahrt nach Porto Colom absolviert und kommen an der Charterbasis an.

Durch die Sturmtiefs hatte sich teils hohe Dünung gebildet © Nikolas Woeckner

Die Wettervorhersagen kündigen inzwischen neben starken Gewittern auch Schlammlawinen und Überschwemmungen für Mallorca in den nächsten Tagen an. Zum Glück besitzt Porto Colom einen großen und sehr Geschützten Naturhafen. Allerdings nicht bei den angekündigten süd-östlichen Winden, die in der Nacht erwartet werden, klärt uns der freundliche Mitarbeiter an der Charterbasis auf. Am besten sei es, wenn wir schnell das Boot übernehmen und dann einen anderen Hafen ansteuern würden. In der Nacht könnte Schwell von 1,2 Metern in die Bucht stehen, was das Liegen am Kai zu einer Gefährlichen Sache machen würde.

Die EM der Heißluftballonfahrer bot nach Verschiebungen wegen des Wetters auch von See aus ein spektakuläres Bild © Nikolas Woeckner

Unser Plan sah eigentlich vor, nach der Ankunft gemütlich einzuchecken, einkaufen zu fahren und erst am nächsten Morgen abzulegen. Auf eine Fahrt bei Dunkelheit in einen der Häfen in der Nähe hat eigentlich niemand von uns Lust. Wir entscheiden uns bei unserem ursprünglichen Plan zu bleiben, übernehmen das Boot und fahren einkaufen. Als wir zurück sind ist es bereits dunkel. Die Wetterapps sagen inzwischen einen leicht östlicheren Wind voraus, was bedeuten würde, dass wir unseren Liegeplatz für die Nacht doch nicht wechseln müssen. Nach einem ersten mediterranen Essen mit großen Mengen an frischen Garnelen, Aioli und Wein verkürzen wir die Mooringleine und legen noch eine zweite aus. Die Achterleinen fieren wir, sodass wir mit dem Heck Abstand zum Kai bekommen. So sollten wir sicher liegen. Die Nacht wird zwar unruhig, doch der Schwell wird nicht so stark wie befürchtet.

Die nun folgenden Tage beginnen meist ähnlich: Morgens wird der Wetterbericht auf dem Smartphone geprüft, nur um die Apps dann meist verärgert wieder zu schließen. Regen, Gewitter, Sturm, Flaute. Dazu ständig drehende Richtungen, aus denen der Seegang kommt, sodass sich im Laufe der Zeit eine kabbelige See aufbaut. Da wir uns an der Ostküste befinden und der Wind meist aus östlichen Richtungen weht, bieten viele der Calas genannten Buchten kaum Schutz, ebenso wie viele Häfen. Doch wer jetzt denkt, wir hätten keinen Spaß bei diesem Törn, der irrt.

Im Abendlicht erstrahlen die Häuser Porto Coloms © Nikolas Woeckner

Die Temperaturen sind angenehm, selbst im meist nur leichten Regen. Das Essen ist großartig, ob an Land in Restaurants und Tapas Bars oder an Bord selbst zubereitet. Und die Calas haben wir komplett für uns alleine. Beim Ankern in den Buchten ist es sehr wichtig, darauf zu achten, mit dem Anker oder der Kette kein Seegras zu berühren. Da verstehen die Mallorquiner keinen Spaß und es drohen bei Zuwiderhandlung empfindliche Strafen. Trotz des immer wieder aufziehenden Regens ist das Schwimmen im kristallklaren türkisfarbenen Wasser ein Traum. Bis auf die Tage, an denen es gewittert, laufen wir immer wieder uns unbekannte Buchten an. Auf dem Weg dorthin begegnen wir kaum anderen Schiffen, wir haben das Mittelmeer für uns. In der Bucht angekommen wird geankert, geschwommen, gegessen, gelesen und hin und wieder ein Nickerchen gemacht. Da wir von vornherein keinen Meilenfresser-Törn geplant haben, ist niemand an Bord wirklich enttäuscht.

An zwei Gewittertagen, an denen wir uns gegen das Auslaufen entscheiden, nutzen wir den Mietwagen, den wir in Porto Colom geparkt haben. So können wir das Hinterland und auch die Küste von der Landseite aus erkunden. Wir besuchen zum Beispiel die „Cuevas del Drach“, die Drachenhöhlen, in der Nähe des Ortes Porto Cristo, was ein beeindruckendes Naturhighlight ist. Das begehbare Höhlensystem besitzt zahlreiche Seen und im Eintrittspreis sind eine Bootsfahrt und ein klassisches Konzert unter Tage enthalten.

