Olympia-Verschiebung: Auch 2021 könnte sehr knapp werden – Abhängigkeit vom Impfstoff

Wettlauf mit der Zeit

Gesundheitsexperten halten nun selbst den auf 2021 verschobenen Tokio-Olympia-Termin für äußerst wackelig. Das macht bewusst, wie lange uns die Corona-Krise noch begleiten wird.

Göttlich/Klasen beim Training mit Mundschutz in China. © Göttlich/Klasen

Es hat lange gedauert, bis sich das Internationale Olympische Komitee dazu hinreißen ließ, die Olympischen Spiele 2020 in Tokio um ein Jahr zu verschieben. Noch vor wenigen Wochen hatte Premierminister Shinzo Abe erklärt, dass die Spiele wie geplant stattfinden können. Schließlich schien Japan in Bezug auf Corona-Infektionen vergleichsweise glimpflich davonzukommen.

Aber die Verlautbarungen mögen Wunschdenken oder gezielte Beschönigung gewesen sein, um das Großevent in Tokio nicht zu gefährden. Die aktuellen Zahlen aus Japan jedenfalls sprechen längst eine andere Sprache. Aktuell wurden 10.797 Fälle bestätigt, Tendenz stark steigend. Problematisch ist dabei eine hohe Dunkelziffer, da in Japan vergleichsweise wenig getestet wurde – etwa fünf Mal weniger als im deutlich kleineren Nachbarland Südkorea.

Offiziell sind bisher zwar erst 236 Japaner am Corona-Virus gestorben, aber aus vielen Teilen des Landes wird berichtet, dass die Notfallversorgung kurz vor dem Kollaps steht. Krankenhausbetten werden immer knapper, und so wurde schon diskutiert, das Olympische Dorf als Isolierstation zu verwenden.

Japan schlecht gewappnet

Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass in Japan auf 100 000 Menschen nur fünf Intensivbetten kommen. In Italien sind es zwölf, und gerade dort starben viele Menschen wegen der eingeschränkten medizinischen Möglichkeiten.

Erstaunlich, dass vor dem Hintergrund dieser schwierigen Infrastruktur überhaupt so lange daran gedacht werden konnten, tausende Olympia-Gäste aus aller Welt einzuladen.

Und Experten erwarten, dass sich der Zustand des Landes in den nächsten Monaten noch deutlich verschlechtern wird. Deshalb könnte Japan auch länger als andere Länder brauchen, um wieder zur Normalität zurückzufinden.

Das ist ein Grund warum einige Wissenschaftler nicht daran glauben, dass auch der Olympia-Termin in einem Jahr nicht gehalten werden könnte. Jedenfalls sorgt in der Sportwelt die Äußerung der Public Health Professorin Devi Sridha von der Universität Edinburgh, für Aufsehen. Sie sagt, dass es ohne einen wissenschaftlichen Durchbruch  sehr unrealistisch sei, die Olympischen Spiele im Sommer 2021 abzuhalten.

Die Impfstoff-Prognosen

Alles hänge von der Entwicklung eines wirksamen Impfstoffes ab. Dieser müsse dann spätestens zu Beginn des nächsten Jahres verfügbar sein. Sie sei bisher davon ausgegangen, dass die Entwicklung mindestens ein bis eineinhalb Jahre dauern würde, habe nun aber auch schon hoffnungsvollere Prognosen gehört.

Der viel zitierte Frankfurter Virologe Martin Stürmer macht ebenfalls wenig Hoffnung auf die Verfügbarkeit eines Impfstoffes für die breite Anwendung in der Bevölkerung noch in 2020. Besonders die klinische Prüfung erfordere immer noch viel Zeit. Ein österreichischer Infektiologe glaubt, dass erst 2022 oder 23 an einen normalen Alltag zu denken ist, wenn es eine Impfung gebe.

Aber es gibt auch optimistischere Stimmen. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller vfa erklärt, dass man zwar vor wenigen Jahren noch 15 bis 20 Jahre für einen solchen Prozess einplante, aber neue Verfahren eine enorme Beschleunigung ermöglichen. Dennoch müsse jedes Impfstoffprojekt zwingend sechs Etappen von der Analyse des Virus über die Erprobung mit Tieren und danach freiwilligen Menschen bis zum Zulassungsverfahren und der Massenproduktion durchlaufen.

80 Impfstoffprojekte

Laut vfa gebe es zurzeit allerdings mindestens 80 seriöse Impfstoffprojekte. Und einige Unternehmen und Forschungsgruppen seien bereits in Etappe 4 eingetreten, der Erprobung mit Freiwilligen. Ursula von der Leyen sprach am Osterwochenende vorsichtig optimistisch von „Ende 2020“. Forscher von der britischen Universität Oxford gehen davon aus, dass ein Impfstoff schon im September bereit steht.

Aber es geht eben nicht nur um die schnelle Entwicklung des Stoffes, sondern auch um die Produktion und globale Verteilung. Deshalb weist die vfa darauf hin, dass es entscheidend ist, eine möglichst hohe Zahl von Impfstoffen zur Zulassung zu bringen, die dann in vielen Produktionsanlagen hergestellt werden können.

Bis dahin werden die Menschen wohl mit Beschränkungen wie dem Tragen von Masken oder dem Verzicht von Großveranstaltungen leben müssen. Die Wirtschaft mag unter Einhaltung der Sicherheitsvorschriften wieder hochfahren, aber die Olympia-Sportler müssen weiter zittern, ob ihr Ziel noch erreichbar ist.

Die Entscheidung nach der Verschiebung, ein weiteres Jahr in die Sportkarriere zu investieren, ist besonders für die älteren Athleten schwer genug. Die Zeit drängt, um noch einen Berufseinstieg hinzubekommen. Aber wenn nun auch das zweite Olympia-Datum in Frage stehen sollte, gerät die weitere Lebensplanung stark unter Druck.

Aber man muss ja nicht immer den Pessimisten glauben. Japan wird sicher alles dransetzen, die Spiele 2021 hinzubekommen. Und die Forscher haben allen Grund, alles zu geben, um einen Impfstoff zu finden. Der Wettbewerbsdruck ist groß

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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