Die Promenade von Porto Cristo endet an der „Schwarzen Höhle“, wo früher Fischer ihre Gerätschaften lagerten © Nikolas Woeckner

Nachdem wir den südlich von Porto Colom gelegenen Ort Cala D’Or mit dem Auto besucht haben sind wir froh, dort nicht hingesegelt zu sein. Die Stadt wirkt auf uns künstlich und nicht gerade einladend. Der Hafen, das muss man ihm jedoch lassen, liegt tief ins Land geschnitten, sehr geschützt bei jeder Wetterlage. Viel besser gefällt uns da Porto Cristo. Die nur einige Seemeilen nördlich von Porto Colom gelegene Stadt besitzt ebenfalls einen sehr geschützten Hafen. Dort liegen wir gleich mehrere Nächte. Für uns als Mallorcaneulinge wird schnell klar: Die „Publicos“, also die öffentlichen Liegeplätze, kosten lediglich die Hälfte im Vergleich zu den Gebühren der privaten „Club Náuticos“. Für unser 39-Fuß-Boot zahlen wir so meist um die 23 Euro. In den „Náuticos“ würden circa 50 Euro fällig werden. Die Häfen sind im Übrigen fast leer. Andere Chartercrews begegnen uns während des Törns kaum. So haben wir in den Häfen immer die freie Wahl.

Der Leuchtturm von Porto Colom ist ein weit sichtbares Wahrzeichen © Nikolas Woeckner

Wir kommen zwar nicht in den Genuss von Hafenkino, aber andererseits bieten wir auch keinen Anlass für Gelächter. Anfangs hatte ich doch kurz Bedenken wegen des Anlegens gehabt, doch schnell stelle ich fest, dass die römisch-katholische Variante, also mit dem Heck zum Steg und Moringleine am Bug, wesentlich entspannter funktioniert, als zum Beispiel das Anlegen in den heimischen Boxen mit Pollern. Mein Tipp für den Ablauf: Mit Schwung rückwärts an den Steg oder die Kaimauer, Aufstoppen, Luv-Achterleine rüber und belegen. Dann kann mit Gas in die Achterleine gedampft werden und das Boot liegt bereits sicher. Nun kann entspannt die leeseitige Achterleine ausgebracht und die Mooringleine aufgenommen und an den Luvseite entlanggeführt am Bug belegt werden. Gangway an Land und fertig. Wir sind regelrecht begeistert und wünschten uns diese Art des Anlegens auch für die Ostsee oder das IJsselmeer.

Bei den Liegeplätzen an der Promenade von Porto Cristo herrschte freie Wahl © Nikolas Woeckner

Der ganz große Sturm, der Medicane bleibt übrigens aus. Doch muss der Flughafen von Palma zeitweise wegen der Unwetter gesperrt werden. An unseren letzten beiden Segeltagen erleben wir schließlich ein anderes Mallorca, das „Bilderbuch-Mallorca“. Der Seegang hat von etwas mehr als zwei Metern auf wenige Zentimeter abgenommen, Wind um vier Beaufort und strahlende Sonne! Waren wir vorher trotz des grauen Wetters schon zufrieden mit dem mediterranen Ambiente, sind wir nun begeistert. Nun ist jeder Zweifel wie wegeggeblasen, warum Mallorca so beliebt ist.

Eine große persönliche Überraschung erleben wir schließlich am Tag unseres Abflugs in Palma. Vorurteilsbehaftet hatte ich bei Palma an eine vom Massentourismus geprägte Großstadt gedacht. Im Hinterkopf hatte ich Ballermann und Schinkenstraße mit aus Eimern trinkenden deutschen Pauschaltouristen. Doch statt Hotelbunkern und Sangriapartys finden wir eine der schönsten Altstädte, die wir je gesehen haben. Und der Hafen von Palma ist für Boots-Interessierte ein Highlight. Bis hin zur 100-Meter-Megayacht finden sich dort alle Arten von Segel- und Motorbooten. Und so lassen wir uns den halben Tag vor unserem Abflug durch die fast autofreie Altstadt von Palma treiben und sind uns sicher: Wir werden wiederkommen.

Ein Kommentar „Mallorca in der Nachsaison: Highlight Herbst-Törn“

  1. avatar oliver@segelnmallorca.de sagt:

    Genau so ist es. Im Dezember geht das genau so.

